Lüterkofen-Ichertswil
Urs Affolter fordert Roger Siegenthaler heraus

In Lüterkofen-Ichertswil kommt es zur Kampfwahl ums Gemeindepräsidium. Urs Affolter (SP) und der amtierende Gemeindepräsident Roger Siegenthaler (FDP) treten gegeneinander an. Wird die 100-jährige FDP-Tradition gebrochen?

Christof Ramser
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Urs Affolter und Roger Siegenthaler

Urs Affolter und Roger Siegenthaler

AZ

Nimmt man die Resultate der Gemeinderatswahl als Massstab, wird der Herausforderer im Schlafwagen gewählt. Im Rennen um die Gemeinderatssitze von Lüterkofen-Ichertswil hatte Urs Affolter (SP) am 14. April Roger Siegenthaler (FDP) mit 218 gegen 145 Stimmen übertrumpft und ist mit dem besten aller Resultate gewählt worden. Beide kämpfen am 9. Juni nun ums Gemeindepräsidium. Ist das Rennen also schon gelaufen? Keineswegs. Bekanntlich sind die Prämissen für Beamtenwahlen andere. Bei Kopf-Wahlen geben weniger die Parteienbindung oder Protestnoten den Ausschlag, sondern vielmehr persönliche Kompetenzen.

Bürgernaher Fusionsgegner ...

Diese Zeitung wollte es genau wissen und im Vorfeld der Wahlen ein Streitgespräch organisieren. Während sich Amtsinhaber Roger Siegenthaler offen zeigte, stand Herausforderer Urs Affolter nicht zur Verfügung. Erstens sei er im Tessin am Biken und zweitens wolle er im Vorfeld nicht auf den Mann spielen, sagte Affolter. Die Stimmberechtigten von Lüterkofen-Ichertswil hätten genügend Entscheidkriterien.

Auskunft über seine Motivation gab Affolter nach einer Bedenkfrist aus seinen Ferien dann doch: Wer in seiner Amtszeit einen Steuersprung um 30 Prozentpunkte zu verantworten habe, müsse sich einiges vorwerfen lassen.

Keine Frage: Urs Affolter will auch die «Unzufriedenen» über die Steuerentwicklung sowie die Gegner der Gemeindefusion – er hatte aktiv gegen einen Zusammenschluss im Bucheggberg mobil gemacht – hinter sich scharen. Affolter ist sicher, dass bei einer Fusion die Eigenständigkeit und der Zusammenhalt der Einwohner gelitten hätte. «Ich interpretiere mein Ergebnis bei den Gemeinderatswahlen so, dass Lüterkofen eine Ablösung will. Oder sie wollen einen, der dem amtierenden Gemeindepräsidenten die Stirn bieten kann. Die Geschäfte sollen im Rat nicht bloss abgenickt werden.» Parteien, Einwohner und Bürger sollen bei wichtigen Entscheidungsprozessen vermehrt einbezogen werden.

... kontra vernetzter Macher

Dass Roger Siegenthaler nicht allzu fest im präsidialen Sattel sitzt, zeigen seine Wahlergebnisse. Auch bei der Wahl ins Präsidium vor vier Jahren wurden sehr viele Leerstimmen eingelegt – eine Alternative gab es damals nicht. Trotzdem: Den Vorwurf des Steuertreibers lässt er nicht auf sich sitzen. «Als Finanzchef der Gemeinde hatte ich den Steuersatz seinerzeit auf 85 Prozent gesenkt.» In der Zwischenzeit seien aber potente Steuerzahler weggezogen. Andere würden dem Fiskus weniger abliefern. «Wir können nicht einfach Schulden machen.» Ausserdem seien bis zu 95 Prozent der Gemeindekosten nicht hausgemacht, so der Amtsinhaber.

Viele Lüterkofer seien zufrieden mit seiner Arbeit. Das beweise nicht zuletzt das überparteiliche Komitee, das in kurzer Zeit 100 Stimmen «Pro Roger Siegenthaler» gesammelt habe – darunter sämtliche Gemeinderäte der alten und neuen Legislaturperiode (ausgenommen Urs Affolter). Als Schwerpunkt in den kommenden Jahren will Siegenthaler Wohnraum sowohl für Alte wie Junge schaffen. «Junge Leute, die in Lüterkofen bleiben wollen, sollen hier Wohnungen finden.» Das Dorf soll wachsen, damit Zuzüger den grossen Steuerausfall kompensieren. Als Trumpf preist Siegenthaler seine starke Vernetzung in Politik, Wirtschaft und Vereinen an. «Davon kann die Gemeinde nur profitieren.»

Ein spannendes Rennen

Tatsächlich: Gegen den umtriebigen Siegenthaler weist Affolter einen mageren politischen Leistungsausweis vor. Reichen frühere Mandate in der Rechnungsprüfungskommission und als Ersatzgemeinderat aus, um die Gemeinde zu führen? «Ich war unter anderem 15 Jahre beim kantonalen Arbeitsamt als Leiter Stellenvermittlung, Umschulung und Weiterbildung von Arbeitslosen tätig», hält der Herausforderer fest. Es folgten leitende Positionen als Informatiker. «Ich kenne Verwaltung und Bund sehr gut. Ausserdem schadet ein bisschen Querdenken nichts.»

Damit vermehrt potente Steuerzahler nach Lüterkofen gelockt werden, dürfe der Steuerfuss nicht weiter ansteigen. «115 Prozent müssen reichen.»

Seit rund 100 Jahren hat Lüterkofen eine Tradition: Immer wurde es von freisinnigen Gemeindepräsidentinnen oder -präsidenten regiert. Ob sich dies am 9. Juni ändert, entscheidet nun die Stimmbevölkerung. Das Rennen dürfte knapp werden. Und verspräche die Ausgangslage nicht schon genug Spannung, überrascht Roger Siegenthaler bereits mit einer gewagten Ansage: Falls er nicht gewählt werde, trete er, zusammen mit Vizegemeindepräsident Heinz Ochsner, aus dem Gemeinderat zurück.

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