Künstleratelier

Künstlerin Sabrina Tiller: «In meinen Träumen ist das Wetter immer schön»

Sabrina Tiller in ihrem Atelier in Biberist. Dank des Förderpreises kann sie sich eine Zeit lang ihren künstlerischen Interessen widmen.

Sabrina Tiller in ihrem Atelier in Biberist. Dank des Förderpreises kann sie sich eine Zeit lang ihren künstlerischen Interessen widmen.

Sabrina Tiller aus Biberist beleuchtet das Wechselspiel zwischen Bestimmtem und Unbestimmtem. Letztes Jahr bekam sie einen kantonalen Förderpreis. Ein Besuch in ihrem Künstleratelier.

Das Titelbild einer Broschüre zeigt die Tuschzeichnung eines chinesischen Meisters der Malerei und heisst «Der Stein». Die Broschüre ist Bestandteil einer Arbeit zum Thema Erinnerungen von Sabrina Tiller. Fasziniert beschreibt sie in der grosszügigen Wohnung im Mehrfamilienhaus am Herrenweg 1 die Zeichnung, die vom Wechselspiel zwischen Bestimmten und Unbestimmten lebt.

Die Wohnung diente früher Kadermitarbeitern der ehemaligen Papierfabrik in Biberist. Zur Arbeit mussten sie nur die nahe Derendingenstrasse queren. Lange durften nur sie dort wohnen. Heute haben auch Sabrina Tiller mit ihrem Mann Patrik Kofmehl und ihrem Kind diese Adresse. Eines der vielen grossen und hohen Zimmer mit Blick in ein kleines Wäldchen benutzt Tiller als Atelier.

Ein DDR-Kind

Die 32-jährige Sabrina Tiller hat eine Verbindung zur «Papieri». «Mein Vater arbeitete viele Jahre hier, ging aber schon lange, bevor die Fabrik geschlossen wurde. Deswegen sind wir hier gelandet.» Seit ihrer Ankunft in der Schweiz habe sie immer in Biberist gewohnt an vier verschiedenen Orten im Umkreis von 200 Metern. Ihre Eltern kamen nach der Wende 1991 in die Schweiz. «Ich bin ein DDR-Kind. In der Schule lernte ich noch einige Vokabeln Russisch.» Ihr Vater ist Papieringenieur. Nach der Wende habe er wenig Zukunftsperspektiven in Greiz gesehen. «Sie freuten sich eigentlich auf einen Neuaufbau, aber damals war die Tendenz, dass alles aus dem Osten alt und nicht entwicklungswürdig ist. Und sie erwarteten, dass die Papierfabrik ebenfalls geschlossen wird.» Sein Heimatort Greiz sei heute ein romantisches, etwas baufälliges Städtchen mit einer - heute noch produzierenden - Papierfabrik.

Künstlerisch hat Sabrina Tiller im letzten Jahr auf sich aufmerksam gemacht. Sie erhielt einen kantonalen Förderpreis. Zu den Werken, die sie der Jury vorlegte, gehörte die Abschlussarbeit an der Berner Kunsthochschule Fachrichtung Visuelle Kommunikation mit dem Thema Erinnerungen. «Eigentlich geht es um Unbestimmtheit. Wie kann etwas Unbestimmtes im Bild produktiv wirken und das Sehen beeinflussen?» Ihren Arbeiten liegen meistens innere Fragen zugrunde, sagt sie. Konkret wollte sie wissen, wie sie die Erinnerung an einen Ort aus ihrer Kindheit sichtbar machen könne.

In langen Diskussionen mit ihrer Mutter sei sie beispielsweise Bildern aus der Vergangenheit näher gekommen. Sie stellte Selbstversuche an und versuchte sich akribisch zu erinnern. Die Herausforderung der Abschlussarbeit bestand darin, dieses Ringen um die Erinnerung sichtbar zu machen. Tiller verwendete dazu Texte und Fotos. «Am Ende hatte ich das Gefühl, die Balance zwischen dem Bestimmten und dem Unbestimmten sei entscheidend in den Bildern.» Die Arbeit konnte sie im Künstlerhaus präsentieren.

Glatt geriebener Stein

Erinnerung sei ein sehr privates Thema und gleichzeitig ein dankbares, weil viele Menschen sich davon angesprochen fühlten. Betrachter seien schnell auf das Thema aufgesprungen und begannen von ihren mehr und weniger klaren Erinnerungen zu sprechen. «Ich glaube, je öfters man sich erinnert, umso mehr gleicht die Erinnerung einem glatt geriebenen Stein. In meinen Träumen ist meistens schönes Wetter, es hat keinen Schmutz, alles ist aufgeräumt, irgendwie steril.»

Zusammen mit ihrer Mutter besuchte sie im Rahmen der Arbeit noch einmal Greiz. «Es war seltsam. Meine Mutter fand es keine gute Idee, als sie aber dort war, war sie sehr angetan und sprach unentwegt von den Veränderungen zu früher.» Es sei ihr aber nicht um die Aufarbeitung der eigenen Geschichte gegangen, betont Tiller . «Mich interessiert, wie ich ein Bild in meinem Kopf, das sich so schwer fassen lässt, wie ich dieses Bild auf ein Blatt Papier bringen oder sprachlich umsetzen kann.» Sie habe beinahe wissenschaftlich das Thema Erinnerung bearbeitet.

Künstlerische Ader vom Opa

Nach ihrer Erstausbildung als Lehrerin für die Oberstufe unterrichtete sie drei Jahre in Mümliswil, bevor sie mit dem Studium begann. Heute gibt sie Deutsch für Fremdsprachige an der Volkshochschule in Integrationskursen, Abendkursen und Alphabetisierungskursen für fremdsprachige Erwachsene. Seit dem Ende des Studiums arbeitet sie zudem als freischaffende Grafikerin und Designerin. «Der Förderpreis hilft mir nun, meine künstlerische Tätigkeit etwas auszubauen. Ich will eine Zeit lang frei schaffen können an Projekten, die mich persönlich interessieren.»

An der Wand hat Sabrina Tiller , deren Grossvater ebenfalls künstlerisch tätig ist, zwei neuere Fotoarbeiten aufgehängt. Eine Kunstpelzdecke, darunter versteckt, nicht definierbar, menschliche Körper. Es ist, als wiederholt sie in dieser Arbeit das Wechselspiel zwischen Bestimmten und Unbestimmten.

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