Zuchwil
Trotz 97-Jahr-Jubiläum: Die Scintilla hat keinen Grund zu feiern

Dieses Jahr wird definitiv über die Zukunft der Scintilla entschieden. Es ist geplant, die gesamte Produktion und Entwicklung nach Ungarn und Deutschland zu verlagern. Dies hätte den Verlust von 330 Arbeitsplätzen zur Folge.

Christof Ramser
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Ein Einblick in das Scintilla Museum in Zuchwil
17 Bilder
Magneto mit dem Charles Lindbergh den Atlantik überquerte
Der original Firmenschriftzug von Scintilla
Vertex
Exzenterschleifer GEX 125-150 AVE
Diese Bohrmaschinen werden mit Druckluft betrieben.
Hier sieht man Blinkleuchten (links) und Kennleuchten (rechts).
Dieseleinspritzpumpe EM 380 D 0100 (1933)
Magneto MN 4 SS (1933)
SCINTA LESTO Drehbank (1945-1964)
Erste elektrische Stichsäge der Welt (1946)
Winkelbohrmaschine GEW 1 (1950)
Lestophone, Magnetton Aufnahme-und Wiedergabegerät (1953)
Staubsauger Supermax H3P (1955)
Planetengetriebe PG2 (1998)
GW Schlagbohrmaschine GSB 19 2REA (2009)
Stichsäge GST 140 BCE (2011)

Ein Einblick in das Scintilla Museum in Zuchwil

Hanspeter Bärtschi

Das Jahr 2014 wird zum Jahr, in dem definitiv über die Zukunft der Scintilla in Zuchwil entschieden wird. Während Gewerkschaften zusammen mit der Belegschaft gegen die vom Bosch-Mutterkonzern geplante Verlagerung der Produktion und der Entwicklung nach Ungarn und Deutschland und damit gegen den Verlust von 330 Arbeitsplätzen kämpfen, lohnt sich eine Rückschau.

Die Geschichte der Scintilla ist eng verknüpft mit der westlichen Politik- und Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Und der Blick zurück zeigt, dass die Firma stets Teile der Produktion ins Ausland verlagert hat. Aus- und Verlagerung hat bei Scintilla Kontinuität.

Einer, der über die Firmengeschichte der Bosch-Tochter bestens Bescheid weiss, ist der ehemalige Entwicklungschef Urs Ruepp. Im Scintilla-Museum, das er unter dem Personalrestaurant aufgebaut hat, führt er Besucher zwischen präzis dokumentierten Werkzeugen und Relikten aus den letzten fast 100 Jahren hindurch.

«Vor allem bei Anlässen für ehemalige Mitarbeiter ist die Ausstellung beliebt», sagt er. Daten zur Produktion und zum Umsatz, Jahreszahlen, prägende Ereignisse; alles hat Urs Ruepp im Kopf. Und wenn er anfängt zu erzählen, wird klar, warum er bisweilen «Mr. Scintilla» genannt wird.

Der Erste Weltkrieg

Als vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg ausbrach, kam eine Entwicklung ins Rollen, die 1917 in die Gründung der Scintilla mündete. Damals beherrschten die Zentralmächte, das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn, den Markt für Zündungen.

«Vor allem die Firma Bosch lieferte das Zubehör für den Autobau, für Traktoren oder für Flugzeuge», weiss Ruepp. «Für die Westmächte war es schwierig, die wichtigen Zündapparate zu beschaffen.»

Die Brown, Boveri & Cie. (BBC, heute ABB) aus Baden beschloss, das Produkt in der Schweiz herzustellen. Als Standort für die Tochtergesellschaft wählten Charles Brown und Walter Boveri aufgrund der Ausbildung der Arbeiterschaft Solothurn: Hier war dank der Uhrenindustrie und der Feinmechanik das Wissen vorhanden, um die präzisen «Magneto»-Zündanlagen herzustellen.

Erster Präsident des Verwaltungsrates wurde Walter Boveri. Später vertrat Boveri Scintilla in den USA. Bereits 1919 wurde in New York ein Verkaufsbüro mit Service-Stelle eröffnet.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass der erste Direktor, Jacques Schnyder, von der Firma Bosch kam. «Er war seit 1904 in Paris für Bosch tätig, wurde dort 1915 jedoch entlassen», erzählt Ruepp. Schnyder war für den Stuttgarter Automobilzulieferer in Frankreich ein Risikofaktor – er hätte die Westmächte unterstützen können. Vergeblich versuchte Bosch Schnyder später zurückzuholen.

Die Produktion der Scintilla-Zündungen weitete sich rasch aus. Diese funktionierten nach einem neuen Prinzip und erhöhten die Drehzahl der Explosionsmotoren. Urs Ruepp: «Die SC-Magnetos waren dem Bosch-System überlegen.» In den ersten Monaten der jungen Firma waren die Entwicklung und der Verkauf beim heutigen Kino Canva in Solothurn angesiedelt, der Werkzeugbau bei der ehemaligen Firma Lüthi in der Solothurner Vorstadt.Ko

Der Umzug nach Zuchwil

1920 wurden das fünfstöckige Fabrikgebäude und das Verwaltungsgebäude in Zuchwil bezogen, Ende des Jahres zählte Scintilla bereits 600 Mitarbeiter. Die Idee für den Firmennamen, so Ruepp, hatte Schnyders Schwester.

Er sollte in allen Sprachen gut ausgesprochen werden können. «Funke» (lateinisch Scintilla) stand exemplarisch für das erfolgreiche Produkt: die Zünder für Elektromotoren.

Als 1924 die Wirtschaft stotterte, geriet Scintilla in Geldnöte. «BBC überlegte, die Firma zu liquidieren, Brown und Boveri verkauften die Aktien an ein Konsortium in- und ausländischer Geldgeber – darunter Lanco, Sphinx-Werke oder Von Roll.

Noch konnte sich Jacques Schnyder in der Geschäftsleitung halten, sagt Ruepp. «Doch die grosse Wirtschaftskrise 1934 hat dem Direktor dann den Kopf gekostet.» Von den 12 Gesellschaften in Europa, Australien und Nordamerika wurden 10 geschlossen. Nur Mailand und London blieben übrig.

1935 wurde das Aktienkapital von 5 auf 2 Mio. Franken verringert, und via Drittpersonen, unter anderem des Financiers Guhl aus dem Kanton Zürich, zeichnete Bosch Aktien und nahm Einfluss auf Scintilla. «Das war nicht offiziell», so Ruepp.

Bald verfügte die Robert Bosch GmbH über die Aktienmehrheit, in die Rechte als Eigentümerin der Mehrheit trat sie erst 1954 ein.

Nun wurde der Schwerpunkt auf die Herstellung von handlichen Elektrowerkzeugen und Zubehör gelegt, ab 1964 wurden diese weltweit unter dem Name Bosch vertrieben. Der Bereich Autoelektrik wurde verlagert.

«Es wurde im grossen Stil investiert und modernisiert.» Wie Urs Ruepp im Jahrbuch für Solothurnische Geschichte 2011 sagte, würde man dies heute als «unfreundliche Übernahme» bezeichnen, damit ein Konkurrent vom Markt verschwand.

Turbulente Jahre

Turbulent waren die Jahre des Zweiten Weltkriegs. 1943 wurde Scintilla von den Alliierten auf die schwarze Liste gesetzt. Sie stand im Verdacht, mit den Nazis kooperiert zu haben. Der damalige Direktor Max Frei (bis 1954) kam von Bosch, die rund ein Viertel der Aktien besass. Die Deutsch-Schweizerische Verwaltungsbank kaufte diese zurück.

Allerdings besass Bosch über eine schwedische Treuhandgesellschaft weitere 50 Prozent der Aktien – wovon die Alliierten nichts wussten. Die Gemeinde Zuchwil setzte sich beim Bundesrat erfolgreich für «ihre» Scintilla ein: 1946 wurde das Unternehmen von der schwarzen Liste gelöscht. Bosch kaufte die Aktien von der Verwaltungsbank zurück.

Weil Scintilla im Krieg kaum mehr exportierte (noch 1930 ging 90 Prozent der Produktion ins Ausland), konzentrierte sie sich auf den Inlandmarkt und fertigte Tretgeneratoren, Dreigang- und Bremsnaben für Velos und Elektromotoren für Staubsauger und Nähmaschinen. Zu den Neuerfindungen gehörte auch eine Drehbank.

Als Zubehör dazu arbeitete der technische Angestellte Albert Kaufmann an einer Dekupiersäge – und erfand dabei die Stichsäge (siehe Kasten). Auch die Armee wurde beliefert, letztmals in den 60er-Jahren, als Scintilla das Mantelrohr für das Sturmgewehr 57 produzierte.

1947 wurde das Werk in St. Niklaus VS eröffnet und stetig erweitert. Die Produktion der Scintilla-Einspritzpumpen wurde nach Frankreich verlagert, die Produktion der Pressluft-Handwerkzeuge 1974 nach Murrhardt (D). «Der Grund waren nicht die hohen Herstellungskosten», weiss Ruepp.

«Doch es passte aufgrund der geringen Serienzahl nicht.» Einen weiteren Entwicklungsschritt machte Scintilla in den 80er-Jahren mit der Herstellung von Akku-Geräten. Der Umsatz stieg in den 90er-Jahren auf rund 800 Millionen Franken an, in China und Malaysia wurden Produktionsstätten gegründet.

1991 beschäftigte Scintilla in der Schweiz 2277 Personen. Von 1999 bis 2005 war die Firma an der Schweizer Börse kotiert.

Die gesamte Wekrzuegproduktion soll ausgelagert werden

«Der grosse Knick bei der Produktion», so Ruepp, «kam 2002.» Damals begann die Verlagerung der Hobby-Werkzeuge nach Miskolc in Ungarn – in ein Werk, das ab 2001 mit Know-how aus Zuchwil aufgebaut wurde. Eben nach Miskolc soll nun stufenweise bis 2016 die gesamte Werkzeugproduktion ausgelagert werden.

2005 übernahm Bosch 100 Prozent der Scintilla-Aktien, im gleichen Jahr wurde die 1992 bezogene Fertigungsstätte in Derendingen wieder verkauft. Zwei Jahre später wurde in Russland ein Werk für Profi-Elektrohandwerkzeuge gegründet.

Zu schaffen machten Scintilla nicht zuletzt Kopien der Zuchwiler Entwicklungen, nachdem die Patente ausliefen. «Auch der Press/Lock-Klickmechanismus bei Stichsägen, eine Erfindung der Scintilla, wurde in China kopiert», so Ruepp. Die Produkte aus Fernost kommen zu Tiefstpreisen auf den Markt.

Solothurn verliert sein industrielles Herzstück

Und wie steht Urs Ruepp zur geplanten Schliessung des Produktionsstandortes Zuchwil und zum Verlust «seiner» früheren Entwicklungsabteilungen? Zu den besten Zeiten arbeiteten rund 100 Angestellte in der Entwicklung, derzeit sind es rund 60 Ingenieure und Konstrukteure.

Zu operativen Entscheiden wolle er sich nicht äussern, sagt Ruepp. Für ihn sei es aber klar, «dass ein Teil der Entwicklung mit muss». Trotzdem stelle sich die Frage, warum die Kompetenz verlagert werde.

Nach 98 Jahren droht der Region Solothurn der Verlust eines industriellen Herzstücks. Nächstes Jahr soll ein Buch in den Druck gehen: 100 Jahre Scintilla. Ein Grund zum Jubilieren ist es nicht.