Oberwil
Traditionelle «Sichlete»: So wurde früher Weizen geerntet

Gemischtchor und Männerchor halten Bucheggberger Traditionen aufrecht - für die «Sichlete» im August wird in Oberwil mit alten Maschinen gemäht.

Margrit Renfer
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Der «Fahr-Bindemäher» aus den 1940er-Jahren hinter einem Traktor Steyr von 1950.

Der «Fahr-Bindemäher» aus den 1940er-Jahren hinter einem Traktor Steyr von 1950.

Margrit Renfer

Mähdrescher, riesige Wagen und Traktoren, grosse Strohballen prägen zur Erntezeit das Landschaftsbild. Und nun – in Reih und Glied – Puppen aus Weizengarben etwas oberhalb der Oberwiler Dreschhütte, der ehemaligen Hütte der Standdreschmaschine. «Wir wollen an unserer traditionellen Sichlete am 15./16. August mit der alten Maschine dreschen. Dazu brauchen wir drei Fuder Garben auf den Eisenreifler Wagen», sagt Kurt Kunz, OK-Präsident der Sichlete. Eine echte Herausforderung für die «Lieuse», den Fahr-Bindemäher aus den 1940er-Jahren mit Bodenantrieb und den 180er Steyr mit Jahrgang 1950. Das Gespann gehört Werner Schwab und Sohn Roland Schwab.

«Man weiss nie, wie lange wir das noch schaffen und man kann es der alten Maschine nicht verübeln, wenns nicht grad geht», sagt Werner Schwab doppelbödig. Nach einigen Problemen mit Spannriemen, Antriebsrad, Fördertuch und Knoter tuckern Traktor und Lieuse übers Feld, mähen und binden die Strohgarben, legen sie in schönen Reihen ab. «Der Bindemäher, zuerst mit Bodenantrieb und später mit Zapfwellenantrieb, das war eine riesige Arbeitserleichterung», sagt alt Bauer Ueli Otti.

Früher noch mit der Sense

Der Weizen wurde vorher von Hand mit der Sense gemäht, dann zusammengelegt, gebunden, eine schwere Arbeit zur heissen Sommerzeit. Hinter der Lieuse blieb immer noch genug Arbeit, die Garben wurden zu Puppen gestellt und später weiter von Hand aufgeladen und entweder direkt in der Dreschhütte gedroschen oder zuerst im Haus gelagert und später mit der Dreschmaschine auf Stör gedroschen.

Heute fährt der Mähdrescher direkt durchs erntereife Getreide. Das Mähen des milchreifen – also erst knapp reifen – Getreides war eine Massnahme, um vom normalerweise guten Juliwetter zu profitieren und den Reifeprozess zu beschleunigen.

Unesco-Weltkulturerbe

Die Oberwiler Sichlete und das Frauentagsingen des Gemischtchors und des Männerchors Oberwil gehören zum Unesco-Weltkulturerbe der Traditionen. «Einerseits sind wir stolz darauf, andererseits ist es auch eine Verpflichtung», sagt Vereinspräsident Peter Wyss. Eine aussergewöhnliche Gemeinschaft findet sich hier im solothurnischen Bucheggberg beim Lieuslen und Puppenstellen zusammen. Alle freuen sich nach schweisstreibender Arbeit auf einen Trunk aus der Mostflasche.

Bio-Weizen der Sorte Viva

Sorgfältig sammeln die zum Puppenstellen gekommenen Oberwiler Sängerinnen und Sänger beim Mähen verlorene Weizenähren zusammen. «Der Weizen ist dieses Jahr wunderschön», sagt Landwirt und Bio-Bauer Daniel Otti. Er stellt sein Feld für das Mähen mit dem Bindemäher zur Verfügung. Kurz gespritztes Getreide aus dem konventionellen Landbau liesse sich nicht mehr so verarbeiten.

Die Garben werden von Hand weiterverarbeitet..

Die Garben werden von Hand weiterverarbeitet..

Margrit Renfer

Die Weizensorte Viva aus Biozüchtung von Peter Kunz überzeugt Daniel Otti. Er habe zuerst nicht daran geglaubt, dass die spezielle Züchtung für Bio-Getreide so nötig und wirkungsvoll sei. Der Weizen von Ottis wird bis zur Sichlete in der Scheune gelagert, dann gedroschen und später in der eigenen Mühle zu feinem Brotmehl gemahlen. Landwirt Daniel Otti wird darauf bedacht sein, dass die «Puppen» zur richtigen Zeit in die Scheune kommen.

.. und danach zum Trocknen aufgestellt.

.. und danach zum Trocknen aufgestellt.

Margrit Renfer