Lommiswil
Vom Jura aus auf zwei Achttausender

Als erste Solothurnerin gipfelte Esther Wengers Glück im Himalaya jenseits der 8000 Meter. Für ihre Expeditionen über die Todeszone trainiert die Lehrerein im Jura. Als Gipfebezwingerin sieht sie sich allerdings nicht.

Marlies Czerny
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Das ist der Gipfel! Eingemummt steht Esther Wenger auf dem Cho Oyu. Im Hintergrund: Mount Everest und Lhotse. zvg

Das ist der Gipfel! Eingemummt steht Esther Wenger auf dem Cho Oyu. Im Hintergrund: Mount Everest und Lhotse. zvg

Sollte Ihnen in den vergangenen Monaten im Jura eine kleine Frau begegnet sein – 1,57 Meter gross, 46 Kilo schwer, 55 Jahre alt – dann hatte sie nur in zweiter Linie die Hasenmatt im Sinn. In erster Linie steuerte sie zwei 8000er im Himalaya an. «Im Winter bin ich mehr als jeden zweiten Tag auf den Hausberg zum Training gelaufen», erzählt Wenger. Die Jura-Touren waren «Aufwärmübungen» für ihre grossen Ziele: Shishapangma (8008 m, Zentralgipfel) und Cho Oyu (8188 m). Zum Gewöhnen an die Belastung schnallte sie sich zu Hause einen zwölf Kilogramm schweren Rucksack an den Buckel und befüllte ihn mit Wasser-Flaschen. Die entleerte sie auf dem Gipfel der Hasenmatt – als Schonung für die Gelenke beim Abstieg.

Wengers Weg in die Bergwelt verlief mit Pausen und Umwegen, nicht schnurstracks. Als Kind wanderte sie mit ihren Eltern, «bis ich 14 Jahre alt war. Dann hab ich 14 Jahre gebraucht, um mich davon zu erholen.» Mit 28, da überredete sie eine Freundin nach sportlosen Jahren zum Klettern. Ein Knotenkurs beim SAC Weissenstein war der Einstieg. Mit Peter, dem Leiter des Kurses, bildete sie eine Seilschaft zum Klettern – und im Leben. Sie heirateten, die Kinder Tobias und Lydia sind 25 und 24 Jahre alt. Die Wengers fühlten sich an den Jura-Felsen pudelwohl, eine Entzündung im Arm zwang Esther zur Pause. Schnell fand sie am Laufsport Gefallen.

Die hohen Westalpen-Berge, die fand sie ohnehin (noch) zu gefährlich. Vor etwa zehn Jahren schnupperte sie doch Höhenluft – und bekam nicht mehr genug. Dufourspitze, Biancograt, Matterhorn, Eiger: Mit ihrem Mann, den eine rheumatische Muskelkrankheit von der Himalaya-Expedition abhielt, steuerte sie viele Gipfel an. «Aber ich bin kein Nordwand-Mensch, dazu bin ich zu wenig gut», sagt Wenger. Weniger technisches Können und Erfahrung, mehr Willenskraft und Selbstüberwindung waren der Motor auf die 8000er-Gipfel. «Ich bin keine Spitzen-Alpinistin», betont Wenger; sie ist Lehrerin in Solothurn – und auf dem Boden geblieben.

20000 Schweizer Franken habe sie die Doppel-Expedition über Kobler & Partner gekostet, sie nahm unbezahlten Urlaub. War es das wert? «Ja.» 2009 hatte sie sich am Manaslu (8163 m) versucht, 2010 am Dhaulagiri (8167 m), die Gipfel sah sie nicht. Was ihre Beweggründe waren, wieder aufzubrechen? Freiwillig sieben Wochen ohne Duschen und fliessend Wasser zu leben? Sich in den Todeszonen Gefahren auszusetzen? «Mich faszinieren auf der Landkarte abgelegene Punkte, ich bin immer gerne gereist. Und auf einer so langen Expedition schaust du dir nicht nur die Natur an, du lebst mit ihr. Und ich war neugierig: Wie reagiert mein Körper auf mehr als 8000 Metern?»

Die Antwort hat sie auf die harte Tour erfahren; auf den Einsatz von künstlichem Sauerstoff wollte sie verzichten. Am Cho Oyu, vom zweiten zum dritten Hochlager, da war ein wunder Punkt erreicht. «Mein Rücken hat geschrien, ich konnte den schweren Rucksack fast nicht mehr tragen.» Es war Kampf und Krampf – doch die letzten Schritte zum sechsthöchsten Berg der Welt seien «wunderschön» gewesen. «Ich hätte mir das Gehen aber meditativer vorgestellt», räumt Wenger ein, «doch wenn du oben stehst und den Mount Everest und Lhotse direkt vor dir hast, rührt dich das sehr.» Die Emotionen und Tränen der Freude kamen später – «vorerst bist du nur mit dem Abstieg beschäftigt.» Auf 6600 Metern, da waren die Batterien leer. Ein schlechter Zeitpunkt bei einer heiklen Eisquerung, die mit Fixseil versehen war. «Mein Hirn hat funktioniert, aber mein Körper fast nicht mehr», gesteht
Wenger, die zweimal kontrollierte, ob alle Karabiner verschlossen sind, «irgendwie hab ichs gut hinunter gebracht. Ich habs gemacht wie x-fach im Jura.»

Vom Gipfel «bezwingen» will sie nichts wissen, «ich verabscheue dieses Wort, das hat ja nichts mit Zwang zu tun.» Mehr mit einer Leidenschaft – im wahrsten Wortsinn. Anfang Juni kehrte die 55-Jährige heim nach Lommiswil, «ich freute mich so sehr auf die Familie und vergass fast das Duschen.» Ehemann Peter sitzt gerade am Wohnzimmertisch und schreibt für das Klubheft des SAC Weissenstein; auf dem Herd kocht ein nepalesischer Milchtee. Ein blauer Zeigefinger an Esther Wengers linker Hand ist neben all den schönen eine schmerzliche Erinnerung an die Expedition, ein Fels hatte ihn eingequetscht beim Akklimatisieren. Sonstige Spuren? «Ich habe mehr Falten und sehe alt aus», sagt Wenger. Ihre Stirn ist gerade faltenfrei, sie lächelt.