Jugend und Religion
«Stellt euch vor, wo Gott hockt»

Für den kommenden Oberaargauer Kirchentag lanciert das Organisations-Komitee einen Kurzfilm- und Stuhlwettbewerb. Konfirmanden haben Stühle, auf denen Gott sitzen könnte, kreirt und können so ihre eigene Vorstellung von Gott ausloten.

Irmgard Bayard
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Für einige Konfirmanden hockt Gott auf einem «Wolkenstuhl». thomas peter

Für einige Konfirmanden hockt Gott auf einem «Wolkenstuhl». thomas peter

thomas peter

«Wie bringt man Jugendliche dazu, über Gott nachzudenken?» Diese Frage haben sich wohl schon unzählige Pfarrleute gestellt. Eine Antwort darauf haben Pfarrerin Sabine Müller Jahn und Pfarrer Cédric Rothacher aus Langenthal gefunden.

Sie haben Schülerinnen und Schülern von zwei Konfirmandenklassen aus Langenthal den Auftrag erteilt, Stühle zum Thema «Wo Gott hockt» zu gestalten. Herausgekommen sind Sitzgelegenheiten, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Für den Kirchentag Oberaargau 2015 im Herbst lanciert die Spurgruppe einen Kurzfilm-Wettbewerb. «Daran teilnehmen können alle, die mit einer Videokamera oder dem Handy einen fünfminütigen Film drehen, der zeigt, wo Gott überall zu finden ist», stellte Sabine Müller das Projekt im vergangenen Mai anlässlich der Frühlingsbezirkssynode des Kirchlichen Bezirks Oberaargau vor.

Die Beiträge können bis zum 15. August eingereicht werden und gelangen am 24. Oktober 2015 zur Aufführung.

«Wir wollten die Konfirmanden einbeziehen. Bei der Diskussion um das Wie entstand der Gedanke, die Jugendlichen Stühle gestalten zu lassen und damit den Titel ‹Wo Gott hockt› wortwörtlich umzusetzen.» Die Arbeit an den Stühlen wurde gefilmt. Das Resultat gelangt am Kirchentag ebenfalls zur Aufführung.

Vor der eigentlichen Gestaltung der Stühle setzen sich die Jugendlichen im Konfirmanden-Unterricht mit dem Thema auseinander. Die Pfarrpersonen und Praktikantin Sara Egger stellten Kisten mit Gottesbildern, wie zum Beispiel Gott als Schöpfer oder Gott als Richter zusammen.

In sogenannten Logbüchern schrieben die Schülerinnen und Schüler ihre Gedanken dazu auf, die Pfarrpersonen lasen diese und ergänzten sie mit Kommentaren. «So ist ein Dialog über Gott entstanden», sagt Sabine Müller.

Dass dieser Unterricht nicht reibungslos ablief, versteht sich von selbst. «Es hat teilweise heftige Diskussionen und manchmal auch Provokationen gegeben», blickt Müller Jahn zurück. «Wir haben uns dadurch jedoch nicht irritieren lassen, sondern die Jugendlichen aufgefordert, ihre Gedanken umzusetzen.»

So hat eine Gruppe etwa ein Beil in den Stuhl gerammt, weil «Gott allmächtig ist, aber nicht auf das Leid der Welt schaut und wir deshalb seinen Thron zerstören». Ein zweigeteilter Stuhl, «für gute und schlechte Dinge» ist ebenso zu finden wie solche mit Pflanzen und Herzen (Gott als Schöpfer oder der liebende Gott).

«Es ist spannend, wenn man sich einmal in dieser Form ausdrücken kann», meinte Laura Frontera (15) anlässlich der Stuhlwerkstatt.

Der Zweck, dass sich die Jugendlichen mit Gott auseinandersetzen, wurde mit der Produktion der Stühle sicher erreicht. Was aber halten die Leute auf der Strasse von diesem Projekt und worauf würden sie sich setzen?

Dies wollten die Konfirmanden im Februar wissen, als sie die Stühle in der Marktgasse präsentierten. «Diese Art des Unterrichts kann dabei helfen, dass Jugendliche zu Gott finden», sagte etwa Vreni Jaussi aus Madiswil, welche die Objekte kritisch betrachtete.

Die meisten Passanten würden sich auf einen Stuhl mit Pflanzen, Farben oder dem Herz setzen.

Vor wenigen Tagen organisierten die Pfarrpersonen eine Vernissage, an der die Stühle nochmals gezeigt wurden. «Wir laden Sie herzlich ein, Platz zu nehmen», hiess es in der Einladung dazu.

Zwar setzten sich die Besucherinnen und Besucher nicht hin, die Objekte regten aber zu Diskussion an und bezweckten, was Pfarrer Cédric Rothacher in seinen Einführungsworten betonte: «Die Gottesbilder sollen hinterfragt werden.» Dieser Meinung sind auch die Besucher Margrith und Marcel Lanz.

«Junge Leute suchen ihr Gottesbild noch. Sie dies in Bild und Wort ausdrücken zu lassen, finde ich gut», so Margrith Lanz. Für sie schaffen die Stühle und Kommentare eine Fremdperspektive. Dem schliesst sich ihr Mann an. Ihn animiert die Ausstellung ebenfalls, seine eigene Vorstellung zu überdenken, eventuell sogar zu revidieren und zu erweitern.

Einige der Stühle kommen im Herbst noch einmal zum Einsatz, wenn der pensionierte Pfarrer Werner Sommer einen Vortrag zum Thema «Wo Gott hockt» hält.