Es ist das wohl speziellste Ehrenamt, das der Kanton Solothurn je vergeben hat: jenes des Fahnenträgers am Olma-Festumzug in St. Gallen. In den Blättern der AZ-Mediengruppe war die Rolle «ausgeschrieben» worden. Als Silvia Lehmann aus Mühledorf in der Solothurner Zeitung den entsprechenden Artikel sah, war für sie nicht nur klar: «Da bewerbe ich mich ...», sondern auch: «... und da gewinne ich!»

Eine Entschlossenheit, die sich offensichtlich auszahlte: Aus den mehreren Hundert eingegangenen Postkarten wurde jene von Silvia Lehmann gezogen. Spontanes Handeln sei typisch für sie, bestätigt die 40-jährige, sportliche Frau beim Kaffee am Stubentisch. «Ich habe aus Neugier heraus einfach kurz entschlossen diese Postkarte ausgefüllt – andere machen Bungee Jumping ...»

«Gewisser Bammel»

Zwischenzeitlich habe sich bei ihr nun allerdings eine gewisse Angst vor dem eigenen Mut eingestellt. Die ersten Reaktionen aus ihrem Bekanntenkreis; der Besuch von Dagobert Cahannes, Mediensprecher der Solothurner Regierung, der ihr am Dienstag die Kantonsfahne sowie das offizielle Dress der Solothurner Olma-Delegation übergab, und nun auch noch der Besuch «vor Zitig» – all dies bereite ihr nun schon einen gewissen Bammel.

Silvia Lehmann in ihrem Zuhause in Mühledorf. Ihr steht ein grosser Auftritt bevor.

Silvia Lehmann in ihrem Zuhause in Mühledorf. Ihr steht ein grosser Auftritt bevor.

Lehmann: «Ich habe schon besser geschlafen als in den letzten Nächten», gesteht sie schmunzelnd. Aber: «Ich freue mich riesig auf den Einsatz in St. Gallen – und ich bin gespannt darauf, was mich dort alles erwartet». Zusammen mit Ehemann Thomas (48) und den Kindern Tim (11), Moritz (8) und Leona (5) wird sie am kommenden Samstag im Extrazug mit der riesigen Solothurner Delegation in die Ostschweizer Metropole fahren dürfen.

Allen voran

Während ihre Familie dort als Zaungäste den massgeblich von den Solothurnern geprägten Festumzug wird bestaunen können, darf Silvia Lehmann die Schrittmacherin des ganzen Umzugs sein: Zusammen mit den Fahnenträgern aller 118 Solothurner Gemeinden wird sie samt der Kantonsfahne allen vorausmarschieren. Im Schritt gehen, wie einst als junge Klarinettistin der Musikgesellschaft Aarberg, müsse sie zum Glück ja nicht.

«Dir wüsset, dass i ursprünglich e Bärnere bi?», hat sie schon den Offiziellen des Kantons Solothurn gesagt, als man ihr von ihrem Losglück berichtet hatte. Es hätte ja sein können, dass nur Ururur-Solothurner zum Ehrenamt zugelassen werden ... Doch diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Längst fühlen sich die vor über zehn Jahren «zugezogenen» Lehmanns eh als Mühledörfer und Solothurner. «In unserer Berner Verwandtschaft sind wir darum ‹die Solothurner› und man schmunzelt darüber, dass wir ‹Solothurneren› würden», berichtet Silvia Lehmann lachend. Und: «Wir sind hier tatsächlich sehr wohl und zu Hause in dieser Region. Besonders die Kinder betonen immer wieder stolz, Solothurner zu sein.»

Ihr persönlich sei in diesen Tagen bewusst geworden, «dass man sich mit dem Wohnort und dem Wohnkanton stärker identifiziert als man selber für gewöhnlich meint», sinniert Lehmann. Inzwischen habe sich ihr Ehrenamt herumgesprochen. Auch etliche Dorfbewohner hätten persönlich gratuliert und würden sich mit ihr freuen, stellt die Familienfrau fest. Einige hätten dabei betont, dass «dies auch für den Bucheggberg eine gute Sache ist. Das ist ein echter Aufsteller, der mich zusätzlich motiviert.»

Tägliches Mittags-Ritual

Lehmanns Wohnhaus am Dorfrand war früher eine Brennerei angegliedert. Von dieser Zeit zeugen heute noch die zahlreichen Obstbäume auf der grossen Hostet. Heute werde aus dem vielen Obst allerdings nicht mehr Schnaps gebrannt, sondern nur noch «gmoschtet», sagt Silvia Lehmann. Arbeit gibt es mit den Kindern sowie im und um das Haus herum stets mehr als genug. Die gelernte Gärtnerin konzentriert sich deshalb vorderhand primär auf die Familie.

Und so bleibt auch noch etwas Zeit, zum gelegentlichen Joggen oder fürs Indiaca-Spiel im Turnverein Hessigkofen-Tscheppach. Vor allem aber auch für «mein tägliches Mittags-Ritual», wie Silvia Lehmann verrät: «Ich setze mich mit der Solothurner Zeitung und einem Kaffee hin und lasse mich nicht stören.» Für ihren grossen Auftritt in St. Gallen wird sie sich allerdings von ihrer Lieblingslektüre losreissen müssen.