Obwohl ich schon zu der Zeit, als Otto Stich im Nationalrat sass, in der Solothurner SP aktiv war, war er für mich eine eigentlich unbekannte Person. Das änderte sich 1983 mit seiner Wahl in den Bundesrat. Ich kannte Lilian Uchtenhagen einigermassen gut. Dass durch seine Wahl diese, in meinen Augen sehr profilierte Frau als Bundesrätin verhindert wurde, erzeugte in mir das Bild eines «Frauenfeindes». Dies blieb so, bis ich Otto Stich nach meiner Wahl in den Nationalrat 1987 auf eine andere Weise kennenlernte. 

Ich erlebte einen Mann, der sich für Frauen einsetzte und an ihrem Schicksal Anteil nahm. Er erzählte uns einmal bei einem Abendessen im Landgut Lohn die Geschichte der Lydia Welti-Escher, deren Familie das Landgut der Eidgenossenschaft geschenkt hatte. Ihr Mann kam durch die Heirat mit ihr zu Geld und Ansehen und machte dank ihr Karriere. Als sich Lydia in einen andern verliebte und sich von ihm scheiden lassen wollte, sorgte er durch seinen bundesrätlichen Vater dafür, dass sie wegen «systematisiertem Wahnsinn» in eine Irrenanstalt eingewiesen wurde. Diese Ungerechtigkeit ging Otto Stich sichtlich zu Herzen, er hatte sogar Tränen in den Augen. 

Wo immer möglich förderte er in seinem Umfeld die Frauen: In seinem Departement berief er einige auf Chefposten und war dabei wohl einer der ersten Bundesräte, der dies tat.
Ich durfte selbst erfahren, wie er mich auf diskrete Weise förderte, indem er mich zur richtigen Zeit mit Informationen belieferte und mich ermunterte, entsprechende Vorstösse einzureichen.

Otto Stich und die Finanzen

Otto Stich war als Finanzminister am richtigen Ort. Ob er in einem anderen Departement so viel Positives für dich Schweiz hätte bewirken können, wage ich zu bezweifeln. Haushälterisch mit dem Geld umzugehen, war ihm ein Herzensanliegen.

Daneben genoss er es aber auch, dass er sich als Verantwortlicher für die Finanzen immer wieder in die Geschäfte der Departemente seiner Kollegen einmischen konnte. Wenn wir von «Macht» im Bundesrat sprechen können, so war er sicher einer der Mächtigsten. Den Beschluss zum Bau des Lötschberg-Basistunnels konnte er nicht verhindern und das hat ihn bis zuletzt gewurmt.

Drogenszene unter dem Büro

Wenn er allerdings von einem Thema betroffen war, konnte er sich auch «spendabel» zeigen. Als ich nach meinem Wechsel ins Bundesamt für Gesundheit auch für die Drogenpolitik zuständig war, forderte er mich auf, ihm zu sagen, wie viel Geld ich für die Verbesserung der Situation der Drogenabhängigen benötige. Er würde dafür sorgen, dass das Geld zur Verfügung gestellt werde.

Damals war die Berner Drogenszene direkt unter seinem Bürofenster «zu Hause» – und das Elend dieser Leute liess ihn nicht kalt. Unsere Projektvorschläge wurden in der Folge auch nicht von Finanzdepartement beschnitten.

Pedantisch und grosszügig

Während den Sessionen klopfte Otto Stich gerne einen Jass. Der Punkt wurde mit fünf Rappen bewertet und am Ende des Abends wurde jeweils minutiös abgerechnet. Es kam nicht infrage, dass ein Betrag nicht bezahlt wurde. Ich erinnere mich, wie ich ihm einmal 15 Rappen schuldete und diese auch bezahlte. Die Zeche des ganzen Abends übernahm aber natürlich Otto Stich, auch daran gab es nichts zu rütteln.

So war er: Pedantisch, wenn es um abgemachte finanzielle Verpflichtungen ging. Und grosszügig, wenn es darum ging, Freunden und Kolleginnen eine Freude zu machen.