Balm bei Günsberg
Ueli Walker ist der einsame Bauer vom Stierenberg

Im Ganzjahresbetrieb führt Ueli Walker einen 70-Hektaren-Hof auf dem Berg. Derzeit schaut er zu 66 Rindern - neben dem Restaurantbetrieb.

Christoph Neuenschwander
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Sömmerungsbetrieb auf dem Stierenberg
8 Bilder
11 Braune, 25 Rote und 30 Schwarze sind dabei.
Den Kühen gehts gut
Ueli Walker mit dem Fernglas
Das Restaurant hat Walker nach und nach selbst aufgebaut. Ausser am Freitag ist es immer offen.
Die Terrasse vom Restaurant Stierenberg
Die Aussicht übers Mittelland

Sömmerungsbetrieb auf dem Stierenberg

Hanspeter Bärtschi

«Du kannst mir gleich helfen», sagt Ueli Walker bei der Begrüssung. Der Alphirt steht an einem Gatter auf dem Stierenberg und wartet. Auf der Weide liegen Rinder unter der brütenden Nachmittagssonne. Eines der Tiere habe die Gamsblindheit. Es muss in den Stall getrieben werden. Ohne lange Diskussionen geht es los, einige Rinder springen auf, auch das kranke Tier, aber es will partout nicht in die gewünschte Richtung gehen. Einen Moment lang herrscht wildes Durcheinander; es wird gedrückt und gedrängelt. Schliesslich gelingt es Walker, das Guschti von den anderen zu trennen und durch das Stalltor zu bugsieren. «Das ging jetzt relativ einfach», findet er.

Jeden Morgen zählt der Hirt seine Rinder – diese Saison wurden ihm 66 Stück zur Sömmerung anvertraut. «Ich habe 11 braune, 25 rote und 30 schwarze», fasst er zusammen. Auf seinem Rundgang zählt er nicht bloss, er kontrolliert auch: Augen, Beine und Euter. Und da hat er heute die Gamsblindheit entdeckt. In so einem Fall helfen nur noch Salben und Schatten.

66 Rechte, eine Weide

Sinn und Zweck einer Sömmerung ist, dass die Muskulatur und der Knochenbau der Rinder gestärkt wird», erklärt Andreas Marti. Der Grenchner aus dem Weiler Staad ist Präsident der Alpgenossenschaft Stierenberg. Diese sei in 66 Bergrechte aufgeteilt. Theoretisch darf jeder Bauer pro Bergrecht ein Tier auf die Alp geben. Viele machen davon aber nicht Gebrauch, viele haben die Rinderhaltung aufgegeben oder ganz mit der Landwirtschaft aufgehört. Wenn sonst zu wenig Guschti auf dem Berg wären, dürfe auch ein Bauer ohne Bergrecht seine Tiere zur Sömmerung geben, erklärt Marti. Zuständig für die Koordination ist dabei der Bergmeister Sepp Schär. Er sei das Bindeglied zwischen den Bauern und dem Alphirten.

Wesentlich für den Alpbetrieb sind zudem die Verträge mit dem kantonalen Amt für Raumplanung, schonend mit der Weide umzugehen. So dürfe an manchen Stellen nicht gedüngt werden, sagt der Präsident. Dies, um die Naturwiese und die teils seltenen Pflanzen darauf zu schützen. «Wenn man düngen würde, könnte man zwar mehr Tiere auf dem Berg weiden lassen, aber das wäre schädlich für die Artenvielfalt.» Einen eigentlichen Gewinn wirft die Alp für die Genossenschaft nicht ab. «Was rausschaut, wird wieder in den Berg investiert.» Wie etwa in den Weg, der unter dem letzten Gewitter gelitten hat. (cnd)

«D Glace muess ou gfrässe si»

In den Schatten zieht es nun auch Ueli Walker. Er öffnet zwei Flaschen Bier auf der Terrasse und beginnt zu erzählen. Von seinen zwei Jahren als Knecht auf dem Bettlachberg. Von der Stelle auf dem Stierenberg, um die sich vor 23 Jahren noch ein Zweiter beworben hatte, der dann aber nicht zum Vorstellungsgespräch erschienen sei. Vom Restaurant, das er nach und nach aufgebaut habe. Nicht, dass im Sommer sonderlich viele Gäste vorbeikämen. Da seien die Verlockungen der Freibäder im Flachland zu gross. Oder anders ausgedrückt: «Muesch gläbt ha i dr Badi und d Glace muess ou gfrässe si.»

Erst im Herbst, wenn es unten neblig werde, da renne alles auf den Berg. Und im Winter kommen die Schneeschuhwanderer. Manchmal, je nach Wetter und Jahreszeit, hat Walker gleich zwei Helfer in der Beiz. Trotz geringer Kundschaft ist das Restaurant auf dem Stierenberg auch jetzt im Sommer immer offen. Ausser am Freitag – den nutzt der Älpler, um Einkäufe zu erledigen oder die Zäune zu flicken, die er im Frühling aufstellt und im Herbst wieder wegräumt. Die rund 350 Pfähle dafür fertigt er im Winter immer wieder neu an. Nach einer Saison könne man die wegschmeissen.

Das Fernglas ist das Wichtigste

Ueli Walker ist der Erste, der das ganze Jahr über auf dem Stierenberg lebt. Früher gab es hier nur den Sommerbetrieb. Geld verdient er mit den Guschti und der Beiz. Früher sei er noch Holz schleppen gegangen, aber das sei vorbei. «Über Geld spricht man nicht, das hat man ...», sagt Walker und fügt an, «... nötig.» Aber er komme durch, er sei ja allein hier oben. «Es reicht für mich.» Aus dem Wald, der etwa die Hälfte der rund 70 Hektaren grossen Alp bedeckt, schlägt er keinen Gewinn. Dort holt er lediglich das Brennholz.

Serie. Bauer und Gewerbler

Der Bauernhof und seine Nebengewerbe ist die Idee zur Serie über innovative Bauernfamilien, clevere Landwirte und oft auch kaum bekannte Betriebe, in denen Neues ausprobiert wird. Das Leben auf der Scholle und von der Scholle, das war einmal. Wer heute als Bauer überleben und den Betrieb für kommende Generationen erhalten will, muss den Fächer öffnen. Beispiele gibt es viele. Wir haben sie gesucht und gefunden. Der erste Teil (Familie Thalmann aus Zuchwil) erschien am 11. Juli, der zweite Teil (Familie Begert aus Biberist) am 17. Juli. (uby)

Seine Existenzgrundlage ist die Weide. Immer wieder sorgt er dafür, dass sie nicht verwaldet, reisst junge Tannli aus oder fällt sie, wenns fürs Ausreissen schon zu spät ist. Ferien macht der Älpler fast nie. Zweimal sei er ins Bündnerland gefahren, seit er auf dem Stierenberg wohnt. Wenn es nicht so verdammt weit weg wäre, würde er vermutlich öfter dorthin gehen. «Aber es ist ja schön hier», sagt er. «Was willst du mehr?» Dann verschwindet er kurz im Haus und kommt mit seinem «wichtigsten Werkzeug» zurück, einem Fernglas. Vom Stierenberg aus sieht man das Matterhorn.

Ein Bubentraum

Und nicht bloss das. Walker blickt vom Berg hinab, die Luft ist klar. «Aues, wo do gsehsch, isch mis – was witer wäg isch, isch no vüu mieser», scherzt er. Die Ferne habe ihn nie gereizt. Zweimal sei er in seinem Leben geflogen. Nach Spanien und wieder zurück. Für eine Woche Urlaub. Aber das Fliegen sage ihm nichts. Abgesehen, natürlich, vom Helikopterflug, den er letztes Jahr machen konnte.

«Am 31. März war das. Strahlendblauer Himmel. In einem Helikopter zu fliegen war ein Bubentraum von mir, und es war wunderschön, etwas Besseres gibt es nicht.» Den Traum hat er nun von seiner Liste abgehakt. «Ich habe das einmal gemacht, das reicht. Nochmals mache ich es nicht», sagt er, verschwindet erneut im Haus und kommt mit einem Fotoalbum zurück, das den schönen Namen «Eiger, Mönch und Walker» trägt.

«Das Traurigste, das es gibt»

Da steht nun einer, der rundum glücklich scheint mit seinem Platz auf der Welt. Doch was sind die Schattenseiten des Jobs? «Das Negativste ist der Nebel, dieser Drecksnebel», sagt Walker. «Das ist das Traurigste, das es gibt.» Wenn das Wetter stimmt, dann ist die Welt auf dem Stierenberg in Ordnung. Doch was macht man hier oben, wenn das Wetter mal wieder wochenlang elend bleibt? Ueli Walker zuckt mit den Schultern. «Nicht viel.»

Von Ende Mai bis Mitte September sind die Rinder auf dem Stierenberg. Die Zahl habe über die Jahre stets abgenommen, weil viele Bauern aufgehört haben. Die 66 Guschti, von denen die meisten jetzt wieder gemütlich auf der Weide liegen, stammen von zwölf verschiedenen Bauern. Einer habe nur ein einziges Rind zur Sömmerung hochgebracht. «Das schwarze dort drüben», sagt Walker. Das geselle sich immer zu den braunen.

Der Älpler kennt seine Tiere und die Beziehungen unter ihnen. «Wenn beim Zählen mal vier schwarze fehlen, dann weiss ich genau welche», sagt er und zeigt auf eine kleine Gruppe von Rindern, die etwas abseitsstehen. «Das sind Einzelgänger», erklärt er.

Gibt es für einen Älpler eigentlich auch ein Pensionsalter? Wie lange will Walker das noch machen? Der 58-Jährige lacht und sagt: «Ich habe erwartet, dass diese Frage noch kommt.» Er lässt den Blick kurz über die Berge schweifen und schaut dann ernst drein. «Welcher Tag ist heute?», will er wissen. Es ist Freitag. «Und morgen?», hakt er nach. Morgen ist Samstag. Er nickt. «Siehst du, alles andere interessiert mich nicht. Ich weiss nicht, was am Sonntag kommt.»