Herzogenbuchsee
Seit 116 Jahren umschweift die Stuco AG der subtile Charme von Schutzschuhen

Jährlich über 100000 Paar Sicherheits- und Arbeitsschuhe produziert die Stuco AG. In der Schweiz ist die 116-jährige Firma Marktleaderin. Die Fertigung erfolgt in der eigenen Fabrik in Ungarn. Nur so konnten Marke und Firma überleben.

Franz Schaible
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Co-Chef und Co-Inhaber Claude Martin erklärt, warum auch bei Sicherheitsschuhen das Design immer wichtiger wird. hansjörg sahli

Co-Chef und Co-Inhaber Claude Martin erklärt, warum auch bei Sicherheitsschuhen das Design immer wichtiger wird. hansjörg sahli

Schuhe seit 116 Jahren

Stuco steht seit 116 Jahren für Stuber & Co. Ein gewisser J. Stuber begann damals mit der industriellen Herstellung von Holzschuhen. Ab den 50er-Jahren wurden in Herzogenbuchsee auch Berufs- und Wanderschuhe produziert. 1971 wurde die Stuco AG von der Familie Martin übernommen, die in der Ostschweiz selber eine grosse Schuhproduktion führte. 1986 wurde die Produktion in Herzogenbuchsee geschlossen, die Fertigung vorübergehend an Drittfirmen im Ausland übergeben. 1992 übernahm die nächste Generation der Familie Martin das Zepter in Herzogenbuchsee und eröffnete die Schuhproduktion in einer eigenen Fabrik in Ungarn. Seit 2005 gehört die Bettlacher Lobsiger & Partner GmbH mit fünf Angestellten mehrheitlich zur Stuco AG. Sie ist spezialisiert auf die Entwicklung von Software und Dienstleistungen im Bereich Arbeitssicherheit und Arbeitsschutz. In Ungarn beschäftigt Stuco rund 100 Angestellte und am Hauptsitz in Herzogenbuchsee 14 Mitarbeitende. (FS)

Sie sind mit ihrem Produkt in einem Nischenmarkt tätig, nehmen die Leaderrolle in der Schweiz oder gar weltweit ein – und trotz diesem Leistungsausweises kennt sie kaum jemand. «Das ist für uns kein Problem, denn in der Branche kennt man uns schon», sagt Claude Martin lachend. Seit 1992 führt und besitzt er zusammen mit seinem Bruder Dominic Martin und seinem Schwager René Bilger das Unternehmen (siehe Kasten).

Damals befand sich der Betrieb in einer schwierigen Phase, erinnert sich Martin. «Die eigene Herstellung der Schuhe in Herzogenbuchsee wurde zu teuer und das Fachpersonal fehlte. 1986 wurde deshalb die Produktion geschlossen.» Danach liess Stuco das Schuhwerk bei Drittfirmen im Ausland herstellen. «Das funktionierte aber nicht, die geforderte Qualität wurde nicht erreicht», sagt der 50-jährige Unternehmer. Es kam zur grossen Zäsur. «Wir mussten unseren direkten Einfluss auf die Produktion zurückgewinnen.»

Deshalb gründete Stuco 1993 in den Räumen einer ehemaligen Näherei im ungarischen Nagymanyok eine Tochterfirma und startete dort den Aufbau eines neuen, hauseigenen Produktionsstandortes. Die Schuhindustrie sei in dieser Region stark vertreten, und somit sei viel Fachwissen vorhanden. Der Schritt nach Ungarn sei nur dank der politischen Wende in Osteuropa möglich gewesen. Das Risiko, zu scheitern, war gross, erzählt Martin, der sich selbst als Quereinsteiger bezeichnet. Er ist gelernter Elektromonteur und Absolvent einer Handelsschule. Aber das Risiko habe sich gelohnt. Heute beschäftigt Stuco in der eigenen Fabrik in Ungarn gegen 100 Mitarbeitende, pro Jahr werden über 100 000 Paar Sicherheitsschuhe in verschiedensten Ausführungen produziert. Rund die Hälfte davon wird in der Schweiz abgesetzt, der Rest in Ungarn, Österreich und Deutschland.

Unumwunden gesteht Claude Martin ein, dass für die Produktionsverlagerung die Kosten das Hauptmotiv darstellten. Es ist stärker als das Label «Swiss Made». Die Herstellung des Schuhwerkes sei mit viel Handarbeit verbunden, es brauche 250 Arbeitsschritte bis zum fertigen Produkt. «Wir können in Ungarn vier bis fünf Mal günstiger als in der Schweiz produzieren.» Zahlt Stuco also Tiefstlöhne? Martin widerspricht vehement. In Ungarn seien Mindestlöhne gesetzlich vorgeschrieben, und Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen seien klar geregelt. «Unsere Löhne sowohl für Hilfskräfte wie für Fachpersonal liegen über den Mindestvorgaben», versichert er.

Zudem sei Stuco seit 2008 Mitglied der Business Social Compliance Initiative (BSCI). Die von Unternehmern ins Leben gerufene internationale Organisation setze sich für die Einhaltung eines Verhaltenskodex bei Arbeitsbedingungen weltweit ein. Der Produktionsbetrieb in Ungarn werde seither regelmässig von unabhängigen Stellen kontrolliert.

Das Herz der Firma schlägt weiterhin in Herzogenbuchsee. Martin meint nebst Geschäftsleitung und Marketing vorab die technische Entwicklung und die Designabteilung. Der Wettbewerb sei hart und werde immer intensiver. Konkurrenzprodukte aus China oder Indien überschwemmten den europäischen und schweizerischen Markt. «Da müssen wir trotz günstiger Produktion in Ungarn mit Qualität und Innovation entgegenhalten.» Aus Sicherheits- und Haftungsgründen müsse jedes Schuhmodell extern auf deren Schutzfunktionen wie Rutschfestigkeit, Nageldurchtrittsicherheit, Reiss- und Säurefestigkeit oder Antistatik zertifiziert werden. Integrierte Stahlkappen seien der Normalfall. Entscheidend für den Erfolg sei auch der Tragkomfort – und das Design werde immer wichtiger. In der Tat unterscheiden sich einige Sicherheitsschuh-Modelle kaum mehr von trendigen Freizeitschuhen.

Die Stuco will Sicherheits- und Arbeitsschuhe für jeden Bedarf anbieten können. Dieser besteht in der Industrie, auf dem Bau, in der Forstwirtschaft, in Labors oder in Elektronikfirmen. Die breite Ausrichtung helfe mit, resistenter gegen Konjunkturschwankungen zu sein. «Denn wir sind umsatzmässig stark von der Wirtschaftsentwicklung abhängig.» Wenn es bei Kunden zum Abbau von Arbeitsplätzen komme, dann würden auch weniger Schuhe benötigt.

Aktuell läuft es im Traditionsbetrieb aber gut. «2014 werden wir absatz- wie umsatzmässig gegen 10 Prozent zulegen können.» Das Wachstum erfolge vorab im Ausland. Ein Erfolgsrezept sei der Direktvertrieb. «Der persönliche Kontakt zum Endverbraucher ist enorm wichtig für die Entwicklung neuer, exakt auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnittener Produkte.» In Österreich wurde dazu bereits 1998 eine eigene Verkaufs-Niederlassung gegründet und in Deutschland befindet sich der Direktvertrieb im Aufbau. Das wird mithelfen, den Bekanntheitsgrad der Stuco AG zu erhöhen. Wenn auch nur im «Fachpublikum».

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