Prozess
Migros-Bombendroherin wollte vom Geständnis nichts wissen

Drei Mal wurde im Jahr 2011 in der Migros Langendorf eine Bombendrohung deponiert. In allen Fällen war es eine leere Drohung. Nun steht die mutmassliche Täterin, eine zum Tatzeitpunkt 47-jährige Schweizerin, vor Gericht.

Lucien Fluri
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Der Genossenschaft Migros Aare entstand durch die Evakuation von Kundschaft und Personal, die vorübergehende Schliessung des Einkaufszentrums und die Durchsuchung des Gebäudes nach Sprengstoff ein beträchtlicher finanzieller Schaden.

Der Genossenschaft Migros Aare entstand durch die Evakuation von Kundschaft und Personal, die vorübergehende Schliessung des Einkaufszentrums und die Durchsuchung des Gebäudes nach Sprengstoff ein beträchtlicher finanzieller Schaden.

Christof Ramser

Hunderte Menschen soll die kleine zierliche Frau mit ihren Bombendrohungen in Angst und Schrecken versetzt haben. Am Mittwoch stand die 49-Jährige vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern.

Die erste, handgeschriebene Drohung fand eine Kundin am 13. Januar 2011 in der Damentoilette der Migros Langendorf, die zweite hing Anfang Februar am gleichen Ort (vgl. Kasten).

Klebebuchstaben wie im Film und 312 000 Fr. Minus bei Migros

Die erste Bombendrohung am 13. Januar 2011 war noch handgeschrieben, bei der zweiten Drohung Anfang Februar 2011 ging die Täterin filmreif vor und klebte Buchstaben aufs Papier. Die beiden Drohungen und die anschliessenden Evakuationen verursachten für die Migros grossen Schaden. Rund zwei Stunden blieb das Ladendorf am 13. Januar geschlossen. 80 000 Franken entgingen dadurch der Migros.

Noch grösser war das Loch, das die zweite Bombendrohung in die Kasse riss. Am wohl beliebtesten Einkaufstag, am Samstag, nämlich dem 5. Februar 2011, fand sich auf der Damentoilette wieder ein Zettel. «Heute um zwölf wird eine Bombe explodieren». Von 10.50 bis 14.30 Uhr blieb die Migros zu. Der Schaden wird auf 232 000 Franken beziffert. Insgesamt 312 000 Franken Zivilforderungen macht die Migros als Privatklägerin gegenüber der Angeklagten geltend.

Die dritte Bombendrohung kam gar nie an: Am 21. Juni fiel einer Postangestellten im Verteilzentrum Härkingen ein unfrankiertes Couvert auf - die Adresse bestand nur aus aufgeklebten Buchstaben. Der Brief ging an die Polizei. Noch bevor die Migros am Tag darauf öffnete, durchsuchten Spezialisten das Gebäude. (lfh)

«Ich habe den Ladendiebstahl gemacht. Aber die Bombendrohungen nicht», sagte die psychisch angeschlagene Frau.

Geständnis unter Druck?

Eine Frage prägte den Prozessauftakt am Mittwoch: Was ist das Geständnis der Angeklagten vom 21. Juli 2011 überhaupt wert?

Schlaftrunken, noch im Pyjama und überrumpelt war die Frau, als um halb Acht drei Ermittler der Solothurner Kantonspolizei vor ihrer Wohnungstüre standen und sie aus dem Schlaf klingelten. Nach einigen Stunden bei der Polizei gestand die Frau - eine Schriftprobe legte ihre Täterschaft nahe.

Nur: Am Prozesstag wollte die Angeklagte von ihrem Geständnis nichts mehr wissen. «Ich habe nichts mit dem Ganzen zu tun», beteuerte sie ihre Unschuld. «Ein Polizist stand non-stop neben mir», begründete sie ihr vermeintliches Geständnis.

Immer wieder habe der Beamte sie aufgefordert, sie solle nicht mehr lügen. Und so sei unter dem grossen Druck irgendwann ein «dann war ich es halt» aus ihr herausgeplatzt: Schliesslich sei ihr auch versprochen worden, dass sie zu ihren Hunden nachhause dürfe, wenn sie die Tat zugebe.

Für Verteidiger Andreas Wehrle war überhaupt klar: Seine Mandantin war zur Zeit der Einvernahme psychisch so schwach, dass zwingend ein Anwalt an ihrer Seite hätte sein müssen.

Doch dieser wurde nicht aufgeboten - sie war allein mit den Beamten. Deshalb, so der Anwalt, dürfe das Geständnis gar nicht erst verwendet werden.

Das sei lediglich ein Versuch, ein missliebiges Geständnis aus den Akten entfernen zu wollen, konterte Staatsanwältin Melanie Wasem.

Amtsgerichtspräsident Rolf von Felten traf noch keinen Entscheid, ob das Geständnis verwendet werden kann. «Wir können den psychischen Zustand der Frau jetzt noch nicht beurteilen», will er noch die Ausführungen der psychiatrischen Gutachterin abwarten, die am Donnerstag anstehen. Um mehr über die Umstände des Geständnisses zu erfahren, waren auch die drei Polizeibeamten zum Prozess vorgeladen, die die Frau einvernommen hatten.

Versprechungen oder Druckversuche wiesen sie einhellig und klar zurück. Jederzeit sei die Beschuldigte in der Lage gewesen, sich zu verteidigen.

Wie kam sie zur «Damentoilette»?

Der Verteidiger liess nicht locker und versuchte weitere Zweifel am Geständnis zu streuen.

Ein einzelnes Wort erhielt nun entscheidende Bedeutung: Sie habe die Bombendrohung aufs Lavabo der Damentoilette gelegt, gab die Angeklagte im widerrufenen Geständnis an. Tatsächlich aber hing das Papier in der Toilettenkabine.

Warum denn dieser Unterschied niemandem aufgefallen sei, wollte Verteidiger Andreas Wehrle wissen. - Für ihn ein Indiz, dass das Geständnis nicht ernst gemeint war.

Genau das Wort «Damentoilette» betonte auch Staatsanwältin Melanie Wasem. Woher wusste die Frau, dass der Zettel genau dort war, fragte die Staatsanwältin. Das müsse Täterwissen sein, denn in den Zeitungen sei ausdrücklich nur «Kundentoilette» gestanden.

Eine Erklärung zur «Damentoilette» versuchte Verteidiger Andreas Wehrle zu liefern, indem er den Lebenspartner der Mutter seiner Mandantin vorlud.

Er habe mit der Angeklagten über den Fall gesprochen, gab dieser an. - Gut möglich, dass er dabei das Damenklo als Fundort erwähnt habe.

Wie der Zeuge selbst auf zum Wissen über den genauen Fundort gekommen sein könnte, daran konnte er sich nicht erinnern.

Zahlreiche Polizisten waren im Einsatz bei der Bombendrohung im Februar 2011
13 Bilder
Zahlreiche Polizisten waren im Einsatz bei der Bombendrohung im Februar 2011
Zahlreiche Polizisten waren im Einsatz bei der Bombendrohung im Februar 2011
Bombenalarm in Shoppi Ladedorf
Grenzwache vor Ort
Polizeihunde kamen zum Einsatz
Gefunden wurde aber nichts
Zahlreiche Polizisten waren im Einsatz bei der Bombendrohung im Februar 2011
Das Migros wurde weiträumig abgesperrt

Zahlreiche Polizisten waren im Einsatz bei der Bombendrohung im Februar 2011

Christof Ramser

Tatsächlich stand in den Medien damals nichts von einer Damentoilette - nur bei einer fast am gleichen Tag hinterlegten Bombendrohung gegen eine Walliser Migrosfiliale stand das Wort explizit drin.

Am Donnerstag geht der Prozess mit dem psychiatrischen Gutachten weiter. In der Hinterhand hat die Staatsanwaltschaft noch das graphologisches Gutachten.

Die Schriftprobe hat die Angeklagte selbst vorgeschlagen. «Dann kann ich gleich wieder gehen», habe sie sich dabei gedacht. Das ist zweieinhalb Jahre her.