Stahl Gerlafingen
Nach Schlacken-Hagel: Was, wenn es einen Menschen trifft?

Faustgrosse Gesteinsbrocken flogen am Samstag durch Gerlafingen und Biberist. Hätte das Stahlwerk die verheerende Schlacken-Explosion verhindern können? Ja, finden entrüstete Anwohner.

Sven Altermatt
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Einer der Schlackensteine

Einer der Schlackensteine

Hansjörg Sahli

Eigentlich, dachte sich Jonas Bieri, eigentlich müsste das Schutznetz über der Grube nun sicher sein. Doch das 2011 erneuerte Netz hielt nicht. Zerrissen ist es, zerfetzt, einmal mehr.

Nur die Emme trennt das Haus von Bieris Familie in Biberist vom Gerlafinger Stahlwerk, wo es am Samstag zu einer Explosion gekommen ist. Morgens um vier wurde Bieri von einem ohrenbetäubenden Knall aus dem Schlaf gerissen. Glühende Gesteinsbrocken flogen draussen durch die Luft, ein Sternenhagel wie in «Apokalypse aus dem All». «Als würden Meteoriten einschlagen», sagt Bieri.

Manche Brocken waren so gross wie Medizinbälle und 50 Kilogramm schwer. Andere wurden von der Wucht der Explosion kilometerweit geschleudert. Jonas Bieri spricht von einer «unvorstellbaren Druckwelle». Dieser sind selbst die Scharniere seiner Duschkabine zum Opfer gefallen. Der Fussweg an der Emme war übersät von glühenden Schlackenstücken. Dort, wo tagsüber Spaziergänger unterwegs sind, waren nun kleine Krater im Boden sichtbar.

Solche Schlackensteine flogen am durch die Luft
10 Bilder
Sie landeten überall: Im Wald...
Einer der Schlackensteine
... und auch auf Autos.
Diese Dach wurde ebenfalls getroffen
Hier ging eine Scheibe zu Bruch
Ein Schlackenstein blieb in einem Schutzgitter hängen
Stefan Bühler wurde nicht direkt durch einen Stein verletzt. Bei Aufräumarbeiten löste sich eine Fensterscheibe und begrub seinen Arm unter sich.

Solche Schlackensteine flogen am durch die Luft

Hansjörg Sahli

Die Explosion ist vermutlich auf den hohen Grundwasserspiegel der Emme zurückzuführen. Wasser drang von unten in die Schlackengrube, vermischte sich mit der 600 Grad heissen Schlacke und verpuffte. Der Dampfdruck im Innern der erstarrten Hülle konnte nicht mehr entweichen, das Volumen vergrösserte sich und entwickelte eine massive Sprengkraft. Ähnliches passiert, wenn Wasser auf eine heisse Herdplatte gespritzt wird: Es spritzt in alle Richtungen. Allerdings verpuffte im Stahlwerk nicht Wasser, sondern Schlacke.

Faustdickes Loch im Autodach

Der Schock sitzt tief, auch zwei Tage nach der Explosion. Stahlwerk-Sprecherin Linda Krenn verspricht «lückenlose Aufklärung». Die Kantonspolizei zieht derweil Schadensbilanz. Elf Personen und fünf Firmen meldeten Sachbeschädigungen, bestätigt Polizei-Sprecher Thomas Kummer. Der Sachschaden beläuft sich auf mehrere tausend Franken. Auf dem Stahlwerk-Areal wurden Gebäude und Stromschienen beschädigt. In den angrenzenden Wohnquartieren gingen Heckscheiben von Autos zu Bruch, Ziegel wurden von Dächern geschlagen.

Ein Auto erlitt Totalschaden – der Toyota von Nicole Affolter. Die 23-jährige Biberisterin besuchte am Freitagabend einen Freund in Gerlafingen. Ihr Auto liess sie spätabends dort stehen, am Samstag wollte sie es wieder abholen. Morgens um sechs wurde sie von der Polizei aus dem Bett geklingelt und zu ihrem Auto chauffiert. Was Affolter dort sah, übertraf ihre kühnsten Befürchtungen. Im Toyota-Dach klaffte ein faustgrosses Loch. Ein Schlackenstück hatte das Dach durchschlagen und den Rücksitz in Brand gesetzt. «Nun brauche ich ein neues Auto», meint Affolter auf Anfrage lapidar.

Nicht die erste Explosion

Menschen wurden bei der Explosion nicht verletzt. Allerdings hat sich ein Anwohner am Samstagvormittag bei Aufräumarbeiten einen Quetschriss an der Hand zugezogen. Stefan Bühler inspizierte die Schäden am Nachbarshaus, als sich ein Fensterflügel löste und seinen rechten Arm unter sich begrub. Die Polizei brachte den Schreinermeister ins Spital, nun ist er zwei Wochen krankgeschrieben.

Jonas Bieri wohnt seit 27 Jahren am Stahlwerk. Geht es nach ihm, muss die Stahl Gerlafingen AG «endlich ihren Pflichten nachkommen». Gottlob sei bei der Explosion niemand verletzt worden, sagt Bieri. «Aber was, wenn die Schlackensteine einmal tagsüber ins Quartier schleudern?» Ein solches Szenario, weiss auch Jonas Bieris Vater, könnte in einer Katastrophe enden. Markus Bieri erinnert sich an ähnliche Explosionen in den Jahren 2002 und 2011. Auch damals kam es im Stahlwerk zu einer Verpuffung mit Wasser; auch damals durchbrach ein Schlackenstück das Schutznetz.

Schwacher Trost für Anwohner

«Das Werk wollte alles unternehmen, damit so etwas nicht mehr passiert», sagt Markus Bieri. «Nun ist es wieder passiert.» Kurz nach der Explosion im Januar 2011 appellierte Bieri in einem Leserbrief an das Stahlwerk, endlich ein «erprobtes Sicherheitsnetz» anzubringen. Tatsächlich hat die Stahl Gerlafingen AG das Netz bald darauf für 200 000 Franken erneuern lassen.

Ist auch dieses nicht sicher? «Die gleichen Netze werden zum Schutz vor Bergrutschen und Steinschlägen eingesetzt», erklärt Stahlwerk-Sprecherin Linda Krenn. In der Schweiz sei die Anwendung überdies vielfach erprobt worden. Ingenieure haben gestern begonnen, das Schutznetz über der Grube zu prüfen. Am Werk sind dieselben Ingenieure, die das Netz konstruiert haben.

Für Anwohner Stefan Bühler ein schwacher Trost. «Das Netz dient ohnehin nur der Symptom-Bekämpfung.» Explosionen würden damit nicht verhindert, sagt Bühler und fordert: «Das Stahlwerk muss dafür sorgen, dass die Grube immer trocken bleibt.»

Die Stahl Gerlafingen AG verweist indessen auf die am Wochenende ergriffenen Sofortmassnahmen. Die Schlacke wird seitdem zwei Stunden länger zur Abkühlung in den Kübeln belassen. «Ausserdem beobachten wir den Pegelstand der Emme genauestens», sagt Sprecherin Linda Krenn. Weil die Produktion am Samstag während Stunden ausgesetzt werden musste, dürften dem Werk wohl Einnahmen von 300 000 Franken verloren gegangenen sein.