Elise Flury aus Deitingen (1864–1932) brach am 17. Juni 1914 in London zu ihrer Ferienreise nach Skandinavien und Russland auf. In diesem Jahr war sie 50 Jahre alt geworden. Aufgewachsen in Deitingen, war sie als ausgebildete Primarlehrerin im Alter von 18 Jahren in die Hauptstadt des britischen Weltreiches aufgebrochen und dort nun schon seit 32 Jahren als Erzieherin und Hauslehrerin tätig. Elise hatte die Kontakte zu ihrer Familie jedoch immer intensiv gepflegt. Ihre Sommerferien verbrachte sie regelmässig in der Schweiz. Vorher unternahm sie aber meistens noch eine grössere Ferienreise durch fremde Länder. So war sie etwa im Jahr 1912 in Palästina unterwegs. Wegen ihrer Reiselust in alle Welt nannte man sie in der Verwandtschaft die «Welt-Tante». Die Aufzeichnungen in ihren Tagebüchern zeigen, dass sie auch während ihrer Aufenthalte in der Schweiz dauernd unterwegs war, um ihre Verwandten und ihren grossen Kreis von Bekannten zu besuchen.

Ihre Reise im Sommer 1914 sollte zunächst an das Nordkap führen. Geplant war, auf dem Rückweg über Stockholm, St. Petersburg, Moskau, Berlin, Dresden und München in die Schweiz zu reisen. Elise Flury hatte auch diese Reise bis ins einzelne geplant. Die Schiffsreise ans Nordkap war gebucht; an den wichtigsten Stationen wie St. Petersburg und Moskau war eine Unterkunft reserviert. Anfangs August würde sie in der Schweiz eintreffen, um von dort aus Ende September wieder nach London zurück zu kehren. Am 18. Juni 1914 traf Elise in Rotterdam ein. Bis zum 25. Juni blieb sie dort bei einer Bekannten aus der Schweiz und reiste dann über Hamburg, Kopenhagen und Göteborg nach Christiana, wie Oslo damals hiess. Auf der Fahrt dorthin erfuhr sie vom Attentat in Sarajevo vom 28. Juni. Sie notierte in ihr Tagebuch: «Im Zug von Helsingborg nach Christiana am Morgen 29. Juni hielt ein Herr das Morgenblatt in seinen Händen. Mein Blick fiel auf einen grossen Titel und obwohl in schwedischer Sprache, war die Ähnlichkeit des Titels mit der deutschen gross genug, um zu verstehen, dass der Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gemahlin tags zuvor in Bosnia getötet worden waren. Ich war ganz erschüttert. Ein so guter, starker und religiöser Mann und seine nicht weniger gute Frau!! Arme Kinder, armes Österreich, armer alter Kaiser Franz Joseph, dem keine Familientragödie erspart bleibt. Und wiederum sind es halbwüchsige Buben, die solche Gräueltaten verüben.»

Am 1. Juli traf Elise in Bergen ein, dem Ausgangspunkt ihrer Schiffsreise ans Nordkap. Sie hatte für ihre Reise durch Skandinavien von den schwedischen Staatsbahnen und einer Schifffahrtsgesellschaft in Bergen Freikarten als Journalistin erhalten, weil sie beabsichtigte, für Zeitungen in der Schweiz über ihre Reise ans Nordkap zu berichten. An Bord befanden sich etwa 80 Passagiere. Es muss eine internationale Gesellschaft gewesen sein. Holländerinnen, die auf der Insel Java in Niederländisch Ostindien lebten, eine fünfköpfige Familie, Parsen aus Bombay in Britisch Indien, Damen aus Budapest, Innsbruck, Frankfurt a. M. und Berlin sowie ein Ehepaar aus Chicago. Dazu berichtet sie von einer Malerin aus London, die während der Reise insgesamt 12 Bilder malte. Am 10. Juli war das Nordkap erreicht. Elise verliess das Schiff in Narvik und fuhr mit der Bahn nach Stockholm und über Finnland nach St. Petersburg, wo sie am Abend des 18. Juli eintraf. Für den Besuch von St. Petersburg hatte sie vier Tage reserviert. Ihr besonderes Interesse galt dort der Gemäldesammlung in der Eremitage und das Schloss Peterhof, die Sommerresidenz des Zaren. Doch sie schrieb ins Tagebuch: «Hinein konnte man nicht, da Tafel für Präsident Poin-caré aus Frankreich, der gleichen Tages erwartet wurde, gedeckt war.»

Über den Grund des Besuchs des französischen Präsidenten wusste Elise zu diesem Zeitpunkt nichts. Seit dem Zeitungsbericht vom 29. Juni hatte sie keine Ahnung davon, dass die Attentäter von Sarajevo am 2. Juli ein Geständnisabgelegt hatten und sie dabei, gemäss einem österreichischen Untersuchungsbericht, von Serbien unterstützt worden waren und dass der deutsche Kaiser Wilhelm II. Österreich die volle Unterstützung Deutschlands für eine Strafaktion gegen Serbien zugesichert hatte. Genau an diesem Sonntag, an dem Elise die Sommerresidenz des Zaren besuchte, wurde in Wien ein Ultimatum gegen Serbien beschlossen. Im Wissen, dass der französische Präsident seit dem
16. Juli in St. Petersburg weilte, sollte aber mit der Übergabe der Note zugewartet werden, bis der französische Präsident aus St. Petersburg abgereist war. Dies war am 23. Juli der Fall. Dank des Besuchs des französischen Präsidenten schlummerte also am 19. Juli die Krise, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führen sollte, noch in den Kabinetten der Regierungen.

Elise setzte ihre Reise ungestört und nach ihrem Plan fort. Sie hatte von dem Geschehen nicht die geringste Ahnung. Politik und Weltgeschehen waren auch für die Russen kein Thema, wie Elise in ihrem Tagebuch festhält: «Es wurde den Russen ganz Angst, wenn ich sie nach dem Schloss des Zaren fragte, um es wenigstens von Weitem zu sehen. Sie sagten, nur den Namen des Zaren oft zu hören, könne Argwohn erregen. Alle sahen befangen aus und gaben vorsichtige Antworten, so oft ich über Politik und politische und soziale Zustände sprechen oder um Auskunft fragen wollte. Auf meine diesbezügliche Bemerkung antwortete man mir: ‹Man weiss nie, ob am Tisch oder sonst ein Geheimpolizist ist, und es ist nicht angenehm, nach Sibirien zu reisen›. Ein Polizist in Peterhof antwortete auf meine Frage, wo der Zar wohne. ‹Ob in der Luft, ob auf Erden ich und er selbst soll es nicht wissen.›»

Am Abend des 22. Juli reiste Elise mit dem Nachtzug nach Moskau. Am 23. Juli machte sie sich sofort zur Besichtigung des Kreml auf: «Besonders interessierten mich die Zimmer, die Napoleon bewohnt hatte. Der Führer bezeichnete sie mir auch ganz besonders. Ich war die einzige Fremde, ein russisches Fräulein übersetzte aber so gut sie konnte in franz. Sprache. Sass lange beim Alexander-Denkmal und schaute hinunter nach Moskau und träumte von all den Ereignissen, die hier stattgefunden haben. Der Kreml ist der Inbegriff von Moskau, die Sehenswürdigkeit, die mich nach Moskau zog.» Am Nachmittag besuchte sie die Erlöserkirche: «Vor derselben schönes Denkmal Nikolaus II. Kam bei demselben mit der Russin ins Gespräch, die mich in der Kirche gesehen. Sie schien ob meiner Kühnheit, allein zu reisen, erstaunt und belustigt.» Elise verliess Moskau am Abend des 24. Juli mit dem Zug nach Berlin. In der Nacht vom 25. auf den 26. Juli gab es einen Halt in Warschau. Da erinnerte sie sich an den polnischen Freiheitskämpfer Kosciuszko, der 1817 in Solothurn verstorben war: «Stieg aus, um entweder eine Handvoll Erde oder lieber eine Blume für das Grab von Kosciuszko in Zuchwil mitzunehmen. Fand eine Blume und nahm sie heim.»

Am 26. Juli war sie in Berlin. Endlich erfuhr sie von den Folgen des Attentats von Sarajevo, das für sie bisher eine Habsburger Familientragödie war. Sie schreibt: «Nun möchte ich ausdrücklich betonen, dass ich in Russland nicht die geringsten Anzeichen von Mobilisation oder Krieg gesehen habe. Ich hatte nicht die geringste Ahnung von Gewitterwolken am politischen Horizont. Darum war es mir eine Überraschung als ich in Berlin, Nachmittags 2–3 Uhr, ankam und das Volk dicht gedrängt unter den Linden und überall stand, Zeitungsbulletins las und die Jungmannschaft die ‹Wacht am Rhein›-singend umherzog und die russische Gesandtschaft von der Polizei beschützt werden musste. Ich las das Ultimatum von Österreich an Serbien und räsonierte wie folgt: Serbien wird nachgeben, wenn es nicht von Russland unterstützt wird. Es darf von Russland nicht unterstützt werden, denn sonst gibts einen europäischen Krieg. Das darf Russland nicht herauf beschwören. Folglich gibt Serbien nach und wir haben keinen Krieg. Ohne jegliche Kriegsangst besah ich mir die Hauptstadt des Deutschen Reiches und ihre Schätze.»

*Autor Markus Moser ist der Urgrossneffe von Elise Flury. Er lebt in Niederwangen.

Teil 2 des Reiseberichts erscheint nächsten Sonntag.