Selzach
Thomas Wahl: «Selzach ist ein Vorzeigewerk»

Selzach am Jurasüdfuss bleibt ein wichtiger Standort für die Medizinaltechnik. Das Produktionswerk des US-Implantate-Herstellers Stryker feiert sein 50-jähriges Bestehen. Die Zahl der Arbeitsplätze ist rasch gewachsen und steigt tendenziell weiter.

Franz Schaible
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Thomas Wahl zeigt eine im Hightech-Neubau in Selzach produzierte Knochenplatte mit Schrauben.

Thomas Wahl zeigt eine im Hightech-Neubau in Selzach produzierte Knochenplatte mit Schrauben.

Dass in der Produktionshalle der Firma Stryker die Hochpräzisionsindustrie zu Hause ist, ist auf den ersten Blick ersichtlich. Der vor vier Jahren in Betrieb genommene, architektonisch markante Neubau am Dorfeingang ist mit zahllosen, modernsten CNC-Fertigungszentren eingerichtet, die Räume wirken fast klinisch sauber und der Lärmpegel hält sich in Grenzen. Die Herstellung ist nach Produkt aufgeteilt: hier die Knochenschrauben, dort die Knochenplatten. Thomas Wahl, Geschäftsleiter des Werkes in Selzach, spricht von «Lean Production».

«Dazu gehört das Prinzip der Inselfertigung.» Autonome Teams seien für den gesamten Produktionsablauf bestimmter Produkte verantwortlich, von der Planung über Fertigung und Qualitätskontrolle bis zur Lagerhaltung. Dadurch werde das Verantwortungsbewusstsein der Mitarbeitenden gestärkt, was sich positiv auf Qualität und Produktivität auswirke. Insgesamt wird in fünf teilautonomen Fertigungsinseln produziert, im Dreischichtbetrieb rund um die Uhr..

Von 70 auf 480

Was vor 50 Jahren in Altreu mit der Firma Voka AG – später umgetauft in Osteo AG – begann, ist bis heute zu einem der wichtigsten Arbeitgeber in der Region gewachsen. 1996 übernahm der US-Konzern Stryker das Unternehmen und baute es sukzessive aus. «Damals waren in Selzach rund 70 Angestellte beschäftigt. Heute sind wir am Standort fast 480 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter», zeigt Wahl die rasante Entwicklung auf.

Der 53-jährige gelernte Maschinen-Ingenieur arbeitete seit 1986 als technischer Leiter bei der Osteo und seit der Übernahme führt er als General-Manager die Stryker-Werke in Selzach – und seit kurzem auch das Werk im deutschen Kiel, wo Stryker Marknagel-Implantate produziert. «Unser grösstes Problem ist der Fachkräftemangel», sagt Wahl. Die Firma habe zurzeit rund 30 offene Stellen zu besetzen, praktisch in allen Bereichen. Gezwungenermassen müsse man vermehrt Personal im benachbarten Ausland rekrutieren.

Über drei Millionen Implantate und Instrumente pro Jahr

Um etwas Gegensteuer zu geben, lege Stryker Wert auf die Berufsausbildung. Aktuell bildet Stryker in Selzach 24 Lernende aus. Angesichts der guten Geschäftslage werde der Personalbestand tendenziell weiter steigen. Räumlich musste Stryker ebenfalls «anbauen». Der erwähnte Neubau war bereits die fünfte Ausbauetappe seit 1996.

In Selzach hat Stryker den Bereich Osteosynthese konzentriert. Osteo heisst auf griechisch «Knochen» und Synthese steht für Zusammenführen. Kurz, Stryker produziert hochwertige Schrauben, Platten, Instrumente und externe Fixateure zur Behandlung von Knochenbrüchen. «Jährlich fertigen wir über drei Millionen Implantate und Instrumente», erklärt Wahl auf dem Betriebsrundgang. Geliefert werden die Teile nicht direkt an die Endkunden, das heisst die Spitäler, sondern weltweit an Zwischenlager des Konzerns. Den Geschäftsgang bezeichnet er als ausgezeichnet. «Wir wachsen volumenmässig seit Jahren im hohen einstelligen Bereich.» Der Standort Selzach stehe also im global agierenden Konzern nicht zur Diskussion. Im Gegenteil. «Selzach ist ein Vorzeigewerk.»

Die Herausforderung des Bestehenkönnen

«Aber zurücklehnen können wir uns nicht», stellt Thomas Wahl klar. Selzach müsse sich mit dem internen und externen Wettbewerb mit anderen Stryker-Werken messen. Zudem sei der Preisdruck auf den globalen Märkten hoch und die Auflagen der Gesundheitsbehörden, ob jetzt in den USA oder in Japan, stiegen stetig, was mit hohen Kosten verbunden sei. Gerade im «Hochpreisland» Schweiz sei das Bestehenkönnen eine grosse Herausforderung. Das hohe Ausbildungsniveau in der regional stark verankerten Präzisionsindustrie, gepaart mit dem nötigen technischen Know-how sowie der Automatisierungsgrad führten zu einer hohen Effizienz in der Fertigung. «Wir können deshalb mithalten», sagt Wahl nicht ohne Stolz. Davon seien auch die Amerikaner beeindruckt. Die 1946 von Homer Stryker in den USA gegründete Firma beschäftigt weltweit über 21 000 Angestellte, betreibt über 20 Produktionsstätten und erwirtschaftete 2012 einen Umsatz von 8,7 Milliarden Dollar.

Entscheidend für einen Standort sei auch das Potenzial für Neuentwicklungen, ergänzt Wahl. «In Selzach sind rund 80 hoch qualifizierte Ingenieure tätig, um neue Produkte zu entwickeln.» Zudem sei in Selzach neu auch das Ausbildungszentrum angesiedelt, in dem Chirurgen aus der ganzen Welt den Einsatz von Stryker-Produkten üben können. Deshalb ähnelt der Neubau einer Mischung aus Campus und Produktion.