Solothurner Superlative
Verliert das kinderreichste Dorf im Kanton schon bald seine Primarschule?

Nirgendwo im Kanton leben anteilsmässig so viele junge Menschen wie in Bolken. Trotzdem will der Kanton die Primarschule im Dorf schliessen. Denn die Schülerzahlen seien rückläufig und die Klassen zu klein.

Sven Altermatt
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Bolkner Kinder auf dem Weg in die Primarschule. Diese könnte bald geschlossen werden.

Bolkner Kinder auf dem Weg in die Primarschule. Diese könnte bald geschlossen werden.

Hanspeter Bärtschi

Das Gute liegt manchmal näher, als man denkt. Klingt abgedroschen, bestätigt sich in dieser Geschichte aber eindrücklich. Denn auf die Frage, weshalb Bolken die kinderreichste Gemeinde im Kanton Solothurn ist, antwortet Jeannette Baumgartner zuerst fast ein wenig beschämt: «Ich kann mir das auch nicht wirklich erklären.» Ihr Dorf habe Kindern ja kaum etwas zu bieten, meint die SP-Gemeindepräsidentin. «Ein öffentlicher Spielplatz ist erst in Planung.»

Dann kommen Baumgartner doch noch einige Dinge in den Sinn, die für die Kinderfreundlichkeit des Dorfes im äusseren Wasseramt sprechen. Dazu gleich mehr. Zuerst die Fakten: In keiner anderen Solothurner Gemeinde leben anteilsmässig mehr Kinder und Jugendliche als in Bolken. 158 der 587 Einwohner sind 18 Jahre alt oder jünger, mehr alsjeder vierte Bolkner also.

Ländliches Idyll

Bringt uns vielleicht ein Streifzug durchs Dorf auf die richtige Fährte? Einfamilienhaus reiht sich an Einfamilienhaus. Die Strassen sind sauber und die Gärten gepflegt. Bolken bietet ein ländliches Idyll fernab der grossen Durchfahrtsstrassen. Das Dorf ist sozusagen ein Stillleben als Gegenbild zu unserer hektischen Welt. Freilich, das sind andere Gemeinden im Kanton Solothurn auch.

Solothurner Superlative

Grösser, breiter oder schneller? In einer losen Serie beleuchten wir Solothurner Orte, Menschen und Errungenschaften, die mehr zu bieten haben als der Durchschnitt.

Mit dem Inkwilersee hat Bolken jedoch einen fetten Pluspunkt vorzuweisen. Daran erinnert, locken wir auch Gemeindepräsidentin Baumgartner aus der Defensive. «Bei uns finden Familien die Ruhe, die es etwa in Zuchwil oder Derendingen nicht mehr gibt», erklärt sie nun.

Das sei wohl mitunter ein Grund, dass in den letzten Jahren viele Familien ins Dorf gezogen sind. Baumgartner erzählt von ihren erwachsenen Töchtern. «Sie können sich nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben.»

Seit einigen Jahren hat die Landlust hierzulande Hochkonjunktur. Viele Familien wünschen sich ein Leben im Einklang mit der Natur. Sehnen sie sich nach einer Utopie? Kaum, glaubt Baumgartner. «Landleben bedeutet weniger Stress, das färbt auf die Kinder ab.» Selbst die Beschaulichkeit des bäuerlichen Lebens sei in Bolken an manchen Ecken noch zu finden.

Kinderreich und kinderfreundlich

Beim Schulhaus klingelt die Glocke zur Mittagspause. Auf dem Weg nach Hause pflückt sich ein Mädchen ein Sträusschen Löwenzahn vom Strassenrand, zwei Erstklässler üben Zahlenreihen.

Wir treffen eine Mutter mit Kinderwagen, sie holt ihre Tochter von der Schule ab. Zu Hause, erzählt sie, wartet bereits das Mittagessen im Ofen. Machen wir die Probe aufs Exempel: Ist die kinderreiche auch eine kinderfreundliche Gemeinde?

«Davon bin ich hundertprozentig überzeugt», sagt die junge Frau ohne Zögern. Dass es in Bolken keine grossen Attraktionen gibt, störe sie nicht. Im Gegenteil: «Dafür können die Kinder hier auf der Strasse herumtoben, ohne dass sie Gefahr laufen, gleich von einem Lastwagen überfahren zu werden.»

Jeanette Baumgartner will, dass Bolken als ländliche Wohngemeinde weiterhin attraktiv bleibt. Seit ein paar Jahren können die Bolkner nicht mehr im eigenen Dorf einkaufen. Und nun soll der örtlichen Infrastruktur auch noch das Filetstück weggeschnitten werden: Der Kanton will die Primarschule in Bolken aufheben. Die Schülerzahlen seien rückläufig und die Klassen zu klein, heisst es.

«Das nehmen wir nicht einfach so hin», gibt sich Baumgartner kämpferisch. Auf politischer Ebene sei einiges geplant. Noch wird die vom Kanton geforderte Klassengrösse von 20 Schülern in Bolken knapp erreicht.

«Die Zahlen sind zwar rückläufig», sagt Baumgartner, «aber das heisst nicht, dass man einen Standort schliessen muss.» Näher möchte sich die Gemeindepräsidentin allerdings noch nicht in die Karten blicken lassen. Die kinderreichste Gemeinde unseres Kantons ohne Schule? Eine ziemlich komische Vorstellung.