Urgeschichte
Sensationsfund in Fehren? Schwarzbube findet umstrittenen Schatz

Ein Meltinger ist sicher, steinzeitliche Werkzeuge entdeckt zu haben. Die Kantonsarchäologie ist skeptisch.

DIMITRI HOFER
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Alphons Jeger mit seinen Fundstücken im Gebiet Steinenbühl in Fehren.

Alphons Jeger mit seinen Fundstücken im Gebiet Steinenbühl in Fehren.

Nicole Nars-Zimmer niz

Das Gebiet Steinenbühl in Fehren fasziniert Alphons Jeger seit langem. Von dort oben hat er eine wunderbare Aussicht auf das kleine Thiersteiner Dörfchen. Schon häufig liess der 69-Jährige seinen Blick über die Hausdächer schweifen.

Als Jeger an einem milden Frühlingstag vor zwei Jahren über die Anhöhe wanderte, hielt er plötzlich inne. Ein von der Sonne beschienener Stein blendete ihn in den Augen. Der Hobby-Archäologe aus dem Nachbardorf Meltingen schaute sich das im Laub liegende Objekt genau. Ihm war klar: «Unmöglich kann dieses Gestein seine Form von der Natur erhalten haben.» Zu spitz verläuft es unten – fast so, als ob es einst von Menschenhand bearbeitet worden sei.

Sollen 500 000 Jahre alt sein

Der Stein liess dem pensionierten Mikrowellentechniker, der sich seit seiner Jugend für Urgeschichte interessiert, keine Ruhe. Während unzähliger Stunden recherchierte er im Internet und verglich seine Entdeckung mit ähnlichen Fundstücken. Immer stärker wuchs in ihm die Überzeugung, dass es sich dabei um ein steinzeitliches Werkzeug handeln muss. In den nächsten Wochen ging er mehrmals zurück in das kleine Wäldchen und stiess dort auf dem Boden auf weitere potenzielle Steinzeitfunde. «Ich habe nie gegraben, nur ab und zu das Laub weggewischt», erinnert sich Alphons Jeger. Seine insgesamt 14 Steine schickte er zur Abklärung an mehrere Stellen.

Mittlerweile liegen Gutachten von zwei Archäologie-Spezialisten vor. In beiden werden mehrere der Fundstücke als sogenannte Artefakte bezeichnet. Darunter versteht man ein durch menschliche Einwirkung entstandener oder veränderter Gegenstand. Der deutsche Emil Hoffmann, Autor eines Lexikons über die Steinzeit, stuft acht Steine als Werkzeuge ein. «Das ist durchaus ein kleiner Querschnitt durch ein altpaläolithisches Inventar», schreibt er. Auch Lutz Fiedler, emeritierter Archäologie-Professor aus Marburg, attestiert mehreren Steinen eine Verwendung als Werkzeug. Der Deutsche ist eine bekannte Figur in der Steinzeitforschung.

In seinem Gutachten schätzt Emil Hoffmann das Alter der Steine auf rund 500 000 Jahre. «Es kann davon ausgegangen werden, dass die Werkzeuge vom Heidelbergmensch, einer Vorform des Neandertalers, benutzt wurden», erklärt Alphons Jeger. Die Steine, die wissenschaftliche Namen wie Chopper, Chopping Tool und Proto Faustkeil tragen, seien verwendet worden, um Knochen zu schlagen, Felle abzuziehen oder Speere zu spitzen. Es sei gut möglich, dass in Fehren in der Steinzeit eine Freilandsiedlung existierte. Solche Siedlungen seien selten und in der Schweiz auf den Jurabogen beschränkt.

Dass er die Steine überhaupt finden konnte, liege daran, dass die Fundstelle während der Eiszeiten eisfrei gewesen sei. «Ausserdem ist sie von ihrer Lage her sehr wenig von Erosion belastet», sagt Jeger. Zwar sei es nicht der erste Fund solcher Werkzeuge in der Nordwestschweiz. «Eine Kollektion wie die aus Fehren ist aber einzigartig.» Er nehme an, dass es sich um einige der ältesten Steinwerkzeuge handle, die von Menschenhand bearbeitet wurden. Somit gehörten diese zu den ältesten Spuren des Menschen in der Schweiz.

Jeger will bald publizieren

Kurz nachdem er den ersten Stein entdeckt hatte, informierte Alphons Jeger die Kantonsarchäologie Solothurn. Dort ist man skeptisch über den allfälligen Sensationsfund aus dem Schwarzbubenland. «Das wäre fast zu schön, um wahr zu sein», sagt der Solothurner Kantonsarchäologe Pierre Harb. «Wir zweifeln das hohe Alter der Steine an. Zwei, drei davon könnten Artefakte sein.» Faustkeile oder andere typologisch eindeutige Objekte habe es gemäss ihren Erkenntnissen keine darunter, stellt er klar. Bei Oberflächenfunden wie jenen aus Fehren sei die Beweislast jedoch immer hoch.

Die Glaubwürdigkeit der Funde würde deutlich steigen, wenn es gelänge, in einer renommierten Fachzeitschrift zu publizieren. «Erst dann erhalten sie einen wissenschaftlichen Wert», erklärt Pierre Harb. Eine Veröffentlichung ist das nächste Ziel von Alphons Jeger, und der Meltinger ist überzeugt davon, dass ihm dies gelingen wird. Er stehe diesbezüglich bereits in Gesprächen mit Archäologen, die ihm dabei unter die Arme greifen könnten. Auch wenn noch nichts definitiv ist, ist sich Jeger heute schon sicher: «Mein Fund könnte eines Tages den archäologischen Zeithorizont in der Schweiz verändern.»

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