Eingepackt in eine dicke Winterjacke erwartet Stephan Schöni den Journalisten auf dem Bleichenberg. Als Ausgangspunkt für den gemeinsamen Rundgang durchs Dorf wählt der erklärte Gegner einer Gemeindefusion das Zuchwiler Wasserreservoir – und damit fremdes Terrain. Wir befinden uns auf Biberister Boden, dort, wo Zuchwil, Biberist und Derendingen jeweils gemeinsam den 1. August feiern. «Wenn es für alle Seiten Sinn macht, unterstütze ich kommunale Zusammenarbeit», sagt Stephan Schöni. Auch das Wasserreservoir sei ein Symbol dafür. Doch gebe man die Gemeindeautonomie auf, bedeute dies einen Verlust direkter Demokratie und hohe Ausgaben. «Die Fusion ist unnötig. Die Vorortsgemeinden drohen gegenüber Solothurn den Kürzeren zu ziehen.» Klartext à la Schöni.

Grenzen und Heimat

Mit dem Zeigfinger zeichnet Stephan Schöni präzis den Grenzverlauf Zuchwils in die Luft. Sollte die Bevölkerung anders entscheiden und diese politischen Grenzen aufheben, würde er als Gemeindepräsident dies «demokratisch» akzeptieren. «Zumindest sollten wir dann aber sicherstellen, dass die Wasserämter Fusionspartner das Maximum herausholen und eine starke Front gegen die Stadt bilden.»

Bevor wir den Rundgang starten, blickt Stephan Schöni rüber zum Weissenstein. «Diesen Anblick mag ich gerne. Er bedeutet Heimat.» Wenn der «Schönwetterfahrer» zusammen mit seiner Frau auf dem Chopper von Ausflügen zurückkommt und die drei Lichter auf dem Hausberg ins Blickfeld kommen – dann fühlt er sich daheim.

In Boomzeiten aufgewachsen

Es ist Zeit, Richtung Birchiwald aufzubrechen. Immer wieder bleibt Schöni auf dem Strässchen stehen und lässt den Blick über sein Dorf schweifen. Dort, im Wohnblock an der Brunnmattstrasse, ist er aufgewachsen. Später zügelte die Familie in einen der «Cremeschnitten»-Blöcke im aufstrebenden Mürgeliquartier. Es waren die 1960er-Jahre, die Maschinen in Sulzer und Scintilla brummten und beschäftigten Tausende Angestellte. Die Industriearbeiter brauchten günstige Wohnungen, und Optimisten prognostizierten, dass Zuchwil dereinst 16 000 Einwohner zählen könnte. Doch der Grabacker mitten im Dorf, der für ein fünftes Schulhaus reserviert wurde, blieb bis heute unüberbaut. Stephan Schöni erzählt von seiner Jugendzeit, von den damals zahlreichen Bauernhöfen im Dorfzentrum, vom Kuhdreck auf den Strassen, dem Vieh im Ausserfeld. Industrie und Landwirtschaft gingen Hand in Hand. «Moser, Christen, Gasser . . .» – er kennt die ehemaligen Bauernhöfe noch alle mit Namen. Heute gibts in Zuchwil keinen Viehbetrieb mehr.

Gewerkschaft und Freisinn

Stephan Schöni ist in einem «roten» Elternhaus aufgewachsen. Die Eltern waren in der SP, der Vater war Galvaniseur und Gewerkschafter. Auch den Sohn zog es in die Industrie. Er absolvierte eine Mechanikerlehre in der Scintilla und trat der Gewerkschaft Smuv bei. Moment mal, der stramm freisinnige Schöni, der auf Eigenverantwortung und tiefe Steuern setzt, ein Gewerkschafter? Die Episode erfüllt ihn nicht mit Stolz, «aber in der Industrie war das normal». Der Sinneswandel kam bald. «Es kann nicht sein, dass man die Verantwortung abschiebt. Man muss für sich selber schauen.» Die neue politische Heimat fand er in der FDP.

Er absolvierte die Meisterschule, erhielt eine Anstellung als Produktionsleiter Kunststoff in der ETA Grenchen, arbeitete bei Harting Biel, war schliesslich Betriebsleiter in einem KMU. Dort, den Firmennamen will er nicht nennen, überwarf er sich mit dem Chef und wurde entlassen. «Seit anderthalb Jahren habe ich nun nach einer Stelle gesucht» – kürzlich habe es geklappt.

Stephan Schöni zieht aus seiner beruflichen Situation Parallelen zum Zustand der darbenden Industrie und zu den steigenden Sozialkosten. «Es wird vermehrt in Billiglohnländern produziert, Arbeitsplätze in der Industrie werden rar.» Doch mit dem Schicksal hadern mag er nicht. «Wissen Sie, ich muss einfach leben können, ich muss nicht reich sein.» Reichtum, das bedeuten für ihn auch seine zwei Kinder und die vier Grosskinder. Einen Zusammenhang zwischen seiner Kandidatur und der beruflichen Situation schliesst er aus. «Als Gemeindepräsident würde ich für das Dorf arbeiten, nicht für mich selber.»

Sparpotenzial ausschöpfen

Wir spazieren ins Dorf hinunter und passieren das Gasser-Areal, wo ein Kranausleger über dem Bauplatz schwebt. In Zuchwil entsteht wieder neuer Wohnraum, bis gegen 300 Wohnungen sollen es in den nächsten Jahren sein. Das widerspiegelt die Attraktivität des Dorfes, glaubt Schöni, und gerät ins Schwärmen: «Wir haben gut ausgebaute Schulen, eine fortschrittliche Förderung im vorschulischen Bereich, die Infrastruktur ist in gutem Zustand, dazu kommt das Sportzentrum, der Naherholungsraum mit Aare und Emme . . .» Goldene Zeiten also? Wären da nur nicht die wegbrechenden Steuern der Industrie. Als Gemeindepräsident würde er sich dafür einsetzen, dass neue Betriebe angesiedelt werden und Sitz und Arbeitsplätze der Scintilla zumindest nicht verschwinden. Nun kommt doch noch Wahlkampfrhetorik auf. «Die Gemeinde muss effizienter geführt werden, ohne substanziell abzubauen.» Ist das kein Widerspruch? «Vielleicht», sagt Schöni, «müsste ich meine Haltung revidieren, sobald ich im Amt bin. Aber es wäre doch unseriös, würde das vorhandene Sparpotenzial nicht ausgereizt.»

Wir kommen zum Ziel unseres Rundgangs – dem Gemeindehaus. «Hier habe ich in den letzten 20 Jahren viel Zeit verbracht, sei es in Kommissionen oder im Gemeinderat.» Und hier möchte er die nächsten vier Jahre als Gemeindepräsident arbeiten, «zum Wohle aller Zuchwiler».