Herbetswil

Wie der Praktikant zum «Mister Naturpark» wurde

Stefan Müller an einem seiner Lieblingsplätze, einem Findling auf dem Vorder Brandberg in Herbetswil. wak

Stefan Müller an einem seiner Lieblingsplätze, einem Findling auf dem Vorder Brandberg in Herbetswil. wak

Vor zehn Jahren begann Stefan Müller, sich für den Naturpark Thal einzusetzen. Am nächsten Donnerstag geht für ihn die Zeit als Programmleiter des Parks zu Ende. Sein Nachfolger ist René Urs Altermatt.

Stefan Müller widmet sich nun vorab der Arbeit als Nationalrat und Gemeindepräsident von Herbetswil, bleibt aber dem Naturpark in Teilzeit treu, für den er sich seit 10 Jahren so stark eingesetzt hat, dass man ihm den Namen «Mister Naturpark» gab.

Wie und wo ist die Idee zum Naturpark eigentlich entstanden?

Stefan Müller: Die hat sich aus dem Vorläuferprojekt ViThal («motivieren, das eigene Umwelt- und Gesundheitsverhalten im Alltag miteinander zu verknüpfen», Anm. der Red.) heraus ergeben. Das lief so: Während meines Studiums lernte ich als Praktikant in einem Oensinger Ingenieurbüro Thomas Schwaller kennen, der später dann Präsident von Region Thal wurde. Als man 2002 im Projekt ViThal personelle Engpässe hatte, fragte er mich, ob ich nicht etwas aushelfen könne. Ich war mittlerweile Doktorand und konnte das Zubrot gut gebrauchen. Mit einem Teilpensum rutschte ich dann quasi in die Regionalplanung hinein. Und als das Projekt am Auslaufen war, fragte man sich, wie es nun mit den Projekten weitergehen sollte. So fasste man als Fortsetzungsprojekt den Naturpark ins Auge.

Wer hatte die zündende Idee zum Naturpark?

Als allererster hat wohl Thomas Schwaller den Begriff in den Mund genommen, zusammen mit Hans Weber und mir haben wir den Gedanken weitergesponnen. Wir haben dann dem Bundesamt für Gesundheit, das für ViThal zuständig war, schmackhaft gemacht, ViThal in einen Naturpark zu überführen. Ich ging hinaus mit dieser Idee und sammelte Geld, um eine Machbarkeitsstudie erstellen zu können. Von diesem Moment an war ich halt derjenige, der gegen Aussen den Naturpark quasi repräsentierte.

Keiner der drei stammt aus dem Thal: Sie aus Wolfwil, Schwaller aus Luterbach und Hans Weber hat aargauische Wurzeln. Warum kam kein Thaler auf die Idee?

Die Thaler lieben ihr Thal, aber sie hielten es wohl nicht für möglich, daraus einen Naturpark zu machen. Das kam zum Beispiel zum Vorschein, als ein Mitarbeiter vom Bundesamt in Laupersdorf über den Naturpark referierte. Im Anschluss kamen nicht Fragen, mit welchen Einschränkungen zu rechnen sei, sondern ob das Thal überhaupt Naturpark werden könne wegen der neuen Südanflüge oder wegen der stark befahrenen Thalstrasse.

Hatten Sie ein Naturparkprojekt als Vorbild?

Da war einmal das Biosphärenreservat Entlebuch und zum andern gibts im Ausland jede Menge davon. In der Schweiz hat man aufgrund des damals laufenden Gesetzgebungsprozesses immer wieder von Naturparks gehört, die da kommen sollen.

Wann kam die Idee eines Naturparks Thal erstmals in die Öffentlichkeit?

Mit der Geldsammel-Aktion für die Machbarkeitsstudie. Zum allerersten Mal öffentlich ausgesprochen habe ich die Idee an der Generalversammlung des landwirtschaftlichen Bezirksvereins Thal, und die hatten eigentlich keine Freude. Sofort kamen Befürchtungen auf wegen Auflagen. Trotzdem sprach die Versammlung dann einen Beitrag von 500 Franken.

Warum diese Skepsis?

Es ging um einen Paradgimenwechsel. Bisher kannte man nur den hoheitlichen Naturschutz vom Bund her. Da wurde verfügt, hier und dort ist geschützt, Naturreservat, Moorschutz usw., das heisst Nutzungsverzicht. Die Skepsis war absolut verständlich.

Was bewirkte diese Machbarkeitsstudie?

Die kam sehr gut an in Bern. Dort befand man, diese Region sei hochgradig geeignet für einen Naturpark, ja geradezu prädestiniert. Dieser Meinung bin ich heute noch. Erst recht, wenn ich auf andere Naturparkprojekte schaue.

Was ist denn dort anders?

Der wohl wichtigste Grund ist die fehlende Identifikation mit der Region, der Zusammenhalt fehlt. Dann fehlt der Leidensdruck, den wir im halt Thal schon stark spüren, auch heute noch. Vielleicht fehlt es andernorts auch am Potenzial. Das hingegen ist bei uns vorhanden, das Thal war zum Beispiel touristisch unterentwickelt.

Welches waren die grössten Hürden?

Die waren in Bern beim Bund, obwohl man uns dort, wie gesagt, gut gesinnt war. Wir mussten enorm viele Unterlagen einreichen, wobei diese zu erarbeiten für uns eigentlich gut war. Denn wir mussten ja formulieren und festlegen, was wir wollen. Das war ein sehr langer Prozess und auch die grösste Hürde – am Anfang.

Das heisst, später kamen andere Hürden.

Dann kamen jene, die auch heute noch die grössten sind: das Geld. Hätte man mehr davon, so könnte man noch viel mehr machen. Eine weitere Hürde ist, eine Breitenwirkung zu erreichen.

Was heisst das konkret?

Wir haben viele Leute, die begeistert mitmachen im Naturpark. Aber wir haben nicht das ganze Thal, das jubelt: Juhee, wir haben einen Naturpark, jetzt werden wir innovativ, investieren in den Tourismus oder lancieren selbstbewusst unsere Produkte. Diese Welle fehlt uns schon noch.

Warum glauben Sie, ist das so?

Man darf nicht vergessen: Das Thal war über Jahrzehnte und ist eigentlich heute noch eine Industrie- und Agrarregion, quasi ein Volk von Büezern und Bauern. Noch bis vor 40 Jahren pendelten die Leute ins Thal zur Arbeit, angefangen bei der Klus, dann in der Papieri Balsthal und der OWO in Mümliswil über Aedermannsdorf mit Rössler Keramik bis Herbetswil und Welschenrohr mit der Uhrenindustrie. Mit dem Tourismus beispielsweise hat sich niemand befasst, genauso wie unter den Grossbetrieben kaum unternehmerisches Denken entstanden ist. Ein Wandel braucht Zeit. Zudem muss man sehen, dass das Thal mit Abwanderung zu kämpfen hat im Gegensatz zum Gäu, das stark prosperiert. Das Thal erfährt aber längst nicht jene Wertschätzung, die es verdient. Wir sind grundsätzlich viel weniger hinter dem Berg, als man vor dem Berg meint.

Gab es auf dem Weg zum Naturpark auch Überraschungen?

Ja, ich hatte mich eher auf Naturschutzprojekte und Produkte aus dem Thal eingestellt. Wohnmarketing zu betreiben, sah ich als Nebenprodukt. Doch dann wurde daraus ein richtiger Programmpunkt und das stellte sich als gut heraus. Es zeigt, dass in einem Naturpark eben viel mehr möglich ist, als man zuerst denkt und hofft.

Sie bekamen bald einmal den Namen «Mister Naturpark». Wie wurden Sie empfangen, wenn es darum ging, Leute für das Projekt zu gewinnen?

Nur vereinzelt hörte ich Bemerkungen wie, «da kommt so ein Grüner.» Im Gesamten gesehen verliefen meine Werbetouren sehr gut. Ich war ja auch überzeugt von dem, was ich sagte und man glaubte mir das.

Ab wann werden Sie die Arbeit beim Naturpark vermissen?

Der vielen Büroarbeit trauere ich nicht nach. Aber den politischen Einsatz, draussen bei den Leuten weibeln gehen, das werde ich vermissen. Der Aufbau war das Spannende. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt für einen Wechsel. Es braucht neue Leute mit neuen Ideen.

Jetzt sind Sie im Nationalrat. Wurden Sie dort erkannt als jener, der als Erster das nationale Label für den Naturpark erhalten hat?

Ja, viele wussten schon, woher ich komme. Lustiges habe ich von meinem Sitznachbar im Rat erfahren. Er kommt aus dem Kanton Schwyz, wo man auch einen Naturpark aufbauen möchte. Er habe den Leuten immer wieder von mir erzählt und wie das im Thal laufe, aber die glauben mir das einfach nicht.

Eine nützliche Verbindung also, dieses Nationalratsmandat?

Ja, das ist so. Fürs Thal bin ich wirklich gut parkiert.

Lesen Sie das vollständige Interview in der heutigen Ausgabe der AZ Solothurner Zeitung.

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