Lüsslingen-Nennigkofen
Statt Schneeballschlachten gibt es neu Gemeinschaften

Die Fusion zwischen Lüsslingen und Nennigkofen ist nach einem Jahr auf dem richtigen Weg. Das Dorf ist zusammengewachsen. Ein neuer Graben hat sich aber aufgetan: Die Kirschblütengemeinschaft sorgt für Zwist im Dorf.

Christoph Neuenschwander
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Blick auf die Kirche im Dorfteil Lüsslingen.

Blick auf die Kirche im Dorfteil Lüsslingen.

Hanspeter Bärtschi

Der Regen tropft vom Ortsschild mit der Aufschrift «Lüsslingen (Gemeinde Lüsslingen-Nennigkofen)». Die Strassen sind verlassen. Zwischen den Ortsteilen liegt ein Stück unbebautes Land wie eine natürliche Grenze. Man mag viel in dieses Bild hineininterpretieren, wenn man an einem kalten Wintermorgen in die Bucheggberger Fusionsgemeinde fährt.

Und viel wurde in der Tat interpretiert. Kirschblüten- und andere Interessensgemeinschaften wurden analysiert, von «Gräben» und «gegenläufigen Strömungen» gesprochen. Dabei geht oft vergessen, dass das 1000-Seelen-Dorf Lüsslingen-Nennigkofen im Grunde enger zusammengewachsen ist. Und dies, wie Gemeindepräsident Herbert Schluep darlegt, sehr erfolgreich.

Ein Jahr ist es nun her, seit aus zwei Ortschaften eine wurde. Eine Entwicklung, die sich abgezeichnet hatte. Als seinerzeit über den künftigen Namen des Dorfes abgestimmt wurde, erzählt Schluep, habe keineswegs jeder dafür gekämpft, dass sein Ortsteil zuerst genannt werde. Es gab Nennigkofer, die für «Lüsslingen-Nennigkofen» waren, genauso wie Lüsslinger, die für «Nennigkofen-Lüsslingen» stimmten.

Nach der Fusion

In einer fünfteiligen Serie beleuchten wir die Gemeinden, die in den letzten Jahren in den Bezirken Lebern, Bucheggberg und Wasseramt fusioniert haben. Wie beurteilen die Einwohner die Auswirkungen, was sagen die Behörden? Was hat sich gut entwickelt, wo gibts Probleme? Den Auftakt machten am 31. Dezember Aeschi und Steinhof, die auf den 1. Januar 2012 fusioniert haben. Es folgte am 9. Januar Messen und am 15. Januar die Gemeinde Drei Höfe. (rm)

Im Gegensatz zu dieser versöhnlichen Anekdote kann sich Gemeindeschreiberin Madeleine Stuber aber auch an Schneeballschlachten aus ihrer Schulzeit erinnern, in denen Lüsslingen gegen Nennigkofen ins Feld zog. Beide Attitüden sind im Dorf nach wie vor verbreitet.

Fusion war breit abgestützt

«Natürlich gibt es den einen oder anderen, der dem nachtrauert, was früher war», kommentiert Ernst Hürlimann, der ehemalige Gemeindepräsident von Lüsslingen. «Neues ist immer mit Risiken und mit einer Art Heimweh verbunden, aber mit der Zeit werden auch diese Narben verheilen.» Er sei nach wie vor der Meinung, dass die Fusion der richtige Schritt war.

Cornelia Principi: «Jetzt gibt es einfach einen neuen Zwist»

Für eine Gruppierung hatte die Fusion wohl in der Tat Nachteile: die Gemeinschaft Kirschblüte, deren Mühlegartenprojekt durch die Fusion zurückgestellt wurde, wie Gemeindepräsident Herbert Schluep bestätigt. Die Ortsplanung, die das Projekt derzeit blockiert, hätte man aber ohnehin angehen müssen. Die Fusion habe einzig den Zeitpunkt vorgegeben.

Cornelia Principi von der Kirschblütengemeinschaft findet zwar noch immer, der Gemeinderat habe sein Versprechen gebrochen. Der Fusion an sich steht sie aber positiv gegenüber. Die Rivalität zwischen den beiden Ortschaften habe sich aufgelöst, findet Principi, die seit 15 Jahren im Dorf lebt. «Jetzt gibt es einfach einen neuen Zwist zwischen der IG üses Dorf und uns.»

Ein Zwist, der sich zwar im Jahr nach der Fusion, entfacht hat, mit dem Zusammenschluss der Gemeinden aber wenig zu tun hat. Die IG hat sich als Sprachrohr formiert, um die Befindlichkeiten der fusionierten Dorfbewohner aufzufangen. Damit sind aber in erster Linie Nicht-Kirschblütler gemeint - bei besagten Befindlichkeiten geht es fast nur um die «Sekte», wie der Sprecher der IG, Reto Sollberger, wiederholt deutlich machte. Die Gemeinschaft habe sich in den letzten Jahren stark ausgebreitet, was manchen Leuten Sorgen bereite.(cnd)

Die Verwaltung sei mit der Umstellung sehr gefordert gewesen, beurteilt Hürlimann. Doch allmählich normalisiere sich die Situation. «Es braucht Zeit, bis alles rund läuft. Und dafür braucht es ein gewisses Verständnis seitens der Bevölkerung. Alle Involvierten geben sich grosse Mühe.» Wichtig sei letztlich, dass die Fusion nicht von oben angeordnet, sondern von unten gewünscht worden sei. Von Anfang an sei eine breite Unterstützung aus der Basis da gewesen.

«Die Identität wird bleiben»

Ähnliche Töne werden in der Verwaltung selbst angeschlagen. Die Bevölkerung schätze die neue Organisation, heisst es. Man arbeite strukturierter und direkter. Und auch ins neue EDV-System habe man sich eingelebt.

Madeleine Stuber sitzt an am grossen Sitzungstisch im Gemeindehaus. «Die Identität wird bleiben», ist sie sicher. «Dass einer sagt ‹ich bin aus Nennigkofen› oder ‹ich komme aus Lüsslingen›, das wollen wir gar nicht ändern.» Denn auch wenn das Dorf über die Jahre hinweg spürbar zusammengewachsen sei, ergänzt Herbert Schluep: «Die Ortsteile, so wie es sie in vielen anderen Gemeinden auch gibt, bleiben bestehen.»

Was verschwunden ist, sind überflüssige Strukturen, bürokratische Umwege. «Wenn wir die beiden Zweckverbände für Abwasser und Mehrzweckanlagen mitrechnen, haben wir quasi aus vier Verwaltungen eine gemacht», sagt Schluep. Schulen und Feuerwehren waren zwar vor der Gemeindefusion schon zusammengeschlossen, erklärt Madeleine Stuber, «doch nun ist nur noch ein Gemeinderat zuständig und fällt Entscheidungen. Das Hin und Her ist vorbei.»

Der Vergangenheit gehören auch die endlosen Streitigkeiten über die Wasserversorgung an, die bis tief in die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurückreichten, wie Gemeindepräsident Schluep weiss. Wem welche Leitung gehört, wer wofür bezahlen muss oder Geld zugute hat: Das erübrigt sich nun.

Viel Arbeit für einfachere Prozesse

«Eigentlich gibt es nur Positives zu berichten», sagt Schluep über die Fusion. Man habe nun ein Ressort-System – etwas, das vorher nur Lüsslingen gekannt hatte. Und eine zentrale Verwaltung – etwas das vorher nur Nennigkofen gekannt hatte. Die Einwohner müssen nicht mehr mühsam von Anlaufstelle zu Anlaufstelle rennen, bis sie endlich die zuständige Person mit den richtigen Dokumenten gefunden haben. «Jetzt sind alle Unterlagen und alle Mitarbeiter am selben Ort», so Schluep.

Es sei ja nicht so, dass die Leute vorher ihre Sache nicht gut gemacht hätten, sagt Madeleine Stuber, die seit 20 Jahren als Gemeindeschreiberin in Nennigkofen arbeitet. «Früher hatten wir einfach die Strukturen gar nicht, um die Prozesse zu vereinfachen.» Die Prozesse vereinfachen: Das hat einiges an Arbeit gekostet.

Bereits ein halbes Jahr vor der Fusion, Mitte 2012, hatte der neue Gemeinderat angefangen, Reglemente, Pflichtenhefte und Gebühren zu vereinheitlichen. «Aber das hat sich gelohnt», ist Schluep sicher. Und Stuber ergänzt: «Wenn man das nicht rechtzeitig aufgleist, schleppt man solche Geschäfte noch Jahre nach der Fusion mit sich herum.»

Von 30 000 auf 15 000 Franken

Trotz aller Euphorie im Gemeindehaus: Negative Stimmen zur Fusion gibt es natürlich dennoch. Manche sehen im Zusammenschluss den Grund für die Steuererhöhung, die bei der vergangenen Budgetversammlung angenommen wurde. «Das hat mit der Fusion aber nichts zu tun», sagt Schluep. Das Steuersubstrat sei zurückgegangen, Ausgaben in den Bereichen Bildung und Soziales gestiegen. Das wäre auch so geschehen. Im Gegenteil habe man durch die Halbierung der Sitzungsgelder die Ausgaben von 30 000 auf 15 000 Franken reduziert.

Etwas, woran sich die Lüsslingen-Nennigkofer auch gewöhnen müssen, sind die Öffnungszeiten der Verwaltung. Zumindest telefonisch sei die ganze Woche immer jemand erreichbar, sagt Stuber. Aber manche müssen noch begreifen, dass man sie am Sonntagabend nur wegen absoluter Notfälle anrufen könne – nicht wegen Kehrichtmarken.