«Die Trauben hatten einfach noch zu wenig Oechsle», berichtet der Pionier, der 2007 erstmals in seinem neu angepflanzten Rebberg auf der Vogelherd ernten konnte und seither stolzer Produzent des «Oenziger Wy» ist. Also liess er die Trauben länger hängen und hoffte auf den Altweibersommer. Denn ein schöner Sonnentag kann den Zuckergehalt um ein bis zwei Oechslegrade ansteigen lassen.

Doch der Winzer kann nicht unbegrenzt zuwarten: Je länger die Trauben hängen, umso grösser ist das Risiko, dass sie faulen. Und auch Bienen und Wespen freuen sich über das reiche Angebot an den Stöcken.

Wenig Glück dieses Jahr

Am letzten Samstag hat sich Ruedi von Arx entschlossen, seine Helferinnen und Helfer auf gestern Montag zur Traubenlese aufzubieten. Mit 79 bis 80 Grad Oechsle waren seine Erwartungen zwar nicht ganz erfüllt – letztes Jahr hatten ihn seine Regent-Trauben mit 89 Oechsle verwöhnt. Ausserdem hat Staunässe bei manchen Trauben Stielfäule verursacht – und zu allem Übel hatte von Arx auch mit dem Falschen Mehltau zu kämpfen. «Dieses Jahr hatten wir nicht so viel Glück», sagt er und schiebt offenherzig nach: «Uf Dütsch gseit: Es isch es Schiissjohr gsi.»

Einziger Trost: Andern ging es nicht besser. Nicht nur für die Rebbauern war es ein schwieriges Jahr, auch bei Kirschen, Zwetschgen, Äpfeln gab es Ausfälle, und selbst die Bienen lieferten vielerorts weniger Honig. «Das ist die Natur», meint von Arx und fügt bei: «Ein Landwirt sagte mir: Jetzt siehst du mal, wie es ist, wenn man davon leben muss.» Für ihn sei es ja nicht so schlimm, denn als Pensionierter betreibt er den Weinbau als Hobby. Und seine Frau, Claire von Arx, sagt: «Letztes Jahr war herrlich, mit Menge und Qualität im Überfluss. Mir war immer klar, die Natur gleicht alles aus.»

Eine mühselige «Dökterliarbeit»

Für den Wein bedeutet das, dass der Winzer mehr gefordert ist. «Ich habe den Ehrgeiz, dass man den Wein trinken kann», macht von Arx in Understatement, «denn die Arbeit hatte ich ja doch». Das heisst: Nur die besten Trauben sind dieses Jahr gut genug. Schon dreimal hat der Winzer den Behang reduziert, zuletzt vor einer Woche. Trotzdem wird auch jetzt, bei der Ernte, mit der Schere unbarmherzig weggeschnitten, was nicht genügt: «Keine faulen, keine verschrumpelten, keine angefressenen, keine Grünen.» So landen von mancher scheinbar schönen, vollen Traube nach vielen Schnitten nur gerade fünf, sechs Beeren in der Kiste.

Eine mühselige «Dökterliarbeit» für das neunköpfige Team, wie der Augenschein gestern zeigte. «Letztes Jahr haben wir in kürzerer Zeit das Doppelte bis Dreifache an Menge abgelesen», erinnert sich von Arx. Am Ende kann er von den 360 Stöcken nur etwa 200 Kilo Trauben bei Adrian Klötzli in Twann abliefern, wo der «Oenziger Wy» professionell gekeltert wird. Denn die Kontrolle ist streng: «Der Winzer gibt seinen guten Namen nicht für schlechte Trauben.»

Mit Sicherheit wird es also vom «Oenziger» Jahrgang 2012 weniger zu trinken geben als vom 2011er. Wie gut er ist, wird sich frühestens im nächsten August zeigen, wenn er in Flaschen abgefüllt wird.

www.oenzigerwy.ch