Elise Flury kam während ihrer Ferienreise durch Nordeuropa am Abend des 28. Juli 1914 von Moskau und Berlin herkommend in Dresden an. In ihrem Reisetagebuch steht: «Mittwoch 29. Juli. Früh in der Gemäldegalerie und blieb bis zum Schluss um 5 Uhr. Dann hatte ich ein gutes Essen. Am nächsten Morgen Donnerstag 30. Juli war ich die Erste, die beim Öffnen wieder in die Gemäldegalerie trat. Diesmal besah ich mir nur die Gemälde, die mir gestern besonders gefallen und Eindruck gemacht haben.» Am Abend reiste Elise Flury nach Nürnberg, wo ihr ein Bekannter die Stadt zeigte. Dort las sie am Nachmittag die eben angeschlagene Deklaration, dass Deutschland im Kriegszustand sei. Ihr Begleiter meinte, es eile noch nicht mit der Weiterreise: «Allein, mir war alle Freude am Sehenswürdigkeiten-Sehen vergangen. Ich wollte abreisen. Es war 5 Uhr, um 6 Uhr war ich im Zug und fuhr bis München.»

Am 1. August in München angekommen, hatte Elise doch wieder Lust auf Sehenswürdigkeiten: «Hatte im Sinn über den ganzen Sonntag in München zu bleiben und mir seine Kunstschätze anzuschauen. Dann wäre mein ganzes Reiseprogramm abgewickelt gewesen. Wirklich ging ich in Bahnhof, um im Verkehrsbureau mich über Reihenfolge etc. der Sehenswürdigkeiten zu orientieren. Der Bahnhof war mit undurchdringlichen Menschenmassen angefüllt. Vor den Schaltern warteten lange Reihen von Reisenden, von denen viele wegen Platzmangel keine Fahrkarten mehr bekommen konnten. Ich glaubte, mich berühre das nicht, denn die Schweiz sei ja neutral und auch zwischen den Krieg führenden Staaten werde es nicht so schnell losgehen und zu einer Schlacht kommen. Als aber jedermann von ‹gesperrt› sprach, fragte ich, ob das etwa auch für die Schweiz gelten könnte. ‹Heute kommen Sie vielleicht noch via Lindau-Romanshorn in die Schweiz›, sagte man mir, ‹was dann geschieht, kann man nicht sagen›, das genügte mir. Es war 9.15 Uhr morgens, aber mit dem 10-Uhr-Zug fuhr ich ab. Nur mit der Hilfe des Hotel-Portiers, der mir übrigens den in der Eile im Hotel vergessenen Schirm an den Bahnhof brachte, gelang es mir am Bahnhof mein Gepäck auszulösen, mich durch die Menschenmenge zu arbeiten und den Zug zu erreichen, wo ich noch einen Platz fand. Dann rannte ich noch zu einem Automaten im Bahnhof und genoss als Frühstück eine Tasse Kaffee und zwei winzige Brötchen. Natürlich glaubte ich während der Reise auf den Bahnhöfen vollauf Gelegenheit zu finden, Hunger und Durst zu stillen. Da hatte ich mich aber gründlich geirrt. Auf der ganzen Reise waren alle Bahnhöfe dicht gedrängt mit Menschen, niemand kam mit Esswaren an den Zug. Der Zug selbst hatte so grosse Verspätung, dass er nach ganz kurzem Aufenthalt sogleich wieder abfuhr, und es wäre der Menge wegen auch unmöglich gewesen, das Buffet zu erreichen.»

«In Lindau war natürlich wieder eine grosse Menschenmenge. Beim Schaltereingang zum Schiff ein langes Stocken in der Menschenmasse, weil die Herren unter den Reisenden einem scharfen Verhör unterstellt wurden oder sich ausweisen mussten, dass sie nicht Fahnenflüchtige oder Spione waren. Unmöglich, auf dem Schiff etwas zu essen zu bekommen, weil man nicht serviert werden konnte, da jedermann essen wollte. Unter den Reisenden befanden sich viele Ausländer, namentlich Franzosen und Russen oder Polen. Letztere waren wahrscheinlich in Begriff gewesen, ihr Vaterland noch zu erreichen, aber von Österreich zurückgeschickt worden. In Romanshorn konnte ich mir glücklicherweise sofort einen Dienstmann sichern. Des Gedränges wegen war es kaum möglich, den Zug zu erreichen und darin Platz zu finden. Erst in Frauenfeld bekam ich endlich etwas zu essen. Ich rief über die Menge hinweg einen bei seiner Lokomotive stehenden Heizer, er solle mir ein Würstchen, ein Stück Brot und ein Glas Bier holen. Er konnte selbst nicht gehen, schickte aber einen Kondukteur, der mit zwei Cervelats und zwei Weggli zurückkam. Aber Bier hatte man ihm keines geben können. Er hatte zwei Portionen gebracht, weil eine mitreisende Frau ihm auch schnell das Geld für mich gegeben hatte, als sie sah, dass ich nur deutsches Kleingeld hatte.

Hatte ein Billet bis Zürich. In München hatte ich nicht Zeit gehabt, englisches Geld umzutauschen und war darum mit 70 Pfennig gereist. In Lindau gab ich dem Dienstmann deutsche Briefmarken, die er bereitwillig annahm. Von letztjähriger Reise hatte ich noch 4 Fr. Schweizergeld in Silber bei mir. Es war mir eine Erleichterung zu erfahren, dass das Billett Zürich-Olten nicht so viel kostete. In Zürich holte mir ein junger Herr dieses Billett. Nie wäre ich während des Haltens des Zuges durch die Volksmenge gekommen und machte mir Vorwürfe, dass ich dem Herrn erlaubt hatte, das Billett zu holen. Doch er kam zur rechten Zeit zurück. Es stellte sich heraus, dass der Zug direkt von Romanshorn bis Solothurn und weiter fuhr, in Deitingen aber nicht hielt. Somit stieg ich in Olten aus und nun konnte ich endlich meinen Durst mit einem Glas Bier stillen. Es war abends 8 Uhr.»

«Als ich in Romanshorn im Zug sass, sagte ich mehrere Male: ‹Gott Lob und Dank bin ich auf Schweizerboden›. Ein Mädchen, das neben mir sass und dem die Ferien bei Verwandten durch den Krieg abgeschnitten waren, bemerkte hierauf: ‹Das hani hüt scho vo vielne Lüt ghöre säge›. Ca. 11 Uhr kam (abends) ich in Deitingen an. Am Bahnhof standen Emilie (geb. Flury, die Nichte) und Erwin Moser (deren Mann). Sie bei jedem Zug auf den Bahnhof gegangen, um zu sehen, ob ich komme. Schliesslich habe Emilie bemerkt: ‹Oh, die Tante kommt schon durch, sie ist bei den Dardanellen auch durchgekommen.› Dies in Bezug auf meine Heilig-Land-Reise 1912, als die Dardanellen von den Italienern beschossen wurden, gerade als unser Schiff durchgegangen war.»

Elise war nun in ihrer Heimat, aber sie hatte vor, nach den Ferien in der Schweiz wieder zurück nach London zu fahren. Sie erfuhr, dass für in der Schweiz befindliche Engländer Sonderzüge zurück in deren Heimat organisiert wurden. Auf dem englischen Konsulat in Zürich sagte man ihr am 12. August, als Schweizerin könne sie nicht mit einem Sonderzug nach England reisen. Sie liess aber nicht locker. Am 14. August fuhr sie nach Luzern: «Dort ging ich in das Hotel Schweizerhof zum Englischen Komitee, das sich mit den Sonderzügen von Luzern nach London beschäftigte. In einigen Minuten war alles erledigt und mein Name eingeschrieben. Die Herren waren eben englische Gentlemen, während ich in Zürich mit Schweizern zu tun gehabt hatte.»

Nun telegrafierte sie noch den beiden Familien in London, bei welchen sie ab September die Kinder unterrichten sollte. Die Antworten waren wegen der wirtschaftlichen Unsicherheiten nach Kriegsausbruch negativ. Sollte sie trotzdem nach London zurückkehren? «Am Abend war ich noch unentschlossen. Aber am Morgen sagte ich: Ich bleibe.» Ihre Zeit als Erzieherin in London war damit zu Ende und ihre ungeplante Heimkehr wurde zum kleinen Mosaikstein einer Epoche, die mit dem Ersten Weltkrieg untergegangen ist.

Elise Flury (1864–1932):

Elise Flury (1864–1932):