Als «sehr ernst» bezeichnete die Papierfabrik Utzenstorf vor genau einem Jahr ihre Situation im Kampf ums Überleben. Der abrupt erstarkte Franken nach Aufhebung der Wechselkursuntergrenze drückte die Preise für das aus Altpapier gewonnene Fertigpapier um 20 Prozent. Beim Mindestkurs von 1.20 Franken je Euro brachte eine Tonne Fertigpapier rund 500 Euro oder 600 Franken Umsatz. Nach dem Entscheid der Nationalbank waren es noch etwas mehr als 500 Franken. Die Exporte – bei Utzenstorf beträgt die Quote 50 Prozent – schmälerten also den Erlös um diese Differenz. Genauso betroffen sind die Lieferungen innerhalb der Schweiz, weil die Papierpreise auf dem Euro basieren. «Unsere Einnahmen sind also zu 100 Prozent vom Eurokurs abhängig, während die Kosten zu 70 Prozent in Franken anfallen», erklärte damals Alain Probst, Leiter des Altpapierwerkes und Mitglied der Geschäftsleitung der Papierfabrik Utzenstorf.

«Wir mussten sofort reagieren», sagt heute Verwaltungsratspräsident und Mitinhaber Bernhard Ludwig. Mit Erfolg, hält der erfahrene Unternehmer fest. «Die Geschäftslage für das laufende Jahr ist zwar weiterhin nicht gut, aber immerhin vernünftig». Es gehe aufwärts. Mehrere Massnahmen hätten zur Stabilisierung beigetragen, so Ludwig. Angesetzt hat das Unternehmen beim Rohstoff Altpapier, dem grössten Kostenblock. Die Preise für den Rohstoff wurden für einen Grossteil der rund 800 Gemeinden, die ihr Altpapier direkt oder indirekt nach Utzenstorf liefern, nach unten angepasst. Gleichzeitig wurde mit dem Personal und der Betriebskommission eine auf zwölf Monate befristete Lohnreduktion um 5 Prozent vereinbart.

«Diese temporäre Massnahme haben wir auf Anfang dieses Jahres wieder aufgehoben», berichtet Ludwig. Auch hat das traditionsreiche Unternehmen bei den Arbeitsplätzen angesetzt. Die Anzahl der Vollzeitstellen sei um rund zehn Prozent auf aktuell 220 gesenkt worden. «Dabei hat es aber keine Entlassungen gegeben», versichert Ludwig. Vielmehr seien natürliche und pensionsbedingte Abgänge nicht ersetzt worden. Gleichzeitig habe man die Finanzierung der Unternehmung auf neue Beine gestellt (siehe Kasten).

Damit seien aber die Herausforderungen, um als relativ kleiner Fisch im europäischen Papiermarkt bestehen zu können, nicht kleiner geworden, sagt Ludwig bestimmt. Wie zahlreiche andere Firmen ist auch das Papierwerk nicht primär mit einem Absatz-, sondern mit einem Margenproblem konfrontiert. «Unser Werk war im vergangenen Jahr praktisch voll ausgelastet.» Aus den jährlich rund 260 000 Tonnen aus der ganzen Schweiz angeliefertem Altpapier werden auf zwei Papiermaschinen 200 000 Tonnen Fertigpapier produziert.

Die Aufteilung zwischen Papier für den Zeitungsdruck und den Beilagendruck hat sich in den vergangenen Jahren merklich verschoben. Der Anteil des Zeitungspapiers hat sich von über 60 Prozent auf rund 40 Prozent reduziert. «Der Markt geht aufgrund des Auflagenschwundes bei Tages- und Wochenzeitungen stetig zurück.» Diesem Trend habe man sich angepasst und das Segment der höherwertigeren Papiersorten, die insbesondere im Bereich Werbung eingesetzt werden, ausgebaut.

Die Papierpreise bleiben insgesamt unter Druck. Der Papierverbrauch in Europa sinke stetig, innerhalb der letzten Jahre von jährlich 10 auf 7 Millionen Tonnen im Bereich der Zeitungspapiere. Die Kapazitäten seien durch Werksschliessungen angepasst worden und derzeit lägen Angebot und Nachfrage in etwa im Lot. «Die Preise ziehen zwar etwas an, markante Preissprünge nach oben bleiben aber ein Wunschdenken.» Die Kombination von Frankenstärke und noch immer relativ tiefen Euro-Preisen drücke logischerweise auf die Marge. «Das Betriebsergebnis für 2015 lag im Keller», sagt Ludwig. Es reichte gerade, um knapp über die Runden zu kommen.

Immerhin. Von der Währungsfront ist eine leichte Entspannung spürbar. Ist doch der Frankenkurs gegenüber dem Euro seit der Aufhebung der Wechselkursuntergrenze von der Parität auf 1.10 Franken gesunken. «Dieses Niveau ist zwar weiterhin nicht optimal, aber im Vergleich zu Jahresbeginn 2015 wieder vernünftig; damit können wir leben», meint Ludwig. Auch die Papierpreise hätten sich leicht erholt. Trotzdem. Grosse Sprünge kann sich die grosse Altpapierrecyclerin nicht erlauben. Wie bereits in den Vorjahren würden sich die Investitionen auf das Minimum beschränken, um die Produktion im heutigen Umfang und in einer marktgerechten Qualität aufrechterhalten zu können.