Biberist
Wie die Emme gebändigt wird

Die Umgestaltung der Emme war Thema des Informationsanlasses zur Mitwirkung. Projektleiter Roger Dürrenmatt und Bauingenieur Tobias Weiss informierten und beantworteten Fragen.

Urs Byland
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Mit grossem Interesse werden die Pläne studiert und diskutiert.

Mit grossem Interesse werden die Pläne studiert und diskutiert.

UBY

Es gibt Ereignisse, die das Leben verändern. Ein solches seien die Hochwasserschutzprojekte an der Emme. Diesen Gedanken begründete Gemeindepräsident Martin Blaser eingangs der Informationsveranstaltung zum Start der öffentlichen Mitwirkung. Die Emme soll auch im letzten Teil des Unterlaufs gebändigt werden. Südlich der Emmenbrücke in Biberist präsentiert sie sich bereits in ihrem neuen Kleid, nachdem das Hochwasserschutz-Projekt 1 vor zwei Jahren abgeschlossen werden konnte. Für die letzten 4,8 Kilometer Emme ab Emmenbrücke Biberist bis zum Emmenspitz wurde ein Hochwasserschutz-Projekt 2 erarbeitet. Dieses geht nun in
die Mitwirkung, an der sich alle beteiligen können.

Was in Biberist passiert

Die Menge des Aushub in Biberist beträgt geschätzte 456 000 Kubikmeter Erdreich. Davon werden rund 245 000 Kubikmeter weggeführt. Dazu sind 30 000 Lastwagenfuhren nötig. Die provisorische Rodungsfläche in Biberist beträgt 210 000 Quadratmeter. Davon werden 47 000 Quadratmeter definitiv gerodet. Das entspricht zirka sieben Fussballfeldern.

Biberist war die erste Station der Reihe von Informationsveranstaltungen zur Mitwirkung in den vier betroffenen Gemeinden Biberist, Derendingen, Luterbach und Zuchwil. Rund 40 Personen besuchten den Anlass im Singsaal des Bleichenmattschulhauses. Auf dem Tisch lag das Planwerk zum Projekt, zwei Schuhschachtel grosse Kartons mit den Plänen darin. Wert rund 1000 Franken, wie Projektleiter Roger Dürrenmatt vom Amt für Umwelt, erklärte. Die Pläne werden in den vier Gemeinden sowie in zwei Amtsstellen aufliegen und zugänglich sein.

Nachgefragt: «Dammbrüche müssen vermieden werden»

Roger Dürrenmatt, Sie haben mit Emme-Anrainern Gespräche geführt. Wie reagieren diese auf die Umgestaltung der Emme?
Roger Dürrenmatt: Grundsätzlich positiv, weil sie wissen, wie die Emme wüten kann. Es bestehen aber schon Befürchtungen, etwa dass Leute auf dem Damm spazierend in die Stube sehen können oder dass Gartenanlagen zurückgebaut werden müssen. Bis auf drei Grundeigentümer beim Dorfbach Biberist sind es aber nicht Anlagen auf eigenem Grund.

Am Infoanlass waren Ängste spürbar, ob mit der Umgestaltung das Wasser zurückgehalten werden kann. Was wird sich verbessern?
Dämme sind Massnahmen zweiter Kategorie. Zuerst verbreitern wir die Emme und geben dem Wasser mehr Raum. Ist dies nicht möglich, braucht es Dämme. Wir haben in der Schweiz viel Know-how, wie diese Dämme konstruiert sein müssen. Ein Restrisiko gibt es aber immer. Wir versuchen dieses zu vermindern, indem wir den Zustand der Dämme kontrollieren, schauen, dass das Gehölz wächst, wie gewünscht, oder dass sich Private nicht so ausbreiten, dass die Schutzfunktion gefährdet wird.

Konkret fürchten Anwohner Dammbrüche. Was passiert, wenn zu viel Wasser kommt?
Kommt mehr Wasser, wir sprechen hier aber von einem Ereignis, das vielleicht alle 500 bis 1000 Jahre vorkommt, weiss man aufgrund von Berechnungen, wo das Wasser über die Dämme hinaustritt. Das wissen wir jetzt schon, denn wir wollen das Wasser gezielt ausleiten. Dammbrüche müssen vermieden werden. Dazu werden an diesen Stellen Überströmsicherungen eingebaut.

Aktuell wird nicht kanalisiert, sondern dem Wasser Raum gegeben. Dient dies nicht nur der Ästhetik?
Mit mehr Breite erhält man einen grösseren Querschnitt und mehr Wasser kann aufgenommen werden. Es bringt eine ökologische Aufwertung und eine Sohlenstabilisierung, dadurch kann auf einzelne Querbauwerke verzichten werden.

Könnte man noch mehr Geld einsetzen und sicherer bauen?
Hauptkriterium ist das Ziel, also 650 Kubikmeter Wasser pro Sekunde plus eine Reserve ableiten zu können. Der Bund schreibt zudem vor, dass Hochwasserschutz ökologisch erfolgen muss. Wir könnten auch mehr Geld ausgeben und alles hart verbauen, aber das würde nicht bewilligt. Die ökologischen Vorgaben helfen auch Kosten sparen.

Roger Dürrenmatt ist zuständig für für Wasserbauprojekte, Unterhalt in der Abteilung Wasserbau beim kantonalen Amt für Umwelt.

Schutzgitter an der Emmenbrücke

Die Biberister, darunter etliche von den Baumassnahmen direkt Betroffene Emmen-Anrainer, kamen um zu erfahren, was vor ihrem Haus geplant ist. Und das
ist nicht wenig mit diesem 73-Millionen-Projekt, das voraussichtlich am 29. November 2015 vom Solothurner Volk entschieden wird. Die Gefahr ist nicht restlos eliminierbar und deshalb stets in den Köpfen. Ein Hochwasser kann jederzeit die Emme zum reissenden Ungetüm werden lassen (siehe auch den Bericht in der gestrigen Ausgabe). Ziel sei es, ein Jahrhunderthochwasser mit 650 Kubikmeter Wasser pro Sekunde auffangen zu können. Zuzüglich einer Reserve von 90 bis 120 Zentimeter Dammhöhe.

Die Massnahmen in Biberist beginnen bereits bei der Emmenbrücke, die auf der Unterseite mit einem Schutzgitter versehen werden soll, damit Bäume sich nicht verkeilen können. Nach dem Wehr erfährt die Emme eine Verbreiterung des Flussraumes. Neben dem ehemaligen Papieri-Areal wird es aber bereits wieder enger. Eine Verbreiterung ist nicht möglich. Der Abbau der Bioschlammdeponie der Papieri bringt anschliessend aber die Möglichkeit einer grosszügigen Verbreiterung des Flusslaufes. Rund 19 000 Kubikmeter belastetes Material, davon 50 Prozent schwer belastetes Material, das nur noch in Zementwerken verbrannt werden darf, müssen aus der Deponie abgeführt werden. Auch die Kläranlage der Papieri wird weggeräumt und bildet innerhalb des neuen Überflutungsraumes eine Insel.

Kiesfelder mit Inseln

Die Verbreiterung des Emmeraumes erfolgt vor allem Richtung Südosten. Auf der nordwestlichen Seite liegen Wohnquartiere. Dort sind die Möglichkeiten begrenzt. Bis zur Gemeindegrenze Derendingen erfolgt eine radikale Umgestaltung. Freiräume entstehen, die nur bei einem Hochwasser überschwemmt werden. Die Folge sind Kiesfelder mit Inseln neben dem ordentlichen Wasserlauf der Emme.

Hochwasser im Vergleich

August 2005: 530 m3/s, das entspricht einem 30 Jahre-Hochwasser
August 2007: 665 m3/s, das entspricht einem Jahrhundert-Hochwasser
Juli 2014: 430 m3/s, das entspricht einem Jahrzehnt-Hochwasser
Ziel mit dem zweiten Projekt: 650 m3/s plus Freibord 90 bis 120 Zentimeter

Während der Dorfbach sein gewohntes Bett nicht verlassen muss, erhält das Seebächli weiter nördlich einen gänzlich neuen Verlauf. Der Bach wird entlang dem Hornusserfeld, hinter dem Hornusserhüttli durch und danach zur Emme geführt. Dies neu auf Derendinger Boden. Rückstaus im Seebächli haben bisher manchmal zu Überflutungen an der Girizstrasse und dem Weidenweg geführt. Alle baulichen Massnahmen sind so angelegt, dass die Gewässer fischgängig sind

Nicht nur die Flusslandschaft auch der Umgang mit dieser wird sich verändern. Alte Trampelpfade sollen verschwinden, ein Erlebnisweg soll entstehen, ebenso eine Steintreppe mit Aussicht auf die Emme. Schwerpunkte werden definiert, wo der Mensch die Emme erleben darf, wo die Natur Vorrang haben soll und wo auf die Natur Rücksicht genommen werden sollte. Wer hier noch etwas beitragen will, kann zum Projekt bis 7. November schriftlich Stellung nehmen, sei es in einem Brief ans Amt für Umwelt oder mittels Fragebogen (www.afu.so.ch/emme).

Im Anschluss an die Informationen beantworteten die Experten Fragen. Teils wurde das Projekt heftig diskutiert, was erahnen lässt, dass die eingangs gesagten Worte des Gemeindepräsidenten zutreffen werden.

Wie geht es weiter?

7. Nov. 2014: Mitwirkungsende
Ende 2014: Mitwirkungsbericht
Juni 2015: Öffentliche Projektauflage
29. Nov. 2015: Kantonale Abstimmung zum Projektkredit
2016/2017: Sanierung Deponien
2018 bis 2022: Wasserbau Los 1 bis Los 3