Anschlag in Boston
Wie die Blums aus Lotzwil den Bombenanschlag in Boston erlebten

Die Läuferin Carmen Blum aus Lotzwil war beim Sprengstoff-Anschlag am Boston-Marathon mittendrin. Kaum war sie am Ziel, hörte sie einen grossen Knall und dann gleich noch einen. Sie machte sie grosse Sorgen um ihre beiden Töchter.

Fränzi Rütti-Saner
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Da war noch alles friedlich. Einen Tag vor dem Boston-Marathon besichtigte Familie Blum aus Lotzwil die Strecke und das Zielgelände.

Da war noch alles friedlich. Einen Tag vor dem Boston-Marathon besichtigte Familie Blum aus Lotzwil die Strecke und das Zielgelände.

Zvg

Eigentlich war es für Carmen Blum ein erfolgreicher und schöner Marathon gewesen – und erst noch der erste in ihrer sportlichen Karriere. Sie lief nach 3 Stunden, 50 Minuten und 15 Sekunden über die Ziellinie, gut 10 Minuten schneller, als sie es sich vorgenommen hatte. Als sie rund 200 Meter nach der Ziellinie bei der Medaillenabgabe anstand, erschöpft, aber glücklich und ein wenig «torkelnd», wie sie erzählt, und sich dabei immer wieder nach ihren beiden Töchtern umsah, welche sie in Empfang nehmen sollten, hörte sie einen grossen Knall. Das war um 14.50 Uhr. «Mir war sofort klar: Das muss eine Bombe gewesen sein. Kein Hauseinsturz wegen einer Gasleitung oder etwas Ähnlichem.» Nach weiteren 15 Sekunden noch einmal ein solcher Knall. Sie sehe noch jetzt den weissen Rauch aufsteigen und höre die Schreie und die Aufregung der Menschen.

Ihre grösste Angst und Sorge galt in diesem Moment ihren beiden Töchtern, die sie auf 14.50 Uhr in den Zielbereich bestellt habe. Sie waren nirgends auszumachen. «Ich hatte Angst, dass die beiden ausgerechnet dort, wo die Bombe explodierte, auf mich warteten. Ich fand sie nicht am vereinbarten Treffpunkt und konnte sie auch nicht suchen gehen. So blieb mir nichts anderes übrig, als ins Hotel zurückzugehen. Dort versuchte ich die Töchter telefonisch und per SMS zu erreichen, doch es kam keine Antwort», erzählt die 49-Jährige noch heute mit einer Aufregung in der Stimme. Das seien die schlimmsten Minuten gewesen, die sie an diesem Boston-Marathon habe durchstehen müssen, sagt sie, denn um ihren Mann, der langsamer unterwegs war, musste sie keine Angst haben. «Die hinteren Läufer wurden gleich nach dem Knall abgestoppt und umgeleitet.»

Dann endlich, nach bangen zehn Minuten Warten im Hotelzimmer, seien die Töchter tränenüberströmt zurückgekommen. Sie berichteten, dass sie beim Herangehen ans Zielgelände den Knall gehört hätten, und als alle Leute ihnen entgegengerannt seien, seien sie ebenfalls zum vereinbarten Treffpunkt gerannt. Weil dann die ganze Umgebung abgesperrt wurde, konnten sie nicht weiter warten und gingen dann zurück zum Hotel. «Auch sie hatten natürlich Angst um mich, denn mein geplanter Einlauf wäre genau zum Zeitpunkt der Explosion gewesen. Wenn ich nicht zehn Minuten schneller gelaufen wäre ...» Im Hotelzimmer konnten die drei dann anhand der Fernsehbilder den Ablauf dieser unglaublichen Minuten rekonstruieren.

Carmen Blums sportlicher Erfolg rückt bei ihren dramatischen Schilderungen fast ein wenig in Vergessenheit. Doch jetzt, zehn Tage nach dem Ereignis, freut sie sich sehr darüber, umso mehr dieser Boston-Lauf ihr erster Marathon war. «Es tut mir so leid, dass ausgerechnet dabei dieser schreckliche Bombenanschlag geschehen musste.»

Nur auf Ihren Mann und Vater mussten die Blum-Frauen noch einige Zeit warten. «Die nachfolgenden gestoppten Läufer wussten sehr lange nicht, was eigentlich los war», erzählt Carmen Blum. «Zudem begannen die Läufer, die ja seit Stunden in Lauftenüs unterwegs waren, langsam zu frieren. «Dann endlich, um 17.30 Uhr, ist mein Mann durch den Lieferanteneingang ins Hotel gekommen. «Bekleidet» war er mit einem Plastiksack, der ihm etwas Wärme spendete. Eine Zuschauerin hatte ihm diesen Schutz mitgegeben. Nur weil der Ehemann einer anderen Läuferin den Hotelzimmer-schlüssel mit sich trug, gab man ihnen Einlass.

Rückblickend soll das schreckliche Ereignis nicht der Grund sein, keinen Marathon mehr zu laufen, sagt Carmen Blum. «So tragisch es für die Betroffenen ist: Man darf sich nicht einschüchtern lassen, sonst kann man ja gar nichts mehr unternehmen.» Und eigentlich habe sie neben den angstvollen Minuten auch sehr schöne Erinnerungen an diesen Boston-Marathon, die Stadt und ihre Bewohner.