Sie liebt ihren Einkaufswagen mit den übergrossen Rädern, geeignet für Schneematsch, und sie mag den Langenthaler Stapi Thomas Rufener. «Er weiss, wo bei Hochwasser in der Stadt die Schleusen zu öffnen sind.» Die Zuneigung von Cornelia Meyer ist nicht ganz selbstlos, wohnt sie doch exponiert an der Langeten. Früher war die Sorge vielleicht weniger begründet, weil sie häufiger an ihrem Wohnsitz in London anzutreffen war als in der Oberaargauer Metropole.

Aktuell zeichnet sich ab, dass die kleine, energische Frau mit Jahrgang 1959 je länger je mehr Zeit im vom Vater übernommenen Haus in Langenthal verbringen wird. Der Vater war Kreisoberförster. «Ich bin mit Holz aufgewachsen, mit Holz und Rissmoränen.» Ihre Grösse fiel schon ihren Eltern auf, weshalb sie Cornelia – «die chlini, bringi» – ein Jahr später zur Schule schickten. Wahre Grösse entwickelte Cornelia Meyer draussen in der weiten Welt, die sie mitprägt wie kaum ein anderer Mensch aus Langenthal.

Cornelia Meyer kennt viele Gegenden auf der Welt. Beispielsweise Tokio. Dort doktorierte sie an der Universität. Das Japanische hatte sie noch an ihrem Schweizer Studienort St. Gallen gelernt, als sie zweimal wöchentlich nach Zürich fuhr, um die Schriftzeichen zu lernen. «Ich war eine traurige Studentin, sass an den Samstagabenden zu Hause am Tisch und lernte japanische Texte.» Als Ausgleich zum wissenschaftlich geprägten Unterricht lernte sie Hebräisch.

Mitleid mit dem Pfarrer

«Wohl eher, weil ich Mitleid mit dem Familienfreund Pfarrer Küenzi hatte, der das Fach mit wenig Erfolg anbot. Es war nervig, aber ich habe gelernt auszuharren.» Japan wählte sie nicht wegen der Kultur. Sie sah es als Möglichkeit der Profilierung. In der Schweiz war die Konkurrenz für die Wirtschaftsstudentin gross. «Viele gingen nach Amerika. Ich wählte Südostasien. Mir gefallen Entwicklungsregionen, aber dort muss man in die Zentren gehen, in meinem Fall also Japan.»

Die Schweizer Wirtschaft empfand sie damals als frauenfeindlich. «Ich bin vom Typ her nicht die Charmante, Nette. Aber wenn Sie Kompetenz suchen, sind Sie bei mir am richtigen Ort.» Ruppig und kratzbürstig könne sie sein.

Das kleine Regierungsstipendium besserte sie in Tokio mit Nebenjobs bei The Economist und Financial Times aus. «Ich erhielt Geld und lernte Englisch zu schreiben, eine tolle Lösung.» Sie wurde Beraterin eines japanischen Politikers. «Er hat mich immer die schweizerische Frau Thatcher genannt.» Neun Jahre blieb sie in Japan. Der Politiker, den sie beriet, wurde Aussenhandelsminister und sie Ministerberaterin. «Ich verstand mich ausgezeichnet mit ihm. Er sah wie ein Sumoringer aus und wurde später auch Premierminister.»

Nicht die Liebe war schuld

Nicht die Liebe habe sie in Japan zurückgehalten. «Jedes Mal, wenn ich gehen wollte, hat die nächste interessante Aufgabe auf mich gewartet.» Die Aufgaben seien ihre Liaisons, begegnet sie Fragen nach Privatem. Die nächste Aufgabe wartete bei der UBS, wo sie Länderrisiken für Asien und Regierungsbeziehungen mit Japan bearbeitete. Nach Japan kam die Asiatische Entwicklungsbank in Manila, Philippinen. «Wer Länderrisiken bearbeitet, soll auch einmal bei jemandem tätig sein, der das letzte Risiko übernimmt. Das sind die Entwicklungsbanken.» Sie wollte aber nicht bei der Weltbank in Washington, sondern draussen bei einer regionalen Entwicklungsbank wirken.

Drei Jahre war sie in Manila und erhielt den Energiesektor des indischen Subkontinents zugeteilt. Dafür pendelte sie unentwegt zwischen Manila und dem Subkontinent hin und her. «Meine beste Anstellung.» Die meiste Zeit verbrachte sie in Pakistan. «Ich liebe dieses Land immer noch heiss. Ein schwieriges und faszinierendes Land.» Natürlich lebte sie auf westlichem Standard. Aber sie habe immer wieder versucht, die Sachen, die ihre Bank finanzierte, unangemeldet anzuschauen. «Wenn man sich ankündigt und ein Band durchschneidet, funktioniert alles.» Mit viel englischem Humor berichtet sie von ihren Episoden. Vom Sinn ihres Tuns ist sie zutiefst überzeugt. «Sie können hier schon den Lichtschalter drücken, haben Strom und gleichzeitig den Sinn des Strom liefernden Kraftwerks in Pakistan anzweifeln. Gehen Sie mal drei Monate lang Wasser und Holz schleppen, dann reden wir nochmals darüber».

Neben Japanisch spricht Cornelia Meyer auch Russisch. «Ich spreche schlecht Russisch. Aber dann heisst es sofort, schlechtes Russisch ist besser als kein Russisch.» Noch in den Philippinen wurde sie von der City-Bank angeworben für Grenzen überschreitende Finanzierungen. Von London aus beackerte sie Russland und hat «wahnsinnig viel gelernt». In Russland half sie die darniederliegende Gazprom aufzubauen.

1998 nach Amerika geholt

Anschliessend wurde sie 1998 von General Electric nach Amerika geholt. 2004 wechselte sie zurück nach London zu BP, der früheren British Petrol. Sie betreute unter anderem ein Jointventure zwischen BP und der russischen TNK und restrukturierte in Westsibirien den Bereich Oil Field Services. «82 Firmen mit 55000 Mitarbeitern, und ich habe nicht einmal eine Liste mit all ihren Aktivitäten erhalten. Das war ein Chaos. Gott sei Dank gab es Blumen – für den Wodka.» Die Firma wurde später bekannt, weil Gerhard Schröder 2008 in den Aufsichtsrat berufen wurde. «Es war klar, dass zu viele Mitarbeiter beschäftigt sind, aber man kann nicht in Westsibirien quasi eine Stadt kalt stellen. Das geht nicht.»

Seit 2008 ist Cornelia Meyer selbstständig. «Ich berate Leute und Firmen im makroökonomischen und im Energiebereich. Dabei arbeite ich sehr viel im arabischen Raum.» Sie habe immer einen guten Draht zur islamischen Welt gehabt und gerne mit den moslemischen, asiatischen Ländern (Malaysia, Indonesien) gearbeitet. «Das darf man in Langenthal ja fast nicht sagen, wir haben ja Minarettverbot.» Sie sei damals extra nach Langenthal geflogen, um ihre Stimme persönlich abzugeben. Zweimal im Monat arbeitet sie als Expertin für BBC World News, und bei CNN wurde sie zur Thougtleaderin (Expertin) für die Wirtschaften von Entwicklungsländern erkoren. Sie ist ebenfalls seit 2010 ein Mitglied der Global Agenda Council für Energiesicherheit des World Economic Forums (WEF).

In den letzten Jahren sei sie eine völlig überzeugte Langenthalerin geworden. «Langenthal ist gross genug, dass man diese Grösse spüren kann und klein genug, dass man sich noch kennt. Man ist hier noch anständig miteinander.»