Die Gänse schnattern, die Kühe im Stall malmen ihr Gras, Zwerggeissen springen herum. Aus dem Hofladen kommen zwei Kundinnen. Auf dem Bauernhof von Daniel und Claudia Stüdi in Deitingen herrscht reger Betrieb. Bloss Schweine grunzen keine mehr. 2008 wurde der extra für die Schweinezucht gebaute und amtlich bewilligte Stall geschlossen. Er war nur sieben Jahre in Betrieb. Der Stall war zu nahe am Wohngebiet gebaut. Das stank den Nachbarn. Nach über zehn Jahren Rechtsstreit hat das Bundesgericht nun den Entscheid des Solothurner Verwaltungsgerichts bestätigt. Statt der geforderten 670 000 Franken Schadenersatz erhält Daniel Stüdi nur 210 000 Franken (wir berichteten).

Der Agraringenieur ETH verliert damit Hunderttausende Franken an investiertem Kapital. Und das Geld für den Schadenersatz geht für die Verfahrenskosten drauf. «Mir bleibt am Schluss nichts übrig», sagt Stüdi. «Wir hätten uns besser vor 12 Jahren an einen Tisch gesetzt und das ausgebügelt. Wir hätten uns viel Geld und Ärger erspart.» Doch ein Vergleich kam nicht zustande. Mit «wir» meint Stüdi die Gemeinde und den Kanton. Denn auch sie sind vor Gericht abgeblitzt. Sie müssen je hälftig 211 000 Franken an Stüdi zahlen.

Enttäuschung über das Urteil

Daniel Stüdi ist enttäuscht. «Ich hatte ein anderes Urteil erhofft.» Konkret verlangte er, dass beim Schadenersatz nicht nur die Baute, sondern auch der Erwerbsausfall durch die verunmöglichte Nutzung entschädigt wird. Schliesslich sei ihm durch die widerrechtlich erteilte Baubewilligung auch die Möglichkeit entgangen, seinen Hof zu entwickeln. Zum Beispiel, um für die Kühe einen Laufstall zu bauen und auf den Anbindestall zu verzichten. «Dafür hatte ich kein Geld mehr.» Doch Stüdi mag keinen Gram aufkommen lassen. «Ich kann mit dem Urteil leben. Und ich bin erleichtert, dass der Prozess nun vorbei ist. Die Zeit war für mich auch mental schwierig, weil ich angefeindet wurde.»

Nicht einverstanden sei er mit der Art und Weise, wie die involvierten Parteien mit ihm umgesprungen seien. So habe die Kantonsverwaltung festgehalten, er berücksichtige den Tierschutz zu wenig und halte zu viele Muttersauen. Was nachweislich nicht stimmte. Stüdi zählt weitere «Behauptungen» seiner Prozessgegner auf, die ihm sauer aufstossen. Auch die Gemeinde und das Verwaltungsgericht hätten teilweise «unterhalb der Gürtellinie» agiert. Stüdi erwähnt Details. Er kann sie nach jahrelangem Aktenstudium minutiös aufzählen. Für Aussenstehende sind solche Einzelheiten schwer nachzuvollziehen, doch für den Betroffenen haben sie beinahe existenzielle Bedeutung.

Stüdi übt auch Selbstkritik

Und was sagt Daniel Stüdi zum Selbstverschulden, das vom Gericht festgestellt wurde? Hätte er als Agraringenieur nicht wissen müssen, dass ein grosser Schweinestall im Wohnquartier zu Problemen führt und sich Nachbarn über den Gestank ärgern? Hätte er damit rechnen müssen, dass die Baubewilligung wegen Unterschreitung des Mindestabstandes zum Siedlungsgebiet widerrufen wird, wie dies das Verwaltungsgericht festgestellt hat? «Ich weiss, dass die Schweinezucht stinkt.» Aber auf welche genaue Distanz Geruchsemissionen entstehen, davon sei im Studium keine Rede gewesen. Zum Beweis habe er extra Bögen aus den Vorlesungen der Hochschule eingereicht. Ausserdem habe er sich im Studium auf Pflanzenwissenschaften und nicht auf Tierhaltung spezialisiert. «Das wurde vom Verwaltungsgericht und nun auch vom Bundesgericht nicht sachgerecht beurteilt.»

Und dann übt Daniel Stüdi Selbstkritik. «Ja, vielleicht hätte ich die Mehrbelastung berücksichtigen müssen.» Er habe unterschätzt, dass der offene Stall mit 60 Tieren mehr Lärm verursacht. «Ich habe geschmacklichen Aspekt zugunsten eines guten und wirtschaftlichen Betriebs etwas ausgeblendet.»

Schaden für Kanton und Deitingen

Den Stall nutzt der Landwirt nun als Materiallager. Wegen der niedrigen Gebäudehöhe kann er nicht mit dem Traktor hineinfahren. «Ich nutze ihn wie einen Estrich und stelle Dinge rein, die ich sonst nirgends unterbringen kann.» Es ist eine teure Gerümpelkammer, die da mitten in Deitingen gebaut wurde.

Ein finanzieller Schaden bleibt mit je über 100 000 Franken auch für den Kanton und die Gemeinde zurück. «Das ist für uns kein Pappenstiel», sagt Deitingens Gemeindepräsident Bruno Eberhard. Selbst wenn man für solche Fälle versichert sei, bleibe unter dem Strich mit rund 50 000 Franken Selbstbehalt ein beträchtlicher Schaden. Vom Bundesgerichtsurteil zeigt er sich «überhaupt nicht überrascht». Und mit Daniel Stüdi pflege man ein unverkrampftes Verhältnis. «Die Gemeinde hat keine Probleme mit ihm.» Eberhard ist froh, dass die langwierigen Verhandlungen nun zu den Akten gelegt werden können.

Abkehr von der Schweinezucht

Mit der Schweinezucht hat Daniel Stüdi heute nichts mehr am Hut. Der innovative Bauer mit zwei Lehrlingen hat sich andere Standbeine aufgebaut. Heute hat er 22 Milchkühe, er baut Rüebli und Kartoffeln an, auf den Dächern des Hofes wurden drei Solaranlagen installiert, und ausserhalb des Dorfes steht eine Obstplantage mit 1600 Bäumen. Dort hat er Kirschbäume, Zwetschgenbäume, Apfel- und Birnbäume gepflanzt. Nächstes Jahr können die ersten Erträge im Hofladen verkauft werden. «Ich schaue vorwärts», sagt der Vater von Anina und Severin. Für seine Direktvermarktung erhalte er viele positive Rückmeldungen. «Das ist viel besser als das juristische Hickhack.»

Schweinefleisch bieten Stüdis in ihrem Hofladen nicht zum Verkauf an. Dafür frischgebackenen Zopf. Der duftet wunderbar in den Regalen.