Langendorf
Wenn Schulkinder plötzlich Probleme haben

Ruedi Spiegel arbeitet in Schulen der Region im Bereich der Schulsozialarbeit. Er ist ganz nah dabei, wenn Schulkinder plötzlich Streit oder andere Probleme haben. Spiegel sucht dann nach Lösungen.

Urs Byland
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Ruedi Spiegel: «Zu Beginn haben viele Lehrkräfte Respekt und fürchten Kritik und Kontrolle.»

Ruedi Spiegel: «Zu Beginn haben viele Lehrkräfte Respekt und fürchten Kritik und Kontrolle.»

Urs Byland

Schulsozialarbeit ist aktuell oft ein Thema in den Gemeinden. Grenchen hat Schulsozialarbeiterinnen angestellt, ebenso Solothurn. Andere Gemeinden verfügen über ein Kostendach für Mandate in diesem Bereich. Mandate, die beispielsweise von Ruedi Spiegel wahrgenommen werden. Der Langendörfer ist seit zehn Jahren an der Schule Zuchwil und seit bald zwei Jahren an der Gesamtschule Langendorf/Oberdorf/Rüttenen (Geslor) tätig.

Ruedi Spiegel, Schulsozialarbeit taucht nicht an allen Orten unter diesem Namen auf. Warum?

Ruedi Spiegel: In Zuchwil heisst dies Beratung und Begleitung in schwierigen Schulsituationen und an der Geslor bin ich die Fachperson für erweiterte pädagogische Anliegen. Es unterscheidet sich insofern von Schulsozialarbeit, als diese mehr Projekte an der Schule organisiert. Sie wirkt also auch animatorisch. Ich mache eher den Beratungsteil der Schulsozialarbeit, arbeite aber schon mit ganzen Klassen, wenn das Thema dies erfordert. Beispielsweise wenn aus einer Klasse drei, vier Kinder mit dem gleichen Problem zu mir kommen. Ein typisches Beispiel ist Mobbing.

Mit welchen Problemen werden Sie in Ihrer Arbeit an den Schulen konfrontiert?

Es sind kleine Dinge, es gibt aber auch grosse Sachen. An beiden Orten war aber die Idee, dass jemand verfügbar ist, der leicht erreichbar ist und der schon bei kleinen Problemen früh intervenieren kann. Dann sind dies manchmal scheinbar geringe Probleme. Etwa wenn drei Freundinnen miteinander Streit haben und sich deswegen nicht mehr auf die Schule konzentrieren können. Sie hätten alles versucht, dass sie wieder Freundinnen werden, aber es funktioniere nicht. Dann kommen sie zu mir, wir reden miteinander und eine Veränderung wird möglich. Mein Fokus liegt darin, eine Lösung zu finden, also: was braucht es, damit es wieder funktioniert? Und eine Erfahrung ist wichtig für die Kinder: es gibt Situationen, da darf man Hilfe beanspruchen.

Die die Lehrkraft nicht bieten kann?

Das hat nichts mit der Qualität der Lehrkraft zu tun, sondern mit der Rolle. Es gibt viele Situationen bei denen man sagt: Das hätte der Lehrer oder die Lehrerin auch lösen können. Sie könnten es auch, von ihrem Wissen her betrachtet. Ich bin nicht Lehrer, ich habe eine andere Rolle, welche ein anderes Vorgehen ermöglicht und zum Teil zu anderen Lösungen führt.

Zur Person

Ruedi Spiegel ist 54 Jahre alt und hat in seiner gesamten Berufskarriere oft mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet: früher im Aargau beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst, noch früher in der Jugend- und Suchtberatung, später bei Kompass und im Kinderheim Kriegstetten. Er führt eine Praxis für Paar- und Familientherapie, Coaching und Supervision, Elternberatung in Solothurn, lebt in Langendorf, ist verheiratet und Vater von vier, zum Teil bereits erwachsenen, Kindern. (uby)

Haben Sie auch mit schwierigen, belastenden Situation zu tun?

Das kommt vor. Etwa wenn ich ein Kind betreue und merke, dem Kind geht es schlecht und es hat niemanden, der zu ihm schaut. Das kann bis zu einer Gefährdungsmeldung bei der Vormundschaftsbehörde gehen. Das sind klar Ausnahmen, aber es gibt sie. Auch Fälle wie Mobbing können bei den Opfern sehr schwere Reaktionen auslösen.

Bei diesen Fällen ist es wichtig, schnell und auch unaufgeregt handeln zu können.

Ja und wieder von der Rolle her betrachtet kann beispielsweise die Lehrperson in solchen Fällen nicht alles machen.

Haben Sie aufgrund Ihrer langen Erfahrung Veränderungen festgestellt?

Resultate sind bei der Arbeit mit Menschen immer schwierig zu messen. Aber ich habe das Gefühl, dass meine Arbeit etwas bewirkt. Ich habe auch entsprechende Rückmeldungen. Ein Beispiel ist ein Schüler, der ein Jahr vor dem Ende der Schulzeit mit dem Schulabbruch drohte. Schulleitung und ich haben an seiner Motivation gearbeitet. Jetzt hat er die Schule abgeschlossen und hat eine Lehrstelle gefunden. Ich finde, das hat sich rentiert, wenn man sich überlegt, er hätte ohne Abschluss die Schule abgebrochen, und, und, und...

Oft wehren sich Lehrkräfte gegen Schulsozialarbeit. Wie ist Ihr Verhältnis zu den Lehrkräften?

Ich denke gut. Ich lege Wert darauf, nicht als Mitglied des Schulteams zu gelten, da ich wie bereits erwähnt klar eine andere Rolle habe. Ich habe es beispielsweise abgelehnt, mein Foto neben den Fotos der Lehrkräfte in der Schule aufhängen zu lassen. Zu Beginn haben viele Lehrkräfte Respekt und fürchten Kritik und Kontrolle. Aber mit der Zeit kommen sie und fragen: Wie soll ich mich bei diesem oder jenem Problem verhalten, an was muss ich noch denken aus deiner Sicht?

Melden sich auch Eltern?

Ja, gerade im Kindergarten und in der Primarschule. Oft melden sich Eltern bei Problemen im Zusammenhang mit der Schule, den Hausaufgaben oder wenn andere Probleme auftauchen. In der Oberstufe sind die Eltern informiert über die Gespräche zwischen ihren Kindern und mir. Aber dort geht es oft darum, Lösungen zusammen mit den Jugendlichen direkt zu finden. Wobei auch hier der Einbezug der Eltern ein wichtiger Bestandteil der Arbeit ist.

Zusammen mit den Kindern?

Ja, das ist spannend mit anzusehen, welche Lösungen die Kinder selber entwickeln. Dieser Aspekt fasziniert mich immer wieder. Kinder haben oft erstaunlich gute Ideen, was es braucht, dass es wieder funktioniert.