Stahl Gerlafingen
Standortleiter Daniel Aebli: «Das Stahlwerk hat realistische Chancen»

Erstmals äussert sich Daniel Aebli als neuer Standortleiter über die Zukunft des Stahlwerkes Gerlafingen. Er geht davon aus, dass sich das Tochterwerk der italienischen Stahlgruppe Beltrame im hart umkämpften Stahlmarkt behaupten kann.

Franz Schaible
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Der 53-jährige Daniel Aebli arbeitet seit 2007 bei der Stahl Gerlafingen AG – zuerst als Leiter Personal und Kommunikation und seit dem 1. April als Gesamtleiter. Nach der Lehre als Bahnbetriebsdisponent bei den SBB bildete er sich zum Eidg. diplomierten HR-Leiter weiter und war lange Jahre bei den SBB tätig.

Der 53-jährige Daniel Aebli arbeitet seit 2007 bei der Stahl Gerlafingen AG – zuerst als Leiter Personal und Kommunikation und seit dem 1. April als Gesamtleiter. Nach der Lehre als Bahnbetriebsdisponent bei den SBB bildete er sich zum Eidg. diplomierten HR-Leiter weiter und war lange Jahre bei den SBB tätig.

Sie sind seit dem 1. April als operativer Leiter des Stahlwerkes Gerlafingen Chef von über 500 Mitarbeitenden. Wie fühlt sich das an?

Daniel Aebli: Ich arbeite seit über sechs Jahren im Stahlwerk und habe verschiedene Aufgaben ausgeführt, unter anderem leitete ich die Logistik interimistisch, führte bis zum Wechsel die Personal- und Kommunikationsabteilung und war seit 2010 auch Stellvertreter des operativen Leiters. So gesehen war die Umstellung nicht allzu gross. Aber die Intensität der Arbeit und die Belastung haben sicherlich zugenommen.

Welches sind Ihre ersten Erfahrungen als Leiter einer der grössten industriellen Arbeitgeber im Kanton Solothurn?

Positiv. Bereits im vergangenen Jahr haben wir ja mehrere wichtige Veränderungen eingeleitet wie etwa die Reduktion der Produktion auf der Profilstrasse oder Massnahmen zur Produktivitätssteigerung. Klar ist, als neuer operativer Leiter kann ich die Welt nicht neu erfinden. Es braucht verschiedene Massnahmen, um die nicht einfache Situation im Stahlmarkt nachhaltig zu verbessern. Unter anderem braucht es eine bessere bereichsübergreifende Zusammenarbeit im Werk, um Synergien besser zu nutzen. Es geht dabei um ganz praktische Dinge. Beispielsweise um gegenseitige Personalaushilfe bei personellen Engpässen innerhalb des Werkes. Letztlich braucht es aber den Einsatz der gesamten Belegschaft für den Erfolg. Mir ist zwar eine gewisse Hierarchie wichtig. Aber als Leiter einer Unternehmung kann man sich eine Meinung nicht nur aufgrund von Gesprächen mit den Chefs bilden. Sondern es bedingt Gespräche mit den Mitarbeitenden vor Ort, an der Maschine im Werk oder den Einbezug der Personalkommissionen. Das ist mir sehr wichtig.

Das Stahlgeschäft leidet europaweit unter Überkapazitäten. Wie hat sich Gerlafingen 2013 behauptet?

Durchzogen. Insgesamt haben wir 634 000 Tonnen Stahl ausgeliefert. Das sind rund 6 Prozent weniger als 2012.

Was waren die Hauptgründe für den Rückgang?

Aufgrund der Nachfrageflaute im Profilstahlbereich haben wir wie erwähnt die Produktion zurückgefahren. Und im Bereich Baustahl kämpften wir mit der Rohstoffversorgung, was zu zusätzlichen Stillstandstagen führte. So ging auch die Fertigung von Baustahl zurück.

Aber angesichts der nach wie vor boomenden Bauwirtschaft sollte doch dieser Bereich florieren?

Das ist so, es lag denn auch nicht an der Nachfrage, sondern an der erwähnten Knappheit des Rohstoffes Altmetall.

Wo liegen die Hauptprobleme beim Profilstahl wie Stabstähle und Träger?

In diesem Bereich sind wir stark exportorientiert. Dort sind wir von der Nachfrageschwäche im europäischen Markt, dem massiven Preisdruck durch dortige Anbieter und nicht zuletzt durch den starken Franken betroffen. Die Wirtschaftskrise führte in diesen Ländern zu einem Nachfrageeinbruch um gegen 40 Prozent. Inzwischen wächst der Markt wieder leicht. Aber bis der Rückgang kompensiert ist, dauert es noch mehrere Jahre.

Die Profilstahlproduktion wurde ja auf Einschichtbetrieb zurückgefahren. Ist beabsichtigt, wieder einen Mehrschichtbetrieb einzuführen?

Ja. Diese Anlage kann im Einschichtbetrieb nicht rentabel betrieben werden. Angesichts der Marktlage wird es aber noch zwei bis drei Jahre dauern.

Der Bereich Baustahl trägt rund 80 Prozent zum Umsatz bei, der Profilstahl nur 20 Prozent. Ist das nicht ein Klumpenrisiko?

Deshalb hat unsere Mutterfirma Beltrame ja rund 180 Millionen Franken in ein neues Walzwerk investiert – allerdings fiel der Entscheid vor der Krise und ging von ganz anderen Marktverhältnissen aus. Ziel bleibt, die Abhängigkeit von der Bauwirtschaft zu reduzieren.

Wie hat sich der Umsatz 2013 entwickelt?

Wir haben einen Nettoumsatz von 394 Millionen Franken erwirtschaftet. Damit liegen wir rund 10 Prozent unter Vorjahr. Der Rückgang ist erklärbar durch den geringeren Absatz.

Der Betriebsgewinn betrug 2012 rund 10 Millionen Franken. Und 2013?

Die Zahlen liegen noch nicht vor. Das Ergebnis blieb aber trotz der erwähnten Massnahmen ungenügend. Höhere Erträge sind zwingend.

Gibts eine Zielgrösse?

Wir rechnen mit einer Verbesserung von rund zehn Millionen Franken jährlich. Unter anderem tragen Kostensenkungs- und Produktivitätsprogramme dazu bei. Es braucht eine vernünftige Ertragslage, um investitionsfähig zu bleiben.

Wann wird die Mutterfirma angesichts der ungenügenden Ertragslage die Geduld mit Gerlafingen verlieren?

Das ist kein Thema. Beltrame hat ein Bekenntnis zum Stahlwerk abgegeben und die Finanzierung ist für die nächsten Jahre gesichert. Man ist auch gegenseitig aufeinander angewiesen; Beltrame hat grosse Investitionen getätigt, gleichzeitig sind wir im Bewehrungsstahl in einem gut laufenden Markt führend. Das heisst, innerhalb der Gruppe hat Gerlafingen eine gute Position. Beweis dazu ist, dass wir Mittel für weitere Investitionen in Millionenhöhe erhalten, etwa für zwei neue Anlagen im Ringcenter oder Investitionen im Stahlwerk zur Erhöhung der Energieeffizienz und Senkung der Produktionskosten. Bedingung ist aber, dass wir Synergien innerhalb der Gruppe nutzen, sei es im Bereich Einkauf oder Energieplanung.

Heisst das, dass der Standort Gerlafingen mittelfristig nicht gefährdet ist?

Aus meiner Sicht ja. Dazu braucht es die Umsetzung der beschriebenen Massnahmen – und eine Verbesserung der Marktlage, insbesondere im Profilstahlbereich.

Werden Sie von Mitarbeitenden auf die Sicherheit der Arbeitsplätze angesprochen?

Das kommt vor. Garantien kann ich natürlich nicht abgeben. Aber ich bin überzeugt davon, dass der Standort Gerlafingen eine realistische Chance zum Überleben hat. Es muss in der Schweiz eine Zukunft geben für ein Stahlwerk wie unseres. Wir sind der grösste Recyclingbetrieb und betreiben eine «grüne Wirtschaft». Wir verarbeiten jährlich 800 000 Tonnen Eisenschrott, der daraus gefertigte Stahl wird zu drei Vierteln in der Schweiz wieder abgesetzt. Es lohnt sich, dafür zu kämpfen.

2013 wurden rund 25 Stellen gestrichen und teilweise Kurzarbeit eingeführt. Sind weitere Streichungen geplant?

Nein, auf absehbare Zeit nicht. Um die Produktion im jetzigen Umfang aufrechterhalten zu können, benötigen wir – umgerechnet auf Vollzeitpensen – rund 500 Angestellte.

Wie ist 2014 angelaufen?

Wir sind auf Kurs, unsere Produktion ist voll ausgelastet. Im Bereich Baustahl haben wir einen Absatz von 500 000 Tonnen budgetiert, was einem Plus von 8 Prozent entspricht. Insgesamt peilen wir einen Ausstoss von 642 000 Tonnen Stahl an.

Hat sich die Situation an der Strompreisfront etwas entspannt?

Grundsätzlich ja. Wir bewegen uns beim Stromeinkauf seit Anfang 2014 im freien Markt, was uns tiefere Strompreise beschert. Auch die neu geltende KEV-Befreiung bringt eine Entlastung. Aber mit der Umsetzung des entsprechenden Gesetzes sind wir nicht zufrieden.

Warum nicht?

Die Zielvereinbarung enthält Energieeffizienz-Massnahmen, welche die energieintensiven Betriebe so oder so umsetzen und finanzieren müssen. Gleichzeitig müssen wir 20 Prozent der KEV-Rückerstattung in zusätzliche nicht oder nur knapp wirtschaftliche Massnahmen investieren. Dahinter steckt die Gefahr, dass wir mit steigender KEV-Abgabe in absehbarer Zeit Millionenbeträge in unwirtschaftliche Massnahmen investieren müssen. Denn eine von externer Seite erarbeitete Energieeffizienzanalyse hat gezeigt, dass in unserem Fall praktisch das nötige Potenzial für die zusätzlichen Massnahmen kaum vorhanden ist oder in wenigen Jahren erschöpft ist.

Aber gesamthaft betrachtet hat sich die Problematik entschärft?

Ja. Aber wir sind im Vergleich mit unseren Schwester- und Konkurrenzwerken in Deutschland, Frankreich oder Italien weiterhin mit höheren Stromkosten konfrontiert. Diese profitieren stetig von erweiterten Entlastungsmassnahmen durch den Staat. Die Folge: Unsere Stromkosten sinken zwar, aber diejenigen für die europäischen Stahlwerke sinken dank den staatlichen Unterstützungsmassnahmen ebenfalls. Ergo bleibt die Differenz gleich hoch.

Fühlen Sie sich von der Politik nicht ernst genommen im Kampf, die Basisindustrie in der Schweiz zu erhalten?

Gegen die Verpflichtung, in Energieeffizienzmassnahmen zu investieren, wehren wir uns nicht. Damit ist auch gewährt, dass wir als Stahlwerk mit Standort Schweiz fitter werden. Aber ich spüre vonseiten der Verwaltung und der Politik her ein gewisses Misstrauen gegenüber der Industrie, dass wir grundsätzlich die Investitionen nicht tätigen wollen. Das ist aber überhaupt nicht der Fall.