Gerlafingen

Unia fordert mehr Schutz für die Industriearbeiter

Die Versammlung in Gerlafingen stiess auf grosses Interesse.

Die Versammlung in Gerlafingen stiess auf grosses Interesse.

Die Gewerkschaft Unia hielt am Mittwochabend im Gerlafinger «Eisenhammer» eine Industrie-Landsgemeinde ab. Thematisiert wurde die Schliessung des ABB-Werks in Deitingen und der GAV für die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie.

«Wenn das, was die ABB gerade abzieht, Schule macht, nämlich gegen klare vertragliche Bedingungen zu verstossen, dann geht es uns in Zukunft schlecht», sagte Beat Jost, Leiter der Unia Region Biel-Seeland/Kanton Solothurn, vor versammelter Mannschaft. Die ABB Turbo Systems in Deitingen habe die Frist für das Konsultationsverfahren nicht eingehalten, einen miserablen Sozialplan präsentiert und die Leute für dumm verkauft. Zudem habe der Angestelltenrat ein «abgrundtief gewerkschaftsfeindliches Verhalten» an den Tag gelegt, da er nicht die Interessen der Belegschaft vertreten habe.

Die Gaststube des Restaurants Eisenhammer in Gerlafingen platzte förmlich aus allen Nähten: Etwa 80 Interessierte waren gekommen, um der Industrie-Landsgemeinde der Unia beizuwohnen. Nebst der ABB-Schliessung - zu welcher mehrere Vertreter der Belegschaft wie auch SP-Ständerat Roberto Zanetti Stellung nahmen - stand mit dem «MEM-GAV» denn auch ein zweites, nicht minder brisantes Thema auf der Traktandenliste. Der Gesamtarbeitsvertrag der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) wird derzeit überarbeitet ›neu verhandelt. SP-Nationalrat Corrado Pardini orientierte über den aktuellen Stand der Verhandlungen mit dem Arbeitgeberverband Swissmem.

Bekenntnis zu Werkplatz Schweiz

Der Wirtschaft gehe es heute besser, als man noch vor einigen Jahren prognostiziert hatte, sagte der Verhandlungsleiter. «Es ist mir wichtig, dass wir nicht das Gefühl haben, die ganze Welt breche um uns zusammen und wir müssten bloss verteidigen, was wir haben.» Im Gegenteil, man müsse in die Bildung und Forschung investieren und für eine Reindustrialisierung der Schweiz sorgen. Zu oft werde im Parlament die Industrie vernachlässigt und nur über den Finanzplatz und die Landwirtschaft debattiert.

Deshalb brauche es eine Industriepolitik und vor allem einen Arbeitgeberverband, der ein Bekenntnis zum Werkplatz Schweiz ablege. «Der beste GAV bringt uns nichts, wenn die Arbeitsplätze alle im Ausland sind.» Mit dem derzeitigen GAV bestünden derweil drei Probleme: Erstens gebe es keinen Mindestlohn, diesen wünschen sich aber gemäss einer Umfrage 88 Prozent der Industriearbeiter, wie Laura Flühmann, regionale Leiterin MEM-Branche der Unia, erklärte.

Wohin mit Krisenartikel 57?

Zweitens, so Pardini, könne der «Krisenartikel 57» von der Betriebsleitung dazu missbraucht werden, die Mitarbeiter zu Frondienst zu verdonnern. Der Artikel sieht vor, dass Direktion und Betriebskommission in turbulenten Situationen die Arbeitszeit ohne Lohnanpassung erhöhen können. Der Artikel müsse entweder gestrichen oder aber so abgeändert werden, dass er nur noch in absoluten Ausnahmefällen und nach Gesprächen mit der gesamten Belegschaft und der Gewerkschaft zur Anwendung kommt.

Drittens sollen die gewerkschaftlichen Vertrauensleute in den Betrieben einen stärkeren Kündigungsschutz erhalten, damit sie nicht unter Druck gesetzt werden können. Mittels einer Resolution bekräftigten die Versammelten die Hauptforderungen für den neuen GAV.

Verabschiedet wurde auch ein Aufruf an die Swissmem: Der Verband soll sich dafür engagieren, dass in der ABB Deitingen ein neues Konsultationsverfahren durchgeführt werde und der Angestelltenrat seinen vertraglichen Verpflichtungen nachkomme. Der MEM-GAV müsse eingehalten werden, so Beat Jost. «Sonst ist er nicht das Papier wert, auf dem er geschrieben steht.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1