«Heimatland Wasseramt»
Schauplätze seines Buches: mit Reto Stampfli unterwegs im Wasseramt

Geschichten von der grenzenlosen Insel - Anlässlich der Veröffentlichung seines Buches «Heimatland Wasseramt» reisen wir mit Reto Stampfli durch den Bezirk.

Christoph Neuenschwander
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Derendingen «Freiheit»
8 Bilder
Rundgang Wasseramt
Eine Geschichte in «Heimatland Wasseramt» ist auch dem Sprungturm am Burgäschisee gewidmet. Und der Überwindung des Dreimeterbretts.
Das Sprungbrett am Burgäschisee
Reto Stampfli am Inkwilersee
Der Inkwilersee
Das Restaurant Frohsinn, einst wie heute ein wichtiger Bestandteil des Etziker Dorflebens – für Reto Stampfli ist es einSchauplatz für Geschichten, aber auch ein Ort, um Freunde zu treffen.

Derendingen «Freiheit»

Christoph Neuenschwander

Nein, ein zweites Madagaskar ist es wirklich nicht gerade. Reto Stampfli steht am Inkwilersee und betrachtet das Dickicht auf dem Inseli, das er einst mit seinen Schulkameraden durchforstete. Ziemlich erfolglos, wie er gesteht. Seine Expedition stiess auf keine unbekannten Pflanzen oder wilden Tiere, keine Überreste einer sagenumwobenen Burg – nur auf ein wenig Abfall. Das Abenteuer schien kläglich, verglichen mit den Geschichten von Onkel Kuno, der solch exotische Orte wie eben Madagaskar bereist hatte.

Onkel Kuno war ein Matrose, der wegen seiner extravaganten Berufswahl nicht gerade als beliebtestes Mitglied der Familie Stampfli galt. Wobei Reto da eine etwas andere Meinung vertrat als die übrigen Stampflis: «Ich fand ihn wahnsinnig interessant», sagt er. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Onkel Kuno oft Trommeln, Speere und einmal sogar einen lebenden Affen von seinen Reisen mitbrachte.

Fantasiereise ohne Kitsch

«Heimatland Wasseramt», so heisst Stampflis neuestes Buch. Es ist eine Sammlung von Kurzgeschichten. Eine «Fantasiereise», wie er es nennt. Die Reise geht aber meist von tatsächlichen Ereignissen und Jugenderinnerungen aus – ohne diese zu verklären. Stampfli erzählt vom überschaubaren Wasseramt, wirft aber oft (wie in der Eröffnungsgeschichte «Madagaskar») einen Blick weit über die Grenzen des Bezirks hinaus. «Das Wasseramt ist eine Insel», behauptet er in der Einleitung. Ein Satz, der mit einem Augenzwinkern zu verstehen ist.

Mitten durch den Inkwilersee, an dem Reto Stampfli als Kind von der grossen weiten Welt träumte, führt die Grenze zwischen Solothurn und Bern, unsichtbar und für gewöhnlich unbemerkt. «Es gibt Grenzen, die man nur wahrnimmt, wenn man weiss wo sie überhaupt sind», sagt der Autor. Viele Solothurner wüssten gar nicht, wo das Wasseramt anfängt und wo es aufhört.

Vernissage: Ein Heimatabend für das Wasseramt

«Heimatland Wasseramt» von Reto Stampfli wird diesen Sonntag um 10.30 Uhr erstmals im Näijere-Huus in Hersiwil vorgestellt. Eine Vernissage im grösseren Rahmen findet am 4. November ab 20 Uhr in der Kulturfabrik Kofmehl statt – mit einem «Wasserämter Heimatabend», an dem mit Fahne, Hymne und Pathos die Wasserämter Identität zelebriert wird. Gäste wie Dülü Dubach oder der Jodlerklub Etziken werden für die passende Stimmung sorgen. Ein Reisebus wird die Gäste von Etziken zum Anlass nach Solothurn und im Anschluss wieder nach Hause führen. (cnd)

Schlachten im Wald

Es ist kurz nach elf, im Restaurant Frohsinn in Etziken hat sich eine gesellige Gruppe von Männern um den Stammtisch herum versammelt. Einen Steinwurf von hier entfernt ist Reto Stampfli aufgewachsen. «Wir haben uns immer von den Jungs aus Aeschi abgegrenzt», sagt Stampfli nach einem Schluck Kaffee. Auch hiervon handelt eine seiner Geschichten. «Mittwochnachmittags gingen wir jeweils in den Buechwald, um zu kämpfen. Wir haben uns mit den Aeschern Schlachten geliefert, da würde heute die Polizei ausrücken. Aber woher diese Rivalität eigentlich stammte, wussten wir damals nicht.»

Er habe gemerkt, dass viele seiner Geschichten mit dem Wasseramt zu tun haben, mit Heimat, erklärt Reto Stampfli den Hintergrund des Buches. Der Erzählband habe sich dadurch einfach so ergeben. Einige der Geschichten wurden bereits einmal publiziert, die meisten sind neu – viele davon begeben sich auf die Suche nach dem, was den «Wasserämter» eigentlich ausmacht. Erforscht wird dabei auch die Sprache. «Einen einheitlichen Dialekt gibt es im Bezirk nicht», sagt Stampfli, wohl auch keine einheitliche Identität. Beides sind fliessende Konzepte. Ob die Buchvernissage im «Kofmehl» so etwas wie ein neues Selbstverständnis für die Menschen zwischen Zuchwil und dem Steinhof schaffen kann, wird sich zeigen (siehe Textbox). Ganz ernst gemeint ist der Versuch ohnehin nicht.

Im «Paris des Wasseramts»

Schauplatzwechsel: Auch Derendingen spielt eine wichtige Rolle in «Heimatland Wasseramt». Mit seinen zahlreichen Kneipen und seinem Rotlichtmilieu haftete dem «Paris des Wasseramts» eine gewisse Verruchtheit an, erinnert sich Stampfli und schaut hinab in die Bahnunterführung der Luzernstrasse. Mehr als zwei Lokale habe man aber auf der Beizen-Tour nie geschafft, ohne zu versumpfen. Eines der Wirtshäuser hiess «Freiheit»; die Bushaltestelle hier bei der Unterführung ist danach benannt. Über solche Namen sinniert Stampfli gerne. Fasziniert ist er auch von der Ironie, dass heute die Strasse ausgerechnet bei dieser «Freiheit» in ein «Betonloch» führt.

Er wertet das keineswegs als schlechtes Omen für das Wasseramt, das auch heute noch voller Geschichten steckt. Er wolle nicht andeuten, dass früher alles besser war. Und trotz sehnsüchtiger Passagen verkommt das Wasseramt auch nie zur Gefängnisinsel, die die Fantasiereise antreibt. Selbst Madagaskar als Inbegriff des Aufregenden und Neuen, als Gegenstück des vermeintlich langweiligen Wasseramts, hat seine Grenzen. Heute kennt Stampfli die wahre Bedeutung des Wortes Madagaskar: «Ende der Welt.»