Biberist
Leiterin des Sozialdienstes: «Die Arbeit ist sicher nie langweilig»

Marlies Jeker ist Leiterin des Sozialdienstes der Sozialregion Biberist-Bucheggberg/Lohn-Ammannsegg. Sie steht oft zwischen den verschiedenen Fronten.

Rahel Meier
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Marlies Jeker kennt die Widersprüche in der Arbeit auf dem Sozialamt aus eigener Erfahrung bestens.

Marlies Jeker kennt die Widersprüche in der Arbeit auf dem Sozialamt aus eigener Erfahrung bestens.

Hanspeter Bärtschi

Wie muss man sich Ihre Arbeit als Leiterin des Sozialdienstes vorstellen?

Marlies Jeker: Sicher nicht langweilig! Die Palette reicht von der Betriebs- und Personalführung über die Zusammenarbeit und Kommunikation mit den Anschlussgemeinden der Sozialregion, Kanton, Fachkommissionen bis hin zu Abklärungen für die neue Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB). Gerade die Zusammenarbeit mit der KESB ist sehr intensiv. Weiter bin ich in diversen Vorständen von sozialen Institutionen tätig. Ganz wichtig ist eine gute Vernetzung. Leider ist es mir aus zeitlichen Gründen nicht mehr möglich, selbst Fälle in der Sozialhilfe zu führen.

Wenn Sie die Aufgaben vergleichen mit denen von 2001. Was hat sich verändert?

Vom kleinen Sozialamt mit vier Angestellten haben wir uns zu einem professionellen Dienst, der 13 Mitarbeitende beschäftigt, entwickelt. Die Anforderungen an die Stellenleitung sind gestiegen. Ohne grundlegende Kenntnisse über Führung, Organisationsentwicklung und Finanzen kommen wir kaum mehr aus. Der administrative Aufwand ist ebenfalls grösser geworden. Die Kommunikation, intern wie auch extern, hat ebenfalls an Bedeutung gewonnen.

Zur Person

Marlies Jeker ist gelernte Buchhändlerin und hat einige Jahre in ihrem Beruf gearbeitet. Erst nach ihrem 30. Lebensjahr begann sie die Ausbildung als Sozialarbeiterin an der Fachhochschule. Im Jahr 1998 kam sie als Sozialarbeiterin nach Biberist und übernahm 2001 die Leitung des damaligen Sozialamtes Biberist. Seit der Bildung der Sozialregion Biberist-Bucheggberg/Lohn-Ammannsegg (BBL) im Jahr 2009 hat sie die Leitung des Regionalen Sozialdienstes inne.

Der Sozialregion angeschlossen ist die AHV-Zweigstelle. 12 Mitarbeiterinnen und ein Mitarbeiter teilen sich insgesamt 9,9 Vollzeitstellen. Dazu kommen eine Praktikantin, eine KV-Auszubildende und externe Fachkräfte, die auf Mandatsbasis angestellt werden. Der Sozialkreis BBL betreut zurzeit rund 300 Mandate im Kindes- und Erwachsenenschutzrecht (früher «Vormundschaft» genannt) und 230 Sozialhilfedossiers. (rm)

Die Sozialhilfe wird immer teurer. Womit kann denn im Sozialbereich Geld eingespart werden?

Im Zuge des allgemeinen Spardrucks wird wieder einmal mehr über eine Kürzung der Richtlinien für Sozialhilfe (SKOS) debattiert, was aber kaum zu wesentlichen Einsparungen führt und zudem auf dem Rücken der Schwächsten ausgetragen wird. Die Richtlinien werden uneinheitlich angewendet, da sie noch nicht in allen Kantonen verbindlich gelten. Eine bundesweite Gesetzgebung würde für mehr Klarheit sorgen.

Einer der Kostentreiber im Kanton Solothurn ist im Bereich der Beschäftigungsprogramme für erwerbslose Personen zu orten, welche grundsätzlich sinnvoll sind, aber meines Erachtens viel mehr auf ihre Wirksamkeit hin überprüft und ausgewertet werden müssten. Da besteht Handlungsbedarf. Wir haben sehr gute Erfahrung mit kleineren Unternehmen gemacht, welche sehr individuell mit den Teilnehmenden arbeiten und gute Lösungsquoten erreichen. Sehr hoch sind auch die Kosten für Kinder, welche aus verschiedenen Gründen von den Eltern wegplatziert werden müssen und die Heimkosten im Allgemeinen. Vor grosse Herausforderungen stellt uns der demografische Wandel. Die Menschen werden immer älter, was zwar sehr schön ist, aber halt auch Einfluss auf die Kosten hat. Wir stellen eine markante Zunahme bei den Ergänzungsleistungen zur AHV fest.

Wie ist das, wenn man sich nach allen Seiten rechtfertigen muss?

Die Sozialregionen haben einen gesetzlichen Auftrag zu erfüllen und die Gemeinden kämpfen mit steigenden Sozialhilfeausgaben. Dies führt zwingend zu Diskussionen. Das ist einfach eine Realität, der man sich stellen muss. Wenn ich damit nicht umgehen kann, bin ich an der falschen Stelle.

Das haben Sie ja erst gerade erlebt, als ein Nachtragskredit kritisiert wurde.

Das ist richtig und zeigt ja genau diesen Widerspruch auf. Der Gemeinderat hat eine andere Sichtweise vom Geschäft als ich. Er soll und muss sogar kritische Fragen stellen. Manchmal merke ich dann erst an der Sitzung selber, dass ich die Komplexität des Sachverhaltes unterschätzt und dem Gemeinderat zu wenig Informationen geliefert habe. Da muss ich dann jeweils nachbessern.

Bei diesem Betrag ging es um die sogenannten externen Mandatsträger.

Richtig. Mandate kennen Sie besser unter dem Begriff Beistandschaften. Das sind in aller Regel Fachleute, die in unserem Auftrag Fälle im Kindes- und Erwachsenenschutz führen, wo Laien wegen der Komplexität an ihre Grenzen stossen.

Was heisst das?

Machen wir ein Beispiel. Die Rechnungen für die Grossmutter zu zahlen, die im Altersheim ist, kann sicher von einem Sohn oder einer Enkelin erledigt werden. Wenn diese Grossmutter aber stark dement ist, unter Umständen noch psychische Probleme hat und gleichzeitig noch komplizierte administrative oder finanzielle Angelegenheiten geregelt werden müssen, dann kommen Angehörige in aller Regel an ihre Grenzen.

Es entsteht der Eindruck, als ob der Papierkrieg immer grösser werde. Täuscht das?

Nein. Der administrative Aufwand hat sich in den letzten Jahren deutlich vergrössert.

Ein Beispiel?

Zum Beispiel ist der Verkehr mit den diversen Krankenkassen, die alljährliche Überprüfung der Prämien, der Schriftverkehr, Zahlungen und Überprüfung der Leistungsabrechnungen mit einem immensen Aufwand verbunden. Wir haben darauf reagiert und die Administration aufgestockt, damit die Sozialarbeitenden sich vermehrt auf ihre beraterischen Aufgaben konzentrieren können, um ihren Auftrag der Integration erfüllen zu können.

Ist man heute weiter weg von den Menschen?

Es ist wohl eher so, dass wir unsere personellen Ressourcen möglichst effizient einsetzen müssen und wir uns halt dann im Einzelfall nicht immer die Zeit nehmen können, die es eigentlich brauchen würde. Hausbesuche liegen nur in Ausnahmefällen drin. Vor der Einsetzung der KESB hatte ich einen direkten Austausch mit dem Kommissionspräsidenten der Vormundschaftsbehörde. War etwas sehr dringend, konnten wir das telefonisch vorbesprechen und dann in relativ kurzer Zeit handeln. Die KESB hat ihren Sitz in Solothurn. Die Wege sind länger und formalistischer geworden, die Verfahren komplizierter und dauern auch länger.

Biberist war schweizweit in den Schlagzeilen wegen eines krassen Sozialbetruges. Wie viele solcher Fälle gibt es effektiv?

Das ist schwierig zu beurteilen. Allgemein geht man von einer Quote von zwei bis fünf Prozent aus. Ein Betrugsfall ist relativ schwer nachzuweisen. Dafür braucht es speziell ausgebildete Sozialinspektoren, wie sie in anderen Kantonen zum Einsatz kommen. Denkbar wäre meines Erachtens die Schaffung eines Pools von Sozialinspektoren auf kantonaler Ebene, auf den die Sozialregionen bei Bedarf zugreifen könnten. Gefährlich finde ich, Sozialhilfebezüger dem Generalverdacht des Missbrauchs auszusetzen.

Wie wird betrogen?

Der klassische Fall ist Schwarzarbeit, die nicht angegeben wird.

Und wenn ein Klient erwischt wird?

Dann werden die Leistungen gekürzt, oder er muss Geld zurückzahlen. In krassen Fällen kann es auch zu einer Verzeigung kommen. Dieses Mittel mussten wir jedoch noch nie anwenden.

Wie kontrollieren Sie die Angaben Ihrer Klienten?

Selbstverständlich werden nur Gelder ausbezahlt, wenn alle notwendigen Unterlagen, welche die Bedürftigkeit belegen, wie Bankauszüge, Lohnausweise, AHV-Ausweis, die letzten Steuerveranlagungen und weitere Papiere vorliegen und durch unsere Mitarbeitenden sorgfältig geprüft worden sind.

Die Bucheggberger Gemeinden wollen aus der gemeinsamen Sozialregion austreten. Beeinflusst das Ihre Arbeit?

Ich arbeite gerne mit den Bucheggbergern zusammen. Es wäre schade, wenn die Sozialregion tatsächlich aufgelöst würde. Dies auch deshalb, da wir ja anfänglich mit grossen Schwierigkeiten gestartet sind und sich zwei unterschiedliche Kulturen zuerst finden mussten. Inzwischen klappt die Zusammenarbeit aber sehr gut. Die aktuelle politische Diskussion beeinflusst unseren beruflichen Alltag vorläufig noch nicht wesentlich. Allerdings ist mir sehr an einer raschen Lösung gelegen, da die ungewisse Zukunft bei den Mitarbeitenden langfristig Unsicherheit auslöst und eine Planung schwierig macht.

Biberist habe viel mehr Sozialfälle, sagen die Bucheggberger.

Auch wenn die Bucheggberger das nicht gerne hören: Wir erleben es immer wieder, dass sich Sozialhilfebezüger aus dem Bucheggberg in Biberist anmelden, da sie hier günstigen Wohnraum, die notwendige Infrastruktur und schulergänzende Tagesstrukturen finden, welche im Bucheggberg nicht vorhanden sind. Biberist ist durchaus bereit, diese Leute aufzunehmen, erwartet aber von den Bucheggbergern dafür auch die entsprechende Unterstützung und Solidarität. Im Übrigen ist immer nur von den Sozialhilfefällen die Rede. Im Kindes- und Erwachsenenschutz haben der Bucheggberg sowie Lohn-Ammannsegg ähnlich hohe Fallzahlen wie Biberist. Diese sind in der Regel personalintensiver als die Fälle in der Sozialhilfe.

Wieso ist es überhaupt zu diesem Streit gekommen.

Die Betriebskosten können über den Lastenausgleich abgerechnet werden. Schon als das neue Sozialgesetz 2008 in Kraft trat, war klar, dass der damals festgesetzte Betrag von 1500 Franken pro Dossier nicht ausreichend ist, um die effektiven Betriebskosten zu decken. In den Sozialregionen gehen wir heute von 2200 bis 2400 Franken pro Fall aus. Der Bucheggberg will nun die Kosten, welche durch den Lastenausgleich nicht abgegolten werden, hälftig nach Einwohner und Anzahl Dossiers auf die Gemeinden verteilen. Biberist würde dadurch mit mindestens 80 000 Franken jährlich zusätzlich belastet. Dies wurde vom Gemeinderat Biberist nicht akzeptiert. Bereits 2011 wurde der ursprünglich im Vertrag festgelegte für alle Gemeinden gleiche Sockelbeitrag abgeschafft. Dies hat Biberist Mehrkosten im Umfang von 70 000 Franken beschert.