Schönenwerd
Leiterin der Haushaltschule war eine Vorkämpferin für richtige Ernährung

Die Haushaltsschule Schönenwerd hatte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine bekannte Lehrerin: Adele Bieber machte sich in der ganzen Schweiz mit ihren Vorträgen zu Haushalt, Kochen und gesunder Ernährung einen Namen.

Beat Streuli
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Adele Bieber mit ihren Schülerinnen in der Küche des Sälischulhauses. zvg

Adele Bieber mit ihren Schülerinnen in der Küche des Sälischulhauses. zvg

In der Abteilung «Essen und Trinken im 19. Jahrhundert» des Ballyana-Museums in Schönenwerd ist Folgendes zu lesen: «Kartoffeln, Milchkaffee und Schnaps war ein typisches Arbeitermenü.» Gutes und gesundes Essen ist aber die Voraussetzung für eine gute Leistung des Menschen.

Maria Rosina Gschwind (9. Februar 1849 bis 8. Mai 1904), eine besondere Frau aus dem Emmental und Gattin von Pfarrer Adolf Gschwind, dem ersten christkatholischen Geistlichen in Starrkirch, war eine Vorkämpferin für richtige Ernährung. Mit Vorträgen in der ganzen Schweiz klärte sie die damalige Bevölkerung über Haushalten und Kochen sowie richtige Ernährung auf. «Was sollen unsere Mädchen lernen?», fragte sie und antwortete: «Gebt ihnen eine einfache, ordentliche Schulbildung, lehrt sie eine gute Hausmannskost kochen, Waschen, Bügeln, Kleider anfertigen. Macht ihnen begreiflich, dass eine gute Küche viel an der Apotheke spart. Lehrt sie Einkäufe machen und nachrechnen.»

In den Jahren 1887 bis 1891 organisierten Albertine Schenker, Maria Rosina Gschwind und eine weitere Kollegin Spezialkurse für Hauswirtschaft in Schönenwerd. Am 15. März 1909 erklärte der Gemeinderat Schönenwerd den Besuch der Haushaltungsschule als obligatorisch.

Erinnerungen einer Schülerin

Eine ganz besondere Bewohnerin des Bally-Stammhauses und geschätzte Lehrerin an der neu gegründeten Hauswirtschaftsschule war Adele Bieber (13. Juni 1887 bis 27. Januar 1975). Marie Bally-Prior, damals Präsidentin der Hauswirtschaftsschule, bewegte sie dazu, die Stelle zu übernehmen und stellte sie auch ein. Adele Bieber unterrichtete Primar- und Bezirksschülerinnen im Kochen sowie in Wäschepflege und Bügeln. Von 1913 bis 1954 versah sie ihre Aufgabe mit vollem Elan. Nach ihrer Pensionierung lebte sie bei ihrer Schwester in Basel. Das selbst verfasste «Kochbuch für Schule und Haus» steht noch heute in vielen Haushaltungen in den Gemeinden des damaligen Bezirksschulkreises.

Schon damals ass das Auge mit

Von 1938 bis 1941 besuchte Margrit Peerenboom-Rüthi den Unterricht bei Adele Bieber. Sie erinnert sich an viele Details des Unterrichts. Zuerst wurde im Esszimmer im hinteren Teil der Schulküche das Menü besprochen. Gekocht wurde dann nach der neusten Ernährungslehre. Es wurde nicht nur die Kochkunst vermittelt, denn im Schulgarten pflanzten die Schülerinnen unter Anleitung der Lehrerin Gemüse und pflückten das Obst von den vorhandenen Bäumen. Der Ertrag aus dem Garten wurde im Unterricht verwertet oder an die Dorfbewohner verkauft. Eine ganz besondere Aufmerksamkeit galt auch dem Tischdecken mit richtigen Tellern und Besteck – damals schon im Sinne der Devise, dass das Auge mitisst.

Die Schwestern Brigitte Streuli und Liliane Abegg-Streuli besuchten ebenfalls den Hauswirtschaftsunterricht bei Adele Bieber. Sie schilderten die Lehrerin so: «Sie war eine strenge, bestimmende Persönlichkeit, jedoch stets ausgeglichen und geduldig. Wir schätzten sie und besuchten den Unterricht gerne. Die Speisen schmeckten immer gut und bei den Menüs fehlte die tägliche Suppe nie. Sparsamkeit war insbesondere während des Zweiten Weltkrieges angesagt. Fleisch kam vielleicht zweimal pro Woche auf den Tisch. Daneben wurden die Mädchen in den Fächern Nahrungsmittellehre, Tisch decken, Putzen, Waschen und Bügeln unterrichtet, also in allem, was eine Hausfrau wissen sollte.»

Sendungen: Beliebt, aber kein Ersatz

Die Kochschule Schönenwerd besteht heute noch. Allerdings gibt es das Seminar für Hauswirtschaftslehrerinnen nicht mehr. Die Ausbildung wird nur noch im Nebenfach geführt. Heute sind Kochsendungen am Fernsehen sehr beliebt. Die Arbeitsschritte werden in der Regel gut dargestellt, aber eine Grundschule in Hauswirtschaftslehre können die Sendungen nicht ersetzen.

Quellennachweis: Schönenwerder «Chrone-Zitig» vom Juni 2012; Dorfbuch von Otto von Däniken, Archiv Ballyana, «Chrone-Zitig» Nummern 25/2006 und 31/2009.