Utzenstorf
Kerzenmacher Theo Schulthess: «Advent ohne Kerzen ist unvorstellbar»

Zu Besuch bei der Schulthess Kerzen GmbH in Utzenstorf, einem der noch wenigen Hersteller in der Schweiz.

Franz Schaible (Text)und Felix Gerber (Bilder)
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Zu Besuch in Theo Schulthess Kerzen-Fabrik
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Die Kerzenproduktion im Überblick
Die Kerzenherstellung erfolgt in Handarbeit
Der 105 Grad heisse Wachs fliesst in Messbecher
Die Farbstoffe werden dem Wachs beigemischt
Die Duftstoffe sind gelagert
Die Duftstoffe warten auf die Weiterverarbeitung
Theo Schulthess füllt die Schablonen mit flüssigem Wachs
Die Kartonschablonen werden mit dem flüssigen Wachs gefüllt
Dutstoffe sorgen für die unterschiedlichsten Aromen
Der in der Mitte zentrierte Stahlstab schafft Hohlraum für das spätere Einsetzen der Dochte
Kerzen in Reih und Glied, bereit zum Verschicken

Zu Besuch in Theo Schulthess Kerzen-Fabrik

Felix Gerber

Kariertes Hemd, Jeans, Jeansjacke, währschafte Schuhe und die wilden Haare zusammengebunden: Theo Schulthess entspricht nicht dem gängigen Bild eines erfolgreichen Unternehmers. Er ist es trotzdem. Der heute 65-Jährige startete 1978 mit einigen Pfannen und einem alten Kochherd in einem ehemaligen Kuhstall in Deisswil-Stettlen seine zweite Berufskarriere. «Ich wollte nicht mein ganzes Berufsleben im Büro verbringen», blickt der gelernte Kaufmann und Kalkulator zurück. Auf die Kerzenproduktion ist er per Zufall gestossen und vor allem deshalb, weil es dazu praktisch kein Startkapital brauchte.

Heute, 37 Jahre später, sind seine Kerzen im Geschenk- und Blumenhandel ein Begriff und ein Synonym für Schweizer Qualität. Aus rund 120 Tonnen Wachs, gewonnen aus dem bei der Rohölverarbeitung anfallenden Paraffin, produziert die Schulthess Kerzen GmbH – diesen Sommer nach Utzenstorf gezügelt – mit sieben Angestellten jährlich zwischen 350 000 und 400 000 Kerzen.

Theo Schulthess dreht den Zapfhahn am Schmelzbecken auf, der 105 Grad heisse Wachs fliesst in einen Messbecher. Geübt giesst er die Flüssigkeit in meterlang aufgereihte zylindrische Formen aus Karton. Nach einer kurzen Auskühlphase zentriert er eine Schablone auf jede Form, lässt einen Stahlstab in die Mitte der noch weichen Masse gleiten. Der so geschaffene Hohlraum dient der Platzierung des Dochtes. Nach dem Setzen des Dochtes giesst der Kerzenexperte flüssigen Wachs nach, um die Hohlräume zu füllen. Die aus der Schablone herausgelöste Kerze bearbeitet er noch kurz mit dem Messer am oberen Rand, bringt die entsprechende Banderolle an, um die Kerzen dann in schmucke Kartons zu verpacken.

Was in der heutigen Zeit der Automation fast archaisch anmutet, ist eines seiner Erfolgsrezepte. «Wir stellen unsere Kerzen vollständig in Handarbeit her. Das Label ‹handmade› wurde zum wichtigen Marketinginstrument», erzählt er auf dem Rundgang in der Grosshalle. Sogar die Dochte aus Baumwolle werden von Hand auf die entsprechende Länge geschnitten und einzeln gewachst. «Nur so können wir uns von der Massenware unterscheiden.»

Und diese hat es nicht zu wenig in der Schweiz. Rund 90 Prozent der hierzulande verbrauchten Kerzen stammen aus dem Ausland, vorab aus grossindustrieller Produktion in Osteuropa und Asien, wie Schulthess, gestützt auf Angaben des Europäischen Kerzenverbandes, weiss. Laut Verbandsangaben ist die Schweiz ein guter Absatzmarkt. Mit einem jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von fast drei Kilogramm liegen wir europaweit fast an der Spitze.

Zurück in der produktionshallenennt Schulthess weitere Gründe, warum auch in diesem globalisierten Markt ein Kleinstunternehmen bestehen kann. Aus rund 40 verschiedenen synthetischen Farbstoffen auf Paraffinbasis, die dem Rohstoff beigemischt werden, können beliebig viele Farbtöne designt werden. Dasselbe gilt für den Verkaufsschlager, die Duftkerzen – 85 Prozent des Absatzes entfallen auf diese «Sorte». Der Kerzenspezialist kreiert über 200 verschiedene Aromen, gewonnen aus Duftölen. Fast drei Tonnen Duftöle verarbeitet der Betrieb jährlich. Viele davon werden aus der französischen Parfumstadt Grasse importiert. So ist denn die Halle mit den verschiedensten Düften erfüllt. Für den Besucher nicht unangenehm, aber gewöhnungsbedürftig.

Theo Schulthess öffnet die Schubladen eines Korpus’, die mit Farbstoffen und Behältern für die Duftstoffe gefüllt sind. Farbstoffe werden im Milligramm-, Duftstoffe im Grammbereich dem flüssigen Wachs beigemischt. «Wir arbeiten mit eigens entwickelten Rezepturen – wie ein Apotheker», sagt er lachend. Wie beim Apotheker sind auch die Preise höher als im Durchschnitt. «Das stimmt, aber viele Kunden sind bereit, für die Qualität, die Handarbeit und die Individualität der Kerzen etwas mehr zu bezahlen.»

Mit diesen Duftkerzen sei ihm der Durchbruch gelungen. Als erster der Schweiz habe er mit deren Produktion begonnen, also in einem typischen Nischenmarkt. Hier gebe es kaum Konkurrenten. Aber die Grossverteiler und Discounter verkaufen doch auch Kerzen mit Aromen? Ja schon, sagt Schulthess. Aber dabei handle es sich ausschliesslich um Kerzen im Glas. «Wir sind die Einzigen, die Duftkerzen in Zylinderform, sogenannte Stumpenkerzen, produzieren.» Dem Familienbetrieb gelingt es gar, ebenfalls ennet der Grenze zu punkten. «Wir können 30 Prozent der Produktion im Ausland absetzen, primär in Deutschland», berichtet Schulthess stolz. Die Schweizer Kunden sind Geschenkboutiquen, Floristikgeschäfte, Drogerien, aber auch Warenhäuser wie Manor und Loeb.

Seit september läuft dieProduktion auf Hochtouren. Die hohe Nachfrage in der Vorweihnachtszeit will abgedeckt sein. Besonders gefragt seien in dieser Zeit Kerzen mit der Geschmacksrichtung nach Zimt, Orangen, Nüssen oder Vanille. «Ein Advent ohne Kerzen ist für sehr viele Menschen unvorstellbar.» Zusammen mit seiner Tochter Leonie leitet der Firmengründer den Betrieb, sein Bruder Markus ist Produktionsleiter. So ist gesichert, dass der Familienbetrieb auch ein Familienbetrieb bleibt.