Solothurn
Leben wie die «Augstgauer Alamannen» vor 1500 Jahren

«Augstgauer Alamannen» nennt sich eine Living-History-Gruppe aus dem Raum Solothurn. Anhand von archäologischen Funden und «learning by doing» versuchen sie, das Leben der Spätantike und des Frühmittelalters in ihrer Freizeit zurekonstruieren.

Nadine schmid
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Ivo Loosli und Yves Bönzli, genannt Ivo und Solwin, in ihren Rüstungen.

Ivo Loosli und Yves Bönzli, genannt Ivo und Solwin, in ihren Rüstungen.

Zwischen 300 und 600 nach Christus wurde über offenem Feuer gekocht, aus Holzgeschirr gegessen, alle Gebrauchsgegenstände wurden selbst hergestellt. Und so leben auch die Augstgauer Alamannen in ihrer Freizeit, wie es damals gang und gäbe war: ihre Kleidung nähen sie selbst, schnitzen Holzbecher, bauen Rüstungen und Schilder. «Durch Living History eignet man sich die Handwerkskunst der jeweiligen Epoche an», erklärt Alexandra Rohn, genannt Alrun. Sie und Ivo Losli (Ivo) sind die beiden Oberhäupter der Gruppe, denn sie gehören zu den Gründern, welche die Augstgauer vor rund sieben Jahren ins Leben gerufen haben. Im vergangenen Jahr hat die Gruppe sich von Grund auf reorganisiert; aktuell umfasst sie acht Mitglieder, ein Mitglied stammt aus Basel, alle anderen leben im Kanton Solothurn.

Ihren Namen leiteten die Augstgauer von der Landschaft «Augstgau» ab, die im achten Jahrhundert das Gebiet zwischen Rhein und Aare, also auch jenes des Kantons Solothurn, bezeichnete. Sie stellen das Leben von 300 bis 400 und 500 bis 600 n. Chr. nach. Für die Spätantike und das Frühmittelalter haben sie sich neben ihrer Faszination für diese Epochen entschieden, weil damals die Frauen noch viel mehr Freiheiten genossen als später. Gerade im vierten Jahrhundert war das Gebiet der Schweiz noch nicht stark christianisiert. Frau und Mann sind bei den Augstgauern denn auch gleichberechtigt.

Jährlich tritt die Gruppe an fünf bis sechs historischen Anlässen auf, wie dem historischen Handwerkermarkt in Huttwil oder den Ritterspielen Ehrenberg im Tirol. Für eine solche Teilnahme gibt es viel zu organisieren, was an den monatlichen Sitzungen besprochen wird. Als Gäste besuchen die Augstgauer gerne weitere Anlässe, eingeladen von anderen Living-History-Gruppen. Untereinander organisieren sie traditionelle Feste der Alamannen, zu denen die typischen Jahreszeitenfeste mit den entsprechenden Ritualen gehören.

Zum Nachbauen der Objekte halten sich die Augstgauer gerne an im Internet veröffentlichte Anleitungen. Um ihr Wissen zu erweitern, besuchen sie aber auch Museen, lesen historische Texte und organisieren Workshops, bei denen sie zusammensitzen und sich eine Fertigkeit gemeinsam erarbeiten. Sie leben nicht nur ihre Geschichte, sondern geben sie gerne an die Besucher der Events weiter. Auf Tischen werden dann Gegenstände präsentiert und Erklärungen dazu geliefert. Die Augstgauer benutzen während eines Anlasses Vornamen aus der Alamannen-Zeit. Jeder wird dann zu einer fiktiven eigens geschaffenen Figur. Einer Person, die aber charakterlich ganz auf das Mitglied zugeschnitten ist.

Die Gruppe versteht sich als eine Art Sippe. Es ist ihr wichtig, dass sich jedes Mitglied wohl darin fühlt. Ein weiteres Anliegen ist, dass jeder sich selbst entfalten und kreativ sein kann. Living History lässt ihnen diesen Spielraum.

Neben dieser Art, Geschichte zu erleben, gibt es noch das sogenannte «Re-
enactment», bei welchem man sich ausschliesslich auf tatsächliche historische Ereignisse und auf belegte Funde stützt. Dabei werden Geschehnisse auch nachgespielt. So weit gehen die Augstgauer nicht.

Durch ihr Hobby kommen die Augstgauer auch der Natur näher. Man sei unter Leuten und lebe unter einfachsten Bedingungen. «Wir benützen dann unsere Handys nicht. Es ist befreiend, nicht immer erreichbar sein zu müssen», beschreibt Alexandra. Diese Art zu leben zeige ihnen einerseits den teilweise übertriebenen Luxus der Gegenwart auf, andererseits lerne man Dinge unserer Zivilisation bewusster schätzen, wie zum Beispiel ein bequemes Bett.

Trotz ihrer Faszination für die Vergangenheit vergessen die Augstgauer darüber die Realität nicht. Jeder übt einen Beruf aus und geht noch weiteren Freizeit-Aktivitäten nach.

Die Augstgauer Alamannen sind unter diesem Namen auf Facebook zu finden. Sie suchen Mitglieder. Interessenten können sich über info@augstgauer-alamannen.ch melden. www.augstgauer-alamannen.ch