Sozialdienste
Stress und Überlastung: Sozialdienste stocken die Pensen auf

Im Leberberg, Bucheggberg und Wasseramt stossen die Sozialdienste an die Leistungsgrenze - besonders seit sie noch für die Vormundschaft verantwortlich sind. Als Reaktion werden Pensen aufgestockt.

Christof Ramser
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Sozialdienst der Einwohnergemeinde Biberist

Sozialdienst der Einwohnergemeinde Biberist

Hanspeter Bärtschi

Als der Mann ins Altersheim kommt, geht das Ersparte rasch zur Neige. Die Pflege ist teuer, und um die Heimkosten bezahlen zu können, müssen Ergänzungsleistungen beantragt werden. Bloss kann der Mann nicht mehr selbst für seine Bedürfnisse sorgen. Er ist dement und braucht einen Beistand. Eigentlich ein Routinefall. Nun prüft der Sozialdienst die Situation gründlich und verweist ihn an die Erwachsenenschutzbehörde.

Diese nimmt sämtliche Abklärungen erneut vor, schickt Fachleute vor Ort, prüft die Beistandschaft. Viel Zeit verstreicht, und bis der demente Mann einen Beistand erhält, ist über ein halbes Jahr vergangen. In der Zwischenzeit blieb nicht nur die Heimrechnung offen. Das Betreibungsamt hat längst angeklopft.

So hat es sich kürzlich in Derendingen abgespielt. Es ist ein beispielhafter Fall, der zeigt, dass seit der Einführung des neuen Erwachsenenschutzrechts vieles noch nicht rund läuft.

Längeres Prozedere

Seit Monaten steigt die Arbeitslast in den regionalen Sozialdiensten. Verschärft wurde die Situation, seit per Anfang 2013 die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden KESB die kommunalen Vormundschaftsbehörden abgelöst haben (siehe Kontext). Mehrere Sozialdienste haben darauf Stellen aufgestockt. Auch aus Derendingen, wo die aufgelaufenen Arbeiten kaum mehr bewältigt werden konnten, kam der Ruf nach mehr Personal. Dem Gemeinderat blieb nichts anderes übrig, als zuzustimmen.

Gemeinde: Hohe Belastung

Das neue Kindes- und Erwachsenenschutzrecht ist seit Anfang 2013 in Kraft. Wenn jemand zum Beispiel dement wird, in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird oder hilfsbedürftig ist, sind nicht mehr Vormundschaftsbehörden, sondern Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden zuständig. Diese sind den Oberämtern angegliedert. «Das neue Recht stellt höhere Anforderungen», sagt Claudia Hänzi, Chefin im kantonalen Amt für soziale Sicherheit. Die Massnahmen müssen nun zugeschnitten und individualisiert werden, was das Verfahren intensiviere. Das sei an sich ein positiver Prozess, weil sich die Rechtsstellung der betroffenen Person verbessert habe. «Sie muss beispielsweise sorgfältiger angehört werden.» Dennoch müsse es ein Ziel sein, «zügige und effiziente Abläufe zu finden, um die Bearbeitung innert nützlicher Frist zu ermöglichen.» Um die Abläufe zu verbessern, wurde eine Task-Force eingesetzt. Das ist im Sinne des kantonalen Einwohnergemeindeverbands, sagt deren Präsident Kuno Tschumi. Denn in den Gemeinden sei die Belastung nach der Neuorganisation der KESB wesentlich höher als gedacht. Das Mengengerüst an Arbeit sei unterschätzt worden. «Zudem werden Routinefälle unnötig bearbeitet», sagt Tschumi. Die Mitarbeiter in den Sozialdiensten seien gut geschult im Vormundschaftsrecht und könnten auch weiterhin kompetente Berichte zuhanden der neuen Behörden schreiben. Der Sozialbereich belastet die Gemeindebudgets stark, weil die Sozialhilfefälle, auch bei jüngeren Personen, zunehmen würden. (crs)

Übermorgen Montag beantragt nun Marlies Jeker, Leiterin im Sozialdienst Biberist Bucheggberg Lohn-Ammannsegg, im Gemeinderat Biberist ein Zusatzpensum von 100 Prozent in der Administration. «Die Arbeitsbelastung ist sehr hoch», sagt die Leiterin, die wegen der dünnen Personaldecke auch selber Fälle betreut oder Telefondienst macht. Die Reorganisation der KESB habe zu längeren und formalistischeren Verfahrenswegen geführt. «Früher hatten wir in Biberist einen unkomplizierten Zugang zur Vormundschaftsbehörde, teils konnten wir mündlich viel Arbeit erledigen.» Heute brauche es für jeden Fall schriftliche Formalitäten. «Das Prozedere ist viel länger.»

Konstant gestiegen seien die Fallzahlen. Jeker führt dies auf gesellschaftliche Veränderungen und einen wachsenden Individualismus zurück. Zudem sei die Erwartungshaltung der Klienten gestiegen.

Komplexere Fälle

Im Sozialdienst mittlerer und unterer Leberberg SDMUL beliefen sich die Stellenprozente per Ende 2012 auf 825 Prozent. Der Zweckverband deckt 11 Gemeinden ab. Mittlerweile sind die Pensen auf 995 Prozent angewachsen, da die Asylbetreuung hinzu kam sowie eine befristete Pensenerhöhung von 60 Prozent, um den Leiter und den Stellvertreter mit Fallarbeit zu entlasten. «Wir haben keine grosse Zunahme im Sozialhilfebereich», sagt SDMUL-Präsident Hanspeter Berger. «Doch die Fälle werden generell komplexer.» Die Einführung des neuen Kindes- und Erwachsenenschutzgesetzes habe zu massiv mehr Abklärungsaufträgen geführt. «Eine Abklärung führt zwar nicht automatisch zu einem Fall, aber sie generiert Arbeit», sagt Berger. Derzeit analysiert eine externe Beraterfirma die Strukturen im SDMUL. Bis Mitte 2014 sollen die Resultate vorliegen.

Arbeitsmarkt ausgetrocknet

Auch im Sozialdienst Zuchwil-Luterbach sind die Mitarbeiter am Anschlag. Leiterin Ferdinanda Brauchli verwies kürzlich auf 1000 geleistete Überstunden und die Gefahr, die Mitarbeiter zu verheizen. Der Stellenetat wurde aufgestockt, 100 Kindes- und Erwachsenenschutzdossiers an eine externe Firma ausgelagert. Zuchwils Gemeindepräsident Stefan Hug (SP) hat nicht den Eindruck, dass man im Sozialdienst über einen üppigen Stellenetat verfüge, im Gegenteil: Die Mitarbeiter würden überdurschnittlich viele Fälle bearbeiten. «Sie arbeiten mehr als anderswo.» Die Vergleichbarkeit der Pensen sei allerdings schwierig, da die Mitarbeiter nicht überall die gleichen Aufgaben übernehmen.

Derweil eröffnet sich ein weiteres Problemfeld: Es finden sich kaum qualifizierte Sozialarbeiter. «Der Arbeitsmarkt ist völlig ausgetrocknet», sagt Hug. In Zuchwil und Derendingen können die Stellen kaum besetzt werden. Viele Fachkräfte wurden von den KESB aufgesaugt, die Arbeit in den Sozialregionen sei unattraktiv. «Es ist hektisch, die Mitarbeiter rennen und müssen zum Teil unter Polizeischutz zu den Leuten heim», sagt Olaf Wirtz, Leiter des Sozialdienstes Wasseramt Ost. Sie würden für vieles verantwortlich gemacht, wofür sie eigentlich nicht zuständig seien. «Sozialarbeit», so Wirtz, «kann man nicht mit dem Automaten machen.»

Wenn die Dossierzahlen abnehmen, wäre Stefan Hug sofort bereit, den Stellenetat wieder runterzufahren und Abgänge nicht zu ersetzen. So wie es aussieht, bleibt dies ein frommer Wunsch: Die Fallzahlen bleiben hoch.

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