«Ich hab überhaupt keine Zeit», ruft Pius Schwizer ins Telefon. «Aber wenns unbedingt sein muss, komm nächste Woche am Dienstag zwischen fünf und sechs. Ruf an, wenn du losfährst», sagt er noch. In Oensingen ist der Luzerner nach 12 Jahren heimisch geworden, ist selbstständiger Partner von Armin Uebelhard auf dem Klushof. Schwizer trainiert dort und verkauft Pferde, bildet Ross und Reiter aus. Rund 80 Pferde stehen in den Ställen, darunter seine Spitzencracks wie Carlina, Verdi, Graciella, Ulysse oder Nobless.

Mit dem Roller braust Schwizer vonseinem Wohnhaus über die 10 Hektar grosse Reitanlage. «Es gibt viel zu viele Journalisten», sagt er, ein Termin jage den anderen. Dabei habe er doch so viel zu tun. Der CSIO St. Gallen stand vor der Tür, für die Schweizer Springreiter um ihren Leader das wichtigste Turnier im eigenen Land. Und Olympia ist ja auch nicht mehr weit.

Zum zweiten Mal wird Schwizer wohl bei den Olympischen Spielen starten. Vor vier Jahren gewann er mit seinen Kollegen in Hongkong die Bronzemedaille. Offiziell selektioniert ist er noch nicht, doch Equipenchef Urs Grünig kommt an Schwizer wohl nicht vorbei.

Obwohl der gelernte Metzger schon kurz nach seiner Ausbildung ganz auf sein Hobby setzte und Berufsreiter wurde, stellten sich die grossen Erfolge erst relativ spät ein. Vor fünf Jahren startete er zum ersten Mal bei einer internationalen Meisterschaft. In Mannheim verpasste er mit dem Team bei der Europameisterschaft seine erste Medaille als Vierter nur knapp. Ein Jahr später rückte er ins Olympia-Team nach, 2009 gewann er mit der Schweiz Gold bei der EM. Und im Jahr darauf führte er die Weltrangliste vier Monate lang an. Im Moment belegt er Rang vier im Ranking.

Medaille zum 50.

«Ausdauer, Nervenstärke, immer das Ziel vor Augen», nennt er selbst als seine Stärken. Und dieses Jahr könnte ein ganz spezielles für ihn werden. Im Frühjahr heiratete er nach zwölf Jahren Partnerschaft seine Freundin Nicole, den Antrag machte er ihr am 24. Dezember des vergangenen Jahres. Und sein schönstes Geburtstagsgeschenk kann er sich gleich selber machen. Fünf Tage nach der Einzelentscheidung in London wird Schwizer 50 Jahre alt. Eine Medaille, möglichst die goldene, käme da gerade recht. Drin liegt das allemal. Mit seiner Stute Carlina gehört Schwizer zum grossen Kreis der Favoriten.

Allerdings kam Schwizer am Wochenende mit seinem Spitzenpferd beim CSIO in St. Gallen nicht wie gewünscht auf Touren. Die Stute beging viele Fehler, litt aber an einer leichten Entzündung am Huf. Bis zu Olympia sollte das jedoch keine Rolle mehr spielen.

Die Olympischen Spiele bedeuten für mich...

… etwas sehr Wichtiges. Sie sind ja nur alle vier Jahre. Für einen Sportler ist es sehr schön, wenn er dabei ist. Aber ich gehe nicht nur wegen der Teilnahme, sondern auch um etwas zu gewinnen. Bei Olympia ist alles ein wenig speziell. Dazu gehört schon die Vorbereitung. Dann die Anreise und das olympische Dorf. Es ist nicht wie bei einem anderen Turnier. Wir wohnen auch im Dorf. Ich bin da noch nie gewesen, in Hongkong
waren wir ja separat. Jetzt sind wir bei den anderen Sportlern und sehen die Athleten dort herumlaufen, sich bewegen. Vor vier Jahren waren wir nur zwei Tage bei der Eröffnung und haben ein paar bekannte Gesichter gesehen. Von dem her ist es schon sehr interessant.

Ich träume davon, dass ich in London...

… eine Goldmedaille gewinne. Ich will nicht nur dabei sein.

Wenn ich an London denke, kommen mir folgende Dinge in den Sinn:

Wayne Rooney, Chelsea, Arsenal und Liverpool und natürlich Olympia. London ist eine sehr schöne Stadt. Dazu kommt das Hallenspringen im Dezember, das ist bei Reitern sehr begehrt. Ich bin schon oft dort gewesen. Das ist ein ganz schönes Turnier, mit einem super Publikum.

Das will ich aus London nach Hause bringen:

Gute Erinnerungen und dass alle zufrieden sind.

Wenn ich in London Zeit habe, einen anderen Wettkampf zu besuchen, dann werde ich...

Die 100 Meter interessieren mich oder Langstrecken, das möchte ich verfolgen. Vor allem die Leichtathletik. Aber ich habe den Zeitplan studiert, es wird schwierig für uns Reiter, noch etwas anderes zu sehen. Wir stehen oft im Einsatz.