Die Hütte an der Bellevuestrasse in Oberdorf, welche in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag ausgebrannt ist, stand bereits seit 20 Jahren leer. Doch vorher wurde sie von einem Dorforiginal bewohnt. Von 1950 bis 1994 war die Baracke zugleich Zuhause und Werkstatt für den Tüftler Linus Adam. Dieser stellte dort mit einem Spezialverfahren hochqualitative Trennscheiben für Stahl, Hartmetall und Stein her.

«Linus hat die Hütte 1950 gemeinsam mit seinem Bruder gebaut und für den Rest seines Lebens darin gelebt und gearbeitet», erinnert sich Elsbeth Adam, langjährige Nachbarin des Tüftlers. «In der Hütte war es sehr eng. Sie bestand eigentlich nur aus der Werkstatt und einer kleinen Kammer, welche gerade grossgenug war, um ein Bett reinzustellen. Ich selbst hätte nie darin Leben können.»

In der Hütte habe es weder ein WC, noch fliessendes Wasser gegeben. Seine Notdurft habe der Erfinder durch eine Luke in den Wildbach gleich unter dem Haus verrichtet. «Seine Wäsche hat er immer zu mir gebracht, damit ich sie für ihn waschen konnte», erklärt die 84-Jährige. Linus Adams Lebensstil könne man durchaus als primitiv bezeichnen. Für ihn sei es jedoch genau das Richtige gewesen.

Bis spät in die Nacht getüftelt

Denn das Wichtigste für den Erfinder sei seine Arbeit gewesen. «Er hat den ganzen Tag über gearbeitet und fast immer bis spät in die Nacht getüftelt, um seine Scheiben weiter zu verbessern».

Seine Nachbarn gestört habe er dabei aber nie. «Dass er gearbeitet hat, habe ich in der Nacht nie gehört. Ich wusste einfach, dass er bis spät in die Nacht arbeitet, weil das Licht oft um 1 oder 2 Uhr Nachts noch brannte», erinnert sich Elsbeth Adam.

Die ganze Arbeit habe sich für Linus auch bezahlt gemacht. «Seine Kunden stammten aus der ganzen Schweiz und auch aus dem Ausland. Er hatte sogar Klienten aus Amerika.»

Linus Adam hätte es sich deshalb eigentlich gut leisten können, ein weniger einfaches Leben zu führen. Er sei jedoch mit dem einfachen Leben und seiner Arbeit glücklich gewesen und habe sich nie mehr gewünscht.

Frundlich und aufgeschlossen

Trotz seines eigenwilligen Lebensstils war der Tüftler ein durchaus freundlicher und aufgeschlossener Mann. Manfred Adam ist als Nachbar des Tüftlers aufgewachsen und erinnert sich: «In meiner Kindheit durfte ich ihm oft bei seiner Arbeit helfen, um mir ein kleines Sackgeld zu verdienen. Linus war immer sehr freundlich und hilfsbereit mir gegenüber.»

Diese Erfahrung hat auch der ehemalige Oberdörfer Micheal Zaugg gemacht. Er hat in seiner Kindheit an der Rainstrasse, rund 200 Meter unterhalb von Linus Adam gewohnt.

Dieser hat ihm beim Herumbasteln geholfen. So auch bei Zauggs erstem motorisierten Fahrzeug, das er sich im Alter von zehn Jahren aus einem Tret-Go-Kart und einem Mofamotor konstruiert hat. «Ich hatte schon genaue Vorstellungen, wie das werden soll.» Linus Adam habe dann für ihn jeweils mit dessen Werkzeugen einzelne Teilchen angefertigt - gratis.

Mit den Kindern habe der Tüftler einen guten Draht gehabt, erinnert sich Zaugg, der heute mit seiner Familie in Günsberg lebt. Adam habe jeweils Haselruten beiseitegelegt und daraus Pfeilbögen gebastelt.

Beim Vorbeigehen hätten die Jungs manchmal ein «Guetzli» bekommen, wenn sie gefragt hätten: «Linus, hast du uns ein ‹Bummi›?» Er sei ein herzensguter Mensch gewesen, sagt Zaugg.

Der 45-Jährige war fasziniert davon, wie Adam sein Häusschen am Bach eingerichtet hatte. «Einfach supergenial!» Bett, Wohnraum und Werkbank - einfach alles habe Platz in der kleinen Hütte gehabt.

Ansonsten sei er «ein Einzelgänger und ein Aussteiger» gewesen. Im Dorf seien viele Gerüchte herumgegangen, was er alles geleistet habe. Man habe gemunkelt, dass er mehrere Liegenschaften besitze, welche er sich mit Geld aus einem Patent gekauft habe.

Elsbeth Adam glaubt jedoch nicht daran und meint: «Linus hätte ein Patent zwar für über eine Million Franken an eine Firma aus Zürich verkaufen können. Er hat dieses Angebot aber abgelehnt.» So habe der Tüftler sein Geheimnis mit sich ins Grab genommen. «Es ist schade, dass sein Wissen verloren gegangen ist. Aber Linus wollte es so.»

Brand zerstört in Oberdorf die Werkstatt des Dorforiginals

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