Selzacher Sommeroper

Sommeroper ist gestartet: Auf Zeitreise mit dem Teufel

Zum 25-Jahr-Jubiläum zeigt die Sommeroper Selzach Charles Gounods Oper «Faust». Die Oper hat viel mit Goethes Faust gemeinsam, aber Gounod legt andere Schwerpunkte. Die Inszenierung von Thomas Dietrich ist eine Zeitreise.

Bevor die ersten Takte erklingen, kommt Goethe zu Wort. Vom Dach des Passionsspielhauses debattieren drei Erzengel mit dem Teufel, der dem Allmächtigen die Wette um Fausts Seele anbietet. Just auf dem Platz, wo ab 1895 die Passionsspiele mit Christi Leidensgeschichte den Kampf zwischen Gut und Böse thematisierten, dem auch Goethes Faust nachgeht. Gounods Oper «Faust» (Margarete) hat viel mit Goethes Faust gemein, legt aber andere Schwerpunkte, auch wenn das Zentrale bleibt.

Die Sommeroper Selzach hat während der letzten 25 Jahre die Oper vom elitären Sockel geholt und am Jurasüdfuss als Musiktheater mit und für die Region populär gemacht. Dabei glänzt die «Marke» Selzach dank Ausstatter Oskar Fluri, dessen Bühnenbilder und Kostüme das Image der Sommeroper prägen. Er ist vom Gründertrio der Einzige, der noch dabei ist: Initiant René Kunz hat den Taktstock 2005 niedergelegt. Mit ihm ist auch Hansjörg Hack ausgeschieden, dessen Nachfolge Thomas Dietrich antrat.

Bekiffte Sexprotze

Thomas Dietrich hat nun mit Gounods Faust sein wohl stimmigstes Konzept realisiert. Es punktet mit gesprochenen Dialogen, verzichtet auf regionale Einschübe und orientiert sich neben dem Libretto an Goethes Faust. Er stellt die Sänger und den Chor – nicht ganz so tonschön disponiert wie andere Jahre – nicht einfach auf die Bühne und lässt sie singen, sondern sie müssen glaubwürdige Charaktere zeichnen.

Die Faust-Juwelen sind das unter Bruno Leuschner berauschend klingende Profiorchester sowie die Werktreue und die Zeitreise, die in der mittelalterlichen Studierstube startet. Die Dorfkirmes mit dem Rekrutieren der Soldaten wird mit einem Biedermeier-Stillleben illustriert, während das Verstossen der ledigen Schwangeren ins Wirtschaftswunder der 50er-Jahre angesiedelt ist, die grandiose Kirchenszene an das Glasfenster in der Solothurner Marienkirche erinnert und die Flower-Power-Generation verkrüppelte Kriegsheimkehrer empfängt.

Obschon Formeln und alchemistische Zeichen auftauchen, gerät die Walpurgisnacht mit der Lustwiese für bekiffte Sexprotze zur schwächsten Szene. Kopulieren allein macht noch kein schlüssig-neues Konzept. Obschon, dem Publikum gefiel das 68er-Manifest der freien Liebe mit den lasziven Balletteinlagen (Choreografie Nora Bichsel) – und nur darauf kommt es an. Mit einem in sich stimmigen Bilderbogen über die Jahrhunderte bezauberte Oskar Fluri, der auf das Wesentliche reduzierten Bühnenräume schuf, die sich mit wenigen Handgriffen umgestalten lassen. Mit der modernen Bühnenästhetik, der Schlussapotheose und dem Monumentalbild «Quinta Essentia» ist er auf einem neuen, visuellen Höhepunkt angelangt.

Fürst der Finsternis

Unterstützt von der raffinierten Lichtdramaturgie von Sigi Salke wird eine Welt illuminiert, in der Mephistopheles (Andreas Macco) als schwarz-roter Teufel, als Strippenzieher im Frack die Fäden zieht. Andreas Maccos Mephisto ist kein dämonischer Satan, sondern ein eleganter Fürst der Finsternis. Der Bass-Bariton singt das Rondo tonschön, und er gestaltet die Serenade zu einem musikalischen Highlight.

Michael Gniffke (alternierend mit Raimund Wiederkehr) wandelt sich als Faust mühelos vom gelehrten Einsiedler zum forschen Liebhaber. Der Tenor trumpfte mit guter Höhe auf, tendierte aber zum Forcieren. Deborah Leonetti ragt als Margarete mit einem ausdrucksstarken Margarete-Porträt hervor, mit sauberen Koloraturen in der Juwelen-Arie und anrührender Schlussszene. Alternierend ist Anne-Florence Marbot zu hören.

Viel Potenzial in Nebenrollen

Mit einer ausdrucksstarken Stimme, herrlichem Gebet und differenziertem Spiel begeisterte Michael Mrosek als Valentin. Mit guten Leistungen warteten auch Astrid-Frédérique Pfarrer als Marthe und Nikolaus Meer als Brander auf. Aufhorchen liess der junge Sören Richter, der als Siebel nicht nur über Bühnencharisma verfügt, sondern sich als Tenorhoffnung mit Potenzial empfiehlt. Diese Sänger-Gilde sollte man genauso wenig verpassen wie die weiteren «Faust»-Vorstellungen.

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