Luterbach
Solothurner Shrimps – eine Idee, die (Meeres-)Früchte tragen soll

Frische Shrimps, ohne Antibiotika und andere Chemikalien: Das hat sich die Swiss Shrimp AG auf die Fahne geschrieben. In den nächsten Tagen nehmen die sechs Jungunternehmer die Pilotanlage in Luterbach in Betrieb.

Franz Schaible
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In dieser Pilotanlage wollen Rafael Waber und sein Team Shrimps für den Schweizer Markt züchten.hanspeter Bärtschi

In dieser Pilotanlage wollen Rafael Waber und sein Team Shrimps für den Schweizer Markt züchten.hanspeter Bärtschi

In der leerstehenden Hefefabrik auf dem Südareal der ehemaligen Zelluloseherstellerin Borregaard in Luterbach tut sich Aussergewöhnliches. In zwei kleinen Räumen sind ein Labor und eine Produktionsanlage, bestehend aus viel Technik und mehreren Wasserbecken, untergebracht.

«Rechnen mit Investitionen von mehreren Millionen franken»

Wie gross die geplante Anlage zur Produktion von Crevetten ausgelegt werden soll, ist nach Angaben von Rafael Waber noch offen. «Dazu benötigen wir zuerst möglichst viele Daten aus dem Pilotbetrieb.» Erst danach werde man über die Kapazität entscheiden. Diese werde wohl zwischen 25 und 100 Jahrestonnen fangfrischer Shrimps liegen. Damit bewegt sich die Swiss Shrimp AG in einem ausgesprochenen Teilmarkt. Eine Jahresproduktion von 25 Tonnen würde nur gerade 0,3 Prozent des Schweizer Shrimps-Gesamtmarktes abdecken. Und die Produktion kostet viel Geld. Waber rechnet mit Investitionen von mehreren Millionen Franken. Die Finanzierungsstrategie sei ausgearbeitet, aber «potenzielle Investoren gehen wir erst nach Abschluss der Testphase an». Und auch diese hat bislang viel Geld verschlungen. Einen ersten Zustupf lieferte die Universität Bern. Swiss Shrimp gewann nämlich 2013 den von der Uni initiierten und mit 9000 Franken dotierten Business-Plan-Wettbewerb. Dank der Publizität kam der Start-up in Kontakt mit einer Familienholding, welche ein Wandeldarlehen von 100 000 Franken gewährte. «Wenn wir die über 5000 unbezahlten Arbeitsstunden aufrechnen, betragen die Investitionen bislang gut eine halbe Million Franken», sagt Waber. Die weiteren «nebenamtlichen» Teammitglieder sind: Michael Siragusa, Forschung und Entwicklung, David Misteli, Produktion, Thomas Tschirren, Verwaltung, Vertrieb, Jörg Bruppacher, Kommunikation, Markenführung und Martin Weber, verantwortlich für das Tierwohl. (FS)

Aussergewöhnlich ist, was sechs Jungunternehmer aus der Region dort demnächst produzieren werden. In der Pilotanlage züchten sie Meeresfrüchte, genauer Litopenaeus vannamei oder Weisser Pazifischer Shrimp.

Was ziemlich fantastisch klingt, floriert in Deutschland und in Holland bereits seit Jahren bestens. Genau dort ist die Idee denn auch entstanden, wie Rafael Waber, Geschäftsführer der Swiss Shrimp AG, erzählt. Sein Kollege, Thomas Tschirren, sah vor Jahren eine Fernseh-Dokumentation über die Garnelenproduktion in Holland. Das ist auch in der Schweiz möglich, habe er sich gesagt – und daraufhin infizierte Tschirren seine Kollegen mit dem Virus «Shrimps-Produktion in der Schweiz».

«Wir wollen fangfrische Garnelen auf möglichst ökologische Art in der Schweiz für den Schweizer Markt produzieren», umreisst Rafael Waber das Geschäftsmodell.

Das Marktpotenzial sei vorhanden. Nach Angaben der Oberzolldirektion würden jährlich rund 8200 Tonnen Shrimps importiert, Tendenz steigend. «Der Nachteil ist, dass sämtliche in der Schweiz konsumierten Garnelen tiefgefroren sind.»

Viele der importierten Garnelen, auch wenn es darunter sehr gute Ware habe, seien mit Chemikalien oder Antibiotika belastet – und eben nicht frisch. Rund drei Viertel aller gezüchteten Shrimps würden heute in Asien produziert, der Rest in Lateinamerika. Und deshalb orten Waber und sein Team eine Marktlücke für die fangfrischen Meeresgetiere.

«Wir setzen keine Antibiotika ein und wir nutzen die Abwärme aus einem nahegelegenen Industriebetrieb.» Und das für die Produktion benötigte Wasser werde in mehreren Stufen mechanisch sowie mit Bakterien biologisch aufbereitet und wieder in den geschlossenen Wasserkreislauf eingespeist, «und die langen Transportwege fallen weg», zählt Waber die Trümpfe auf.

Noch ist die industrielle Produktion weit entfernt. Dieser Tage nimmt die Swiss Shrimp AG erstmals die Pilotanlage im Massstab 1:100 in Betrieb. Waber erläutert vor Ort den Produktionsablauf.

Die aus Florida importierten Larven werden in einem kleinen Anzuchtbecken während zweier Wochen akklimatisiert, dann in immer grösseren Becken aufgezogen. Insgesamt dauert es rund 26 Wochen, bis die Garnelen erntereif – 25 Gramm schwer, daumendick und in Kugelschreiberlänge – sind. Gezüchtet werden die Shrimps im rund 30 Grad warmen und fliessenden Salzwasser, gefüttert werden sie mit FSC-zertifiziertem Garnelenfutter.

Vor der Ernte werden die Tiere während acht Stunden nicht gefüttert, damit sich deren Darm entleert. Danach werden die Tiere in einem Eisbad innerhalb weniger Sekunden getötet, im Reinraum verpackt und sofort an die Kunden ausgeliefert. Innerhalb weniger Tage müssen die Garnelen konsumiert werden.

Im auf zwei Jahre angesetzten Pilotbetrieb sollen jährlich 300 bis 400 Kilogramm Shrimps hergestellt werden. Die so erstmals in der Schweiz gezüchteten Garnelen werden für Degustationszwecke in der Gastronomie, dem gehobenen Detailhandel und im Fischfachhandel eingesetzt. «Die Erlaubnis zum Verkauf während der Testphase ist abhängig vom Entscheid der kantonalen Lebensmittelkontrollstelle.»

Ziel sei es, nach der Testphase 2017 mit der eigentlichen Produktion zu starten. Doch das wird nicht einfach sein. Es braucht nämlich nicht nur finanzielle Mittel, sondern einen geeigneten Standort, um die selbst auferlegten ökologischen Produktionsbedingungen erfüllen zu können.

«Wir brauchen eine Halle in einer Industriezone mit mindestens 2000 Quadratmetern Fläche und einen nahegelegenen Betrieb, der die Abwärme für die Erhaltung der Wassertemperatur liefert.» Eine Ansiedlung in der Landwirtschaftszone sei nicht möglich, weil der Aufbau von Aquakulturen dort gesetzlich nicht erlaubt sei.

Am jetzigen Standort auf dem Borregaard-Areal, welcher dank der Unterstützung der Wirtschaftsförderung kostenlos genutzt werden kann, rechne sich die Produktion nicht. Denn die ursprünglich ins Auge gefasste Versorgung mit Abwärme aus der Kebag Zuchwil mit dem Bau einer Extra-Leitung wäre zu teuer und würde über viele Jahre keinen rentablen Betrieb ermöglichen. Wo die Anlage dereinst zu stehen kommt, ist deshalb offen. «Wir suchen aktiv nach geeigneten Standorten, wir erhalten aber auch bereits Angebote.»

Der in Bellach aufgewachsene und heute in Nidau wohnende Rafael Waber ist überzeugt, dass die Shrimps-Produktion in der Schweiz kein Fantasiegebilde bleiben wird. Zu viel Herzblut und vor allem Tausende von unbezahlten Arbeitsstunden haben er und das Team investiert. Der diplomierte Marketingleiter und ausgebildete Sekundarlehrer schliesst die Türe der Hefefabrik, steigt ins Auto und fährt nach Nidau, wo er als selbstständiger Projektleiter tätig ist. «Jetzt gehe ich Geld verdienen.»

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