Etziken
Müslüm, 77 Bombay Street und perfektes Wetter begeistern Openair-Besucher

Das Openair Etziken bot zwei Tage lang alles, was das Herz eines Festival-Besucher begehrt: altbewährte Headliner, junge Bands zum Neuentdecken und absolut fantastisches Wetter. Der Funke ist eindeutig zum Publikum über gesprungen.

Christoph Neuenschwander
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Sonnenuntergangsstimmung am Openair Etziken.

Sonnenuntergangsstimmung am Openair Etziken.

Isabel Mäder

Was will man von einem Festival? Mal ganz grundsätzlich. Gute Musik? Freunde treffen? Vor allem trocken bleiben? Will man viel? Oder will man eben gerade einmal für ein paar Tage die Ansprüche runter schrauben und sich einfach damit zufrieden geben, ein kühles Getränk in der Hand zu haben und am Abend ein Zeltdach über dem Kopf?

Egal, was es ist, am Openair Etziken dürfte heuer jeder gefunden haben, wonach er gesucht hat: altbewährte Headliner, junge Bands zum Neuentdecken und absolut fantastisches Wetter. Nass wurde nur, wer am Sonntagmorgen früh noch auf dem Camping-Platz verweilte. Und eigentlich hat die Abkühlung ja ganz gutgetan.

Drehen wir die Zeit etwas zurück und stellen wir uns eine andere Frage: Was macht eigentlich eine gute Festival-Band aus? Es ist Freitagabend. Die Newcomer von Yokko überzeugen auf der Zeltbühne mit ihrem sphärisch angehauchten Britrock. Musikalisch einwandfrei, doch merkt man ihnen das Lampenfieber noch leicht an. Von so einem Fieber kann bei Müslüm nicht die Rede sein, obwohl das Energiebündel bei seiner Show gehörig ins Schwitzen kommt. Während 77 Bombay Street auf der Hauptbühne die Romantiker unter den Festivalbesuchern mit hymnenhaften Melodien verzaubern, kommen bei Müslüm, dem selbst ernannten Sprachrohr der «kriminellen Ausländer», eher die Zyniker auf ihre Kosten.

Die Bühne des Openair Etziken.
12 Bilder
Nein, das ist nicht Büne Huber, sondern der Gitarrist von The Rasmus.
The Rasmus.
Büne Huber, der Echte.
Und gleich nochmal.
Patent Ochsner.
Die begeisterte Menge...
...am Konzert von The Rasmus.
Donots in Aktion.
Carrousel

Die Bühne des Openair Etziken.

Isabel Mäder

Der Funke springt eindeutig zu den Zuschauern über. Müslüm hat einen fabelhaften Gitarristen an seiner Seite, schenkt den Etzikern sein «Härzeli» und singt eine orientalische Version von Göläs «Schwan». Wollte man jetzt unbedingt etwas an der Show kritisieren, dann wäre das wohl die Abgeklärtheit, die den Auftritten vieler erfahrener Musiker anhaftet: Das Eis wird schnell gebrochen, aber eben mit einem gut ausgetüftelten und erprobten Werkzeug.

Die Kunst, zwei oder drei Konzerte pro Woche zu spielen und dabei jedes Mal den Anschein zu erwecken, als gäbe es keine wichtigeren Fans, als die, vor denen man gerade steht - das ist eine Kunst, die nur wenige meistern. Da ist es natürlich umso schöner, dass das Openair Etziken am Samstag gleich zwei Schweizer Musiker, die diese Kunst beherrschen, ins Wasseramt gelockt hat: den Fribourger Gustav und den Frontmann von Patent Ochsner, Büne Huber. Zu ihnen kommen wir gleich.

Zuerst noch eine weitere Frage: Erinnert sich eigentlich noch jemand an The Rasmus? Die finnische Rockband mit den Krähenfedern im schwarzen Haar, die vor zehn Jahren mit «In the Shadows» durchgestartet ist? Von denen hat man nämlich lange nichts gehört, aber viele der Songs, die sie am Samstagabend in Etziken spielen, wecken dann doch gewisse Erinnerungen und sorgen für Déjà-vus. Die Show ist solide, die Fans singen tapfer mit.

Aber wirklich ab geht die Post dann doch im Festzelt, wo die Donots dem Publikum klarmachen, wie man sich an «einem verdammten Punkrockkonzert» zu verhalten hat. Der typisch raue Umgangston, wie man ihn sich von Punkbands gewohnt ist. Aber trotzdem schaffen es die Deutschen, schnell eine Verbindung zum Publikum herzustellen, die über die herkömmliche Nähe eines Pogotanzes in der Menge hinausgeht. Sie erzählen von ihrem Tag in Etziken, vom Bad im See, davon, wie sehr sie heute geschwitzt haben. Der Sänger korrigiert sich: «Ach was, ‹haben›! Wir werden geschwitzt sein wie die Schweine. Futur 3 imperfekt.»

In den Inkwilersee hat sich auch Gustav getraut. In diesen «Blutegel-Tümpel», wie er sagt. Der Mann ist eine Rampensau und zieht das Publikum von der ersten Sekunde in seinen Bann. Er lehrt uns Schlager-Tanz-Moves, singt in fünf verschiedenen Sprachen und unterhält sich immer wieder mit dem Publikum. Der Fribourger ohne Berührungsängste scheint förmlich für solche Augenblicken zu leben.

Übertroffen wird seine Darbietung höchstens noch vom perfekt durchorchestrierten Auftritt von Patent Ochsner. Klar, bei «W. Nuss vo Bümpliz» lassen sie uns immer mitsingen, mit dem verträumten «Scharlachrot» hören sie immer auf. Und immer, immer, immer verabschiedet sich Büne Huber mit den Worten: «Löht nech nüt la gfaue. Nie, nie, nie.» Aber das Tolle ist: Man glaubt ihm jedes Mal, dass er es ernst meint.