Neuendorf
Was machen Amsel und Zahnbürste in der Kirche?

In mehr als 15 Jahren sammelt sich viel Staub an. Während der Gesamtrevision zeigt sich die Orgel der katholischen Kirche von einer ungewöhnlichen Seite.

Julia Egenter
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Orgel aus dem Jahr 1974.
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Stimmhörner zum Stimmen der Pfeifen.
Jens Krug (l.) und Ruedi Wyss vor der Orgel aus dem Jahr 1974.

Orgel aus dem Jahr 1974.

In mehr als 15 Jahren sammelt sich viel Staub an. Und Schmutz. Und Federvieh. Dafür bieten die grössten Pfeifen auch genügend Platz. Dennoch erstaunt: Eine tote Amsel in der Orgelpfeife? Das sei gar nicht so selten, lacht der Orgelbauer Jens Krug. Sie hätten auch schon Katzen aus Orgeln befreien müssen – die aber zum Glück meist lebend.

Nicht überlebt hat dieser Vogel seinen Abstecher in die Kirchenorgel der katholischen Kirche in Neuendorf. Dort wurde sein Körper von den Orgelbauern der Orgelbau Graf AG befreit, wenn wohl auch einige Jahre zu spät. Denn nur alle 15 bis 18 Jahre muss eine Orgel einer Gesamtrevision unterzogen werden. Dieses Jahr war es wieder so weit:

In Neuendorf sind die beiden Orgelbauer Jens Krug und Ruedi Wyss bereits seit drei Wochen daran, die Kirchenorgel auseinanderzunehmen, zu reinigen, beschädigte Teile zu ersetzen und die Pfeifen wieder neu zu stimmen. Gut eine Woche fehlt ihnen noch, um ihre aufwendige Arbeit an der aus dem Jahr 1974 stammenden Orgel fertigzustellen. In dieser Zeit ist die Orgel begehbar –- und für einmal zeigt sich, wie viel in ihr steckt.

Eine Orgel kann uralt werden

1558 Orgelpfeifen müssen gereinigt und wieder richtig eingestellt werden: «Teilweise hat es Zischtöne drin», meint Ruedi Wyss. Dann würden die Pfeifen nicht präzise tönen und eine Nachintonation sei nötig. Das sei eine Art klangliches Ausgleichen, erklärt Wyss.

Damit würden sie «der Orgel wieder ihren ursprünglichen Klangcharakter geben.» Nach einer Gesamtrevision klingt die Orgel viel frischer, und auch kleinere technische Defekte sind behoben. Diese Revision diene einer Werterhaltung der Orgel, so Wyss. «Das Instrument funktioniert weit über 100 Jahre, wenn man es richtig behandelt.» Er hat schon Orgeln restauriert, die mehrere 100 Jahre alt waren. Die Älteste? Aus dem Jahr 1630 in der Franziskanerkirche in Luzern.

Da liegen Stimmhörner, Kernschläger, Intonierspatel – der Laie fragt sich, wozu all diese Werkzeuge verwendet werden. Und gleich daneben, schön eingereiht, eine Zahnbürste. Für den letzten Schliff, damit kein Staubkorn die minutiöse Arbeit der beiden Orgelbauer stört.

Die Stimmhörner wiederum dienen zum Stimmen der 1558 Orgelpfeifen: Die grösste Pfeife ist beinahe drei Meter lang, die kleinste nur gerade fünf Millimeter. Das sind Töne, die nicht mehr von jedem menschlichen Gehör wahrgenommen werden. Dennoch stimmen Ruedi Wyss und Jens Krug jede einzelne Pfeife mit dem Gehör.

«Holz ist das A und O im Beruf»

Eine solche Gesamtrevision ist ungeheuer aufwendig und kostet bei einer mittleren Orgel wie in Neuendorf ungefähr 45000 Franken. Etwa 7 bis 15 Orgelrevisionen machen die sieben Mitarbeiter der Orgelbau Graf AG jährlich – steht ein Orgelbau an, dann haben sie weniger Kapazität für Revisionen.

Nebst den weiteren Aufträgen braucht der Bau einer neuen Orgel meist mehr als ein halbes Jahr. Und er ist teuer: Für ihre Orgel zahlte die Kirchgemeinde Neuendorf damals 129500 Franken, heute würde ein ähnliches Instrument wohl etwa 650000 Franken kosten.

Die Orgel wurde damals von der Firma Orgelbau AG aus Sursee gebaut, der grösste Teil ist handgemacht. So muss ein Orgelbauer durchaus handwerklich begabt sein: «Holz ist das A und O in diesem Beruf», meint Jens Krug. Beinahe wie bei einem Schreiner.

Nur: Bei der Orgel kommt die Musik dazu – und das fasziniert die beiden Orgelbauer. Doch warum haben sie sich für die Orgel und nicht für ein anderes Instrument entschieden? Bei einer Geige beispielsweise, da arbeite der Geigenbauer mit Nuancen, die Form und der Klang sei jedoch immer sehr ähnlich, sagt Ruedi Wyss. Er ist seit 1976 als Orgelbauer tätig und die Leidenschaft dafür scheint immer noch frisch: «Ich hab mich dafür entschieden, weil jede Orgel anders ist.»

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