Kinderheime
Religion im Kinderheim: Laut Experte ist dies kein Einzelfall

Im Kinderheim Christhof in Wisen sollen Kinder zum Religionsunterricht gezwungen worden sein. Laut einer Studie nimmt die Zahl evangelikaler Kinderheime wieder zu.

Lucien Fluri
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Das Kinderheim «Christhof» in Wisen.

Das Kinderheim «Christhof» in Wisen.

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Wie viel Religion ist in Kinderheimen erlaubt? Die Frage stellt sich, seit die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens über das Kinderheim Christhof im solothurnischen Wisen berichtete. Der Fernsehbeitrag beleuchtete den Fall zweier fremdplatzierter Kinder, die sich beklagten, den Religionsunterricht besuchen zu müssen.

Tatsächlich sind religiöse Tendenzen noch nicht aus allen Schweizer Kinderheimen verschwunden. Dies zeigen Gespräche, die der St. Galler Soziologe und Fachhochschuldozent Peter Schallberger mit Heimmitarbeitern führte. Das Gegenteil ist der Fall: «Vermehrt trifft man auf Studierende, die Mitglieder evangelikaler Gemeinschaften sind», sagt Schallberger. Die Zahl der Einrichtungen, die das christliche Menschenbild in ihren Leitbildern festhalten, nehme zu.

Individuelles Schicksal geht unter

Problematisch ist für Schallberger nicht der Glaube an sich. «Man kann nicht sagen, Tiefgläubige seien schlechtere Sozialpädagogen.» Probleme sieht er jedoch, wenn sich Sozialpädagogen nicht nur als Fachkräfte sehen, sondern «zugleich als Geburtshelfer einer inneren Konversion zum Glauben.» Im Alltag könne dies bedeuten, dass von Kindern eine Gott gefällige Lebensführung gefordert werde. Die Suche nach den Gründen, weshalb sich ein Kind auffällig verhalte, geht dann unter: Wer Kinder und Jugendliche beim Aufbau einer Beziehung zu Gott unterstützen will, fragt vielleicht nicht, weshalb sich ein Kind auffällig benimmt. «Konformistisches Verhalten wird gefördert», sagt Schallberger.

Religiöse Vorstellungen sind nicht die einzigen verschwunden geglaubten Traditionen, die unterschwellig im Heimbereich überlebt haben. Noch immer ist laut Schallberger an einigen Orten die Idee der Disziplin, des Belohnens und Strafens stark verankert. Wichtig ist für Schallberger deshalb, dass in der Ausbildung der Sozialpädagogen vermehrt soziologisches und entwicklungspsychologisches Wissen vermittelt wird. Studierende sollen besser verstehen, warum ein Kind verhaltensauffällig wird.

Der Christhof bestritt in dieser Zeitung, dass Kinder zum Besuch des Religionsunterrichts gezwungen wurden oder missioniert werde. Heimleiter Andy Hofer gab aber an, es sei üblich, vor den Mahlzeiten einander die Hände zu reichen und zu singen. Vor dem Schlafengehen gebe es ein freiwilliges Abendgebet. «Dies steht in der christlichen Tradition unseres Heims», erklärt Hofer, der der freikirchlichen mennonitischen Glaubensgemeinschaft angehört. Das zuständige kantonale Amt für soziale Sicherheit hat den Christhof in den letzten Jahren jeweils kontrolliert. Es spricht von einer «gut geführten und innovativen Institution», die nie ein aufsichtsrechtliches Einschreiten erfordert habe.

Andere Heime im Kanton haben bewusst einen Bruch mit der religiösen Tradition vollzogen: Die Stiftung Kinderheime Solothurn etwa hat ihren heutigen Namen seit 2005. Zuvor hiess sie «Evangelisch reformierte Kinderheime des Kantons Solothurn».