Riedholz/Niederwil

Nur noch rote Zahlen: Dorfladen schliesst nach 151 Jahren

Marianne Müller und Verkäuferin Renate Fluri machen bald zu.cnd

Marianne Müller und Verkäuferin Renate Fluri machen bald zu.cnd

Der Dorfladen von Marianne Müller im Riedholzer Ortsteil Niederwil geht am 30.März zu. Es ist das Ende eines mehr als 150-jährigen Familienunternehmens.

Aus und vorbei. Marianne Müller will einfach nicht mehr. Die Inhaberin der Dorfbäckerei in Niederwil will nicht mehr kämpfen, nicht mehr drauflegen. Ihre beiden Söhne sind gelernte Bäcker, die Nachfolge wäre also kein Problem. «Aber warum soll ich meinen Söhnen einen Betrieb übergeben, wenn ich weiss, dass ihnen am Jahresende nur rote Zahlen bleiben?»

Vor 25 Jahren hat Müller das Geschäft von ihrer Mutter übernommen. Sie führt es in fünfter Generation. Im 151. Jahr. Ende März ist nun Schluss: Die zwei Lehrlinge hat Müller andernorts untergebracht, der Chefbeck wisse noch nicht so recht, was er wolle, und die Verkaufsangestellte will sich eine Auszeit gönnen. Marianne Müller selbst sagt, sie werde wohl Hausfrau. «Aber ich weiss nicht, ob das gut geht», zweifelt die 56-Jährige. «Ich war mein Leben lang berufstätig.»

Keine Chance gegen Grossverteiler

Müllers Geschäft ist mehr als eine Bäckerei. Es ist ein Dorfladen, in dem man alles kriege, «was man für den täglichen Bedarf so braucht», wie die Inhaberin stolz erklärt. Sie sitzt am Tisch in der «kalten Küche», gleich neben der Backstube. Hier werden unter anderem die gefüllten Partybrote zubereitet, die sehr beliebt seien. Früher war in diesem kleinen Raum der Laden untergebracht; vor zwölf Jahren riss Müller einen Teil des Gebäudes (ein altes Bauernhaus) ab und schaffte mit dem Neubau mehr Ladenfläche für die Bäckerei.

Eigentlich gute Vorzeichen für ein Lebensmittelgeschäft, das – abgesehen vom Hofladen im unteren Dorfteil – konkurrenzlos ist. Marianne Müllers Erfahrung hat sie etwas anderes gelehrt: «Es ist nicht leicht, mit den Preisen der Grossverteiler mitzuhalten. Die verkaufen ihre Ware zum Teil billiger, als ich sie einkaufen kann.» Und nur von Leuten, die im Supermarkt etwas vergessen hätten und noch rasch Senf oder Salz bräuchten, könne sie nicht leben.

«Ich habe schon einige Stammkunden», sagt sie. «Aber es stimmt für mich einfach nicht mehr, wenn ich für das Geschäft draufbezahlen muss.» Das Personal zu reduzieren sei keine Option, das habe sie auch «durchgekaut».

Ungeliebtes Halteverbot

Und dann ist da noch die Geschichte mit dem Halteverbot: Seit der Neugestaltung des Dorfplatzes darf man vor Marianne Müllers Laden nicht mehr parkieren. Die Inhaberin glaubt, dass dies fürs Geschäft nicht gerade förderlich sei. Zwar hat sie auf dem Parkplatz neben der Schule vier Felder für Kunden gemietet – knapp dreissig Schritte von der Bäckerei entfernt. Aber letztlich gehe es halt um die Bequemlichkeit.

Auf die Petition gegen das Halteverbot trat der Gemeinderat 2009 gar nicht erst ein. Dafür war es zu spät, erinnert sich Marianne Müller. Die Einsprache, die sie 2005 gegen den Dorfplatz eingereicht hatte, «musste ich zurückziehen.» Wieso, sagt sie nicht. Nur, dass sie nicht mehr kämpfen mochte und ihr ein Gemeinderat gesagt habe, die Sicherheit der Schulkinder sei wichtiger als ihr Laden.

Dem Verbot könne sie aber nicht die Schuld an allem geben. Ein Blick aus dem Schaufenster: Vor dem Laden stehen zwei Autos. Seit Niederwil zu Riedholz gehört, kontrolliere niemand mehr die Falschparker. Was aus dem Laden wird, ist unklar. Verkaufen will Müller nicht. Sie seufzt wehmütig. «Ich muss jetzt erst damit fertig werden, dass ich zumache.»

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