Balm bei Messen
Wer war der vierte König? - Eine Weihnachtsgeschichte im Sommer

Der Ferienpass führte in die Kirche von Balm. Anhand der Glasfenster erzählt Heinrich Kocher die Geschichte vom vierten Weisen. Sie geht vermutlich auf den amerikanischen Autoren van Dyke zurück. Die Glasfenster stammen vom Künstler Max Brunner.

Beatrice Kaufmann (Text und Fotos)
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Die Kinder hören zu, was ihnen über die Geschichte in den Bildern im Kirchenfenster erzählt wird.

Die Kinder hören zu, was ihnen über die Geschichte in den Bildern im Kirchenfenster erzählt wird.

Beatrice Kaufmann

«Wieso wird mitten im Sommer eine Weihnachtsgeschichte erzählt?» Die Frage, die Heinrich Kocher seinen jungen Zuhörern stellt, scheint berechtigt. Für den Ferienpass Bucheggberg trägt der pensionierte Lehrer Kindern gerne eine Geschichte vor, die sein Leben seit langem begleite. Anlass dazu bieten die Glasfenster in der Kirche Balm bei Messen, auf denen der Künstler Max Brunner in schlichten, aber eindrücklichen Bildern die Legende des vierten Königs illustriert hat.

Während einer Stunde trägt der passionierte Geschichtenerzähler die Legende vor. Dabei können die Kinder den bunten Kirchenfenstern wie einem Bilderbuch folgen. Die Geschichte der drei Weisen aus dem Morgenland ist allseits bekannt. Weit weniger vertraut ist hingegen die Figur des vierten Königs, der sich ebenfalls aufmachte, um Jesus nach dessen Geburt zu besuchen. «Er kam aber zu spät an. Zudem am falschen Ort. Oder vielleicht doch nicht?»

Der vierte Weise wollte dem neugeborenen König ebenfalls drei Geschenke bringen: einen Saphir, einen Rubin und eine Perle. Nur mit diesen Kostbarkeiten, einer Krone, einem goldenen Gewand und einem roten Mantel machte sich der König auf die Reise, die über drei Jahrzehnte dauern sollte. Unterwegs traf er immer wieder auf Hilfsbedürftige, denen er selbstlos Hand bot und für die er seine restlichen Besitztümer verkaufte. Seine guten Taten kosteten Zeit. Stets verpasste er Jesus, verfolgte dessen Spur aber konsequent. Als alter, mittelloser Mann traf der vierte König gerade noch rechtzeitig auf Golgatha ein, wo er Jesus das Kreuz abnahm. Kurz vor seinem Tod liess Jesus erkennen, dass er um die guten Taten des Weisen wusste: «Alles, was du an den notleidenden Menschen getan hast, das hast du für mich getan.» Nachdem Jesus sein Leben an diesem Karfreitag ausgehaucht hatte, fand auch der Weise, zwar erschöpft, aber erfüllt, den Tod.

Eines der Glasfenster, auf denen die Geschichte vom vierten König erzählt wird

Eines der Glasfenster, auf denen die Geschichte vom vierten König erzählt wird

Beatrice Kaufmann

Waren die drei Könige Ärzte?

Während Kocher die Legende vorträgt, lässt er immer wieder spannende Details einfliessen. Etwa, dass die drei Könige vielleicht Ärzte waren. Denn aus ihren Geschenken, Gold, Myrrhe und Weihrauch, liessen sich Arzneien herstellen, die gegen Krankheiten halfen. Und die Geschwister Rahel, Benjamin und Gabriel finden gar Parallelen zu Geschichten wie die vom barmherzigen Samariter.

Tatsächlich ist die Figur des vierten Königs nicht biblischen Ursprungs, sondern dürfte auf den amerikanischen Autor Henry van Dyke zurückgehen, der den vierten Weisen im 19. Jahrhundert literarisch einführte. Im deutschen Sprachraum hat insbesondere Edzard Scharp in den 1960er-Jahren für die Verbreitung der Legende gesorgt. Nur knapp zehn Jahre später entstanden die Fenster in der Kirche Balm, was erkennen lässt, wie fasziniert Max Brunner von der Legende war. Sie mag weniger bekannt sein als jene der drei Könige. Ihre zentrale Aussage – dass letztlich gute Taten wertvoller sind als Reichtum – ist dafür aber umso aktueller. Auch im Sommer.