Gerlafingen/Solothurn
«Klein-Istanbul»-Vermieter bleiben auch vor Gericht hart

Die neuen Besitzer des Wohnblocks in Gerlafingen geben auch vor Gericht kein bisschen nach. Nicht einmal eine Mieterstreckung bis im März kommt für sie infrage. Sie wollen die Mieter raus haben, um aus den Wohnungen mehr Profit zu schlagen.

Christoph Neuenschwander
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Einige wehren sich, andere sind – sehr zur Freude der Besitzer – bereits aus dem Arbeiterviertel «Klein Istanbul» ausgezogen.

Einige wehren sich, andere sind – sehr zur Freude der Besitzer – bereits aus dem Arbeiterviertel «Klein Istanbul» ausgezogen.

Hanspeter Bärtschi

Man muss sich schon Mühe geben, um so unsympathisch zu wirken. Kühl, abgebrüht und distanziert stehen sie in der Eingangshalle des Oberamts in Solothurn: die beiden Vermieter, der Anwalt und die Praktikantin.

Geschlecktes Haar, feine Anzüge, herablassende Blicke, geradezu so, als versuchten sie mit Absicht, die Bösewichte in einem Kinderfilm zu mimen. Es ist Freitagmorgen, kurz vor der Schlichtungsverhandlung. Während die vier Vertreter der Narva Properties AG aus Sarnen finster aus ihrer Ecke der Eingangshalle spähen, sitzen die Mieter aus «Klein Istanbul» nervös auf ihren Sitzbänken in der anderen Ecke. Man will sie raushaben aus den Blöcken im Gerlafinger Quartier, und zwar alle, das ist den Mietern bewusst. Kampflos wollen sie das aber nicht über sich ergehen lassen.

Seit 40 Jahren lebe er in diesem Block, sagt Antonio Castrovinci. Nun hat er eine neue Wohnung in Aussicht. Dennoch ist er mit den acht wehrhaften Mietparteien zum Schlichtungstermin erschienen, aus Solidarität.

Ende 2013 übernahm die Narva Properties diverse Immobilien in Gerlafingen, Anfang 2014 kündigte sie allen 48 Mietern per September. «Wir hatten nicht viel Zeit, etwas Neues zu finden», sagt Castrovinci. Zumal es im Preissegment von «Klein Istanbul» kaum Alternativen gibt.

«Ich zahle jetzt für meine 3-Zimmerwohnung 875 Franken», sagt Milan Grujic, der seit zwei Jahren im Viertel wohnt. Wieso die Vermieter alle Blöcke generalüberholen wollen, versteht er nicht.

Sein Appartement sei erst gerade renoviert worden. Aus «Klein Istanbul» wegzuziehen fände er zwar schade, aber er sei bereit dazu. Gut wäre jedoch, wenn er noch etwas mehr Zeit hätte. Eine Mieterstreckung bis März 2015 würde ihm für die Wohnungssuche vermutlich schon reichen.

Ein durchaus realistisches Begehren, bedenkt man, dass die Narva Properties ohnehin nicht alle Mieter wie geplant bis September aus den Gebäuden kriegt. Etliche Kündigungen waren ungültig, erklärt Clivia Wullimann, die Anwältin der Mieter. «Bei den Ehepaaren wurde nicht wie vorgeschrieben beiden Partnern gekündigt.» Durch die nachträgliche Korrektur verschiebt sich der Termin auf März 2015.

Absolut kompromisslos

Dann geht es los: Die alleinerziehende Mutter, die vor einem Jahr nach «Klein Istanbul» gezogen ist, um in der Nähe ihres Vaters zu wohnen, wird als Erste zusammen mit Wullimann und den Vermietern ins Sitzungszimmer gerufen.

Später diskutieren alle Parteien gemeinsam – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Als die Verhandlungen vorbei sind, schüttelt Wullimann bloss den Kopf: «Die geben kein Jota nach. Nicht einmal bei Mieterstreckungen bis März.» Und zu ihren Klienten sagt sie: «Die wollen Euch loswerden!»

Auch Milan Grujic ist enttäuscht. «Die waren überhaupt nicht kompromissbereit.» Der nächste Schritt steht somit fest: Wer bis in einem Monat keine Wohnung hat, zieht mit Wullimann ans Amtsgericht.

Als «stur» bezeichnet die Anwältin ihre Opponenten. «Wenn wir jetzt vor Gericht gehen, können sie auch nicht bauen», sagt sie. Und ohnehin scheine mit dem Umbau noch vieles unklar. «Es liegen weder Baupläne noch eine Baubewilligung vor.» Zudem lassen Äusserungen des Vermieters den Schluss zu, dass die Projektfinanzierung erst geregelt werden kann, wenn alle Mieter weg sind. Medien erhalten von Narva Properties aber keine direkte Auskunft.

«Das ist ethnische Säuberung»

«Die wollen die Bewohner ausräuchern wie Heuschrecken», sagt Wullimann. «An der Sitzung haben die nur ihr Geschäftsmodell vorgestellt», berichtet sie: «Günstigen Wohnraum kaufen, umbauen und an Investoren weiterverkaufen, die dann, ohne gegen das Gesetz zu verstossen, die Mieten um einige Hundert Franken erhöhen können.»

Dass in «Klein Istanbul» sozial schwächere, kranke und alte Menschen leben, habe Vermieter Christopher Lillefelth und Konsorten nicht beeindruckt. «Der hat nur arrogant gesagt, das sei ein legales Geschäftsmodell», so Wullimann.

Die einen nennen es Geschäftsmodell, die junge Mutter vom Block nennt es «ethnische Säuberung». Bereits jetzt komme ihr das früher so multikulturelle Quartier in der Arbeitergemeinde Gerlafingen unheimlich vor.

Viele seien bereits ausgezogen, nachts habe sie Angst, weil sie in ihrem Teil des Blocks praktisch alleine wohne. Einer, der nicht gehen will, ist Selvaratnam Sureshkumar, dessen drei Kinder in Gerlafingen verwurzelt sind. Und auch der 75-jährige Türke Kemal Kaja gibt sich kämpferisch: «Ich bleibe bis zum letzten Tag in meiner Wohnung sitzen.»

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