Zuchwil/Biberist
«KZ-Leben für Schweine»: Tierschützer attackiert zwei Alters- und Pflegeheime

Erwin Kessler, radikaler Tierschützer und Präsident des Vereins gegen Tierfabriken, schlägt wieder zu. Er erhebt gegen zwei Alters- und Pflegeheime in Zuchwil und Biberist schwere Anschuldigungen. Die Beschuldigten wehren sich.

Simon Binz
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Erwin Kessler beschuldigt Alters- und Pflegeheime. Diese verteidigen ihre Tierhaltung. Kastenstände für Säue seien während des Zuchtzyklus nicht verboten.

Erwin Kessler beschuldigt Alters- und Pflegeheime. Diese verteidigen ihre Tierhaltung. Kastenstände für Säue seien während des Zuchtzyklus nicht verboten.

key/zvg

Die Vorgeschichte von Erwin Kessler und dem Elisabethenheim Bleichenberg in Zuchwil ist lang. Seit 1992 poltert der Präsident des umstrittenen Vereins gegen Tierfabriken (VgT) gegen das katholische Schwesternheim. Grund ist der Schweine-Zuchtbetrieb. Bezeichnete Kessler in der Vergangenheit die Schweinehaltung als «grauenhaft und heuchlerisch», wird den Schweinen in einer Ende Juli veröffentlichten Mitteilung «ein KZ-Leben» attestiert.

Die Anschuldigungen sind heftig: «Sogar die wenigen, völlig ungenügenden gesetzlichen Mindestvorschriften werden missachtet: keine Beschäftigungsmöglichkeit mit Stroh oder Ähnlichem». Oder: «Aus blosser Geldgier wird ein Tier-KZ betrieben.» Den Bericht illustriert Kessler mit Aufnahmen, die nach seinen Angaben in diesem Sommer gemacht wurden. Besonderer Stein des Anstosses für den Tierschützer sind Mutterschweine in den «berüchtigten Folterkäfigen, sogenannten ‹Kastenständen›».

Kastenstände: Nur vorübergehend

Schwere Anschuldigungen, die André Meister, Betriebsleiter des Zuchtbetriebs seit März 2012 so nicht stehen lassen will. «Von diesen Fotos sind mindestens vier sehr alt, stammen also noch aus der Zeit vor dem Stallumbau, der Jahre zurückliegt.» Es sei schwer für ihn Stellung zu nehmen zu Anschuldigungen, die seiner Meinung nach aus der Luft gegriffen seien.

Meister erklärt aber, warum die Tiere in den Kastenständen sind. «Während des Zuchtzyklus halten wir die Mutterschweine für einige Tage in diesen Ständen.» Dies geschehe zum Schutz der Tiere. «In dieser Zeit hocken die Schweine einander auf, reagieren wie wilde Hyänen.» Würde man sie nicht vor sich selber schützen, könnten die Tiere gar Knochenbrüche erleiden», so Meister. Ausserdem sei es erlaubt, die Schweine für einige Tage so zu halten.

Das bestätigt Kantonstierärztin Doris Bürgi vom kantonalen Veterinäramt: «Kastenstände sind eigentlich verboten, ausser für wenige Tage während des Zuchtzyklus.» Auch sie hat die Fotos angeschaut und sich erste Gedanken dazu gemacht. «Aufgrund der Bilder sieht das Stallsystem konform mit der Gesetzgebung aus.» Die Bilder würden aber nicht für eine abschliessende Beurteilung reichen, darum werde der kantonale Veterinärdienst den Fall vor Ort beurteilen. Übrigens: Der kantonale Veterinärdienst überprüft alle Hinweise ungeachtet deren Herkunft.

Kaninchenhaltung im Visier

Ein weiterer Fall von «Tierquälerei» auf der Liste von Erwin Kessler ist die Kaninchenhaltung im Alters- und Pflegeheim Läbesgarte Bleichematt in Biberist. «Die Verantwortlichen dieses Heimes halten Kaninchen seit Jahren wissentlich tierquälerisch», heisst es in einer zweiten Mitteilung des VgT.

Kaninchenställe im Alters- und Pflegenheim Bleichenmatt

Kaninchenställe im Alters- und Pflegenheim Bleichenmatt

Zur Verfügung gestellt

Diese Anschuldigungen lässt Sascha Gelbhaus, Geschäftsführer des «Läbesgarte» nicht auf sich sitzen: «Gemäss meiner Meinung entspricht der Stall allen mir bekannten Regeln der Tierhaltung.» Er habe Kessler in einer Stellungnahme geschrieben, dass er nicht ausschliesse, dass es heute bessere Lösungen gebe und er deshalb für einen Dialog offen sei. «Ich plädiere nicht auf Unfehlbarkeit, ich offeriere ihm uns zu helfen, aber seine polemische Art sich auszudrücken macht eine Zusammenarbeit unmöglich», so Gelbhaus.

Bereits in seiner Stellungnahme habe er Kessler gesagt, dass er in den nächsten zwei bis drei Wochen die Tierhaltung durch den Verband Kleintiere und durch das kantonale Veterinäramt überprüfen lassen werde.

«Vom Veterinäramt wird demnächst jemand vorbei kommen», sagt Gelbhaus und auch der Verband Kleintiere werde im Oktober wieder eine Kontrolle durchführen. «Der letzte Bericht vom September 2011 bescheinigt uns eine einwandfreie Tierhaltung.»

Die Kritik von Kessler geht Gelbhaus spürbar nahe. «Ein älterer Herr unseres Heims kümmert sich mit viel Liebe um die Kaninchen, darum kann ich nicht verstehen, warum uns Tierquälerei vorgeworfen wird.»