Energiezukunft
Keine Lust auf Teamwork: Nachbarn ziehen Langenthal den Stecker

Bätterkinden, Utzenstorf und Wiler oder die Stadt Thun und ihre Nachbarn machten es vor. Anders in Langenthal: Die Nachbargemeinden lehnen einen gemeinsamen Energierichtplan ab.

Samuel Thomi
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Anders als Thun oder die Gemeinden Untere Emme muss Langenthal die Energiezukunft allein planen.

Anders als Thun oder die Gemeinden Untere Emme muss Langenthal die Energiezukunft allein planen.

Hanspeter Bärtschi

Die Mitteilung versprach keine grossen News: Der Gemeinderat von Langenthal bewilligt 125 000 Franken für die Erarbeitung eines kommunalen Richtplans Energie. Dabei mitmachen sollen Vertreter aus Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Bevölkerung, teilte die Stadt vor zehn Tagen mit.

34 Gemeinden betroffen

Als eine der ersten Berner Gemeinden hat es Thun vorgemacht: Mit vier Nachbarn erarbeitete die Stadt einen regionalen Richtplan Energie. Denn Energiefragen machen nicht an Gemeindegrenzen halt. Seit März ist der Energierichtplan Thun und Umgebung in Kraft.
Ziel des Richtplanes ist die 4000-Watt-Gesellschaft bis im Jahr 2035. Das soll – ähnlich wie es die letzte Woche verabschiedete Energiestrategie 2050 auf Bundesebene will – mit Energiesparen, Energieeffizienz und Förderung erneuerbarer Energien geschehen. Für rasche Resultate soll nebst Sanierungen der Verbrauch von Heizöl durch erneuerbare Energien ersetzt werden.
Der Kanton Bern verpflichtet im Energiegesetz 34 grössere energierelevante Gemeinden innert 10 Jahren zu einem Energierichtplan. Nochmals so viele werden eingeladen, sich freiwillig behördenverbindliche Ziele zu setzen. (sat)

Doch die «Schweiz am Sonntag» weiss: Eigentlich hatte Langenthal Grösseres vor. Statt die Energiezukunft allein zu planen, hätten auch die Nachbargemeinden in den neuen Energierichtplan einbezogen werden sollen. Doch das Angebot stiess rundweg auf Ablehnung.

«Klar sind wir enttäuscht», sagt auf Anfrage Pierre Masson. Der für Energie und Umweltschutz zuständige Langenthaler Gemeinderat ergänzt aber auch: «Fairerweise muss man natürlich sagen, dass ein überkommunaler Energierichtplan nicht jeder Gemeinde gleich viel bringt.» Während Aarwangen oder Lotzwil «eher von einem gemeinsamen Energierichtplan profitieren könnten», sei der Nutzen gerade für kleinere Gemeinden geringer. «Und vielleicht ist einfach auch der Druck des Kantons für die umliegenden Gemeinden noch zu wenig gross.»

Auf der anderen Seite tönt es ähnlich: «Was uns am Infoabend von der Stadt vorgestellt wurde, ist zwar eine sinnvolle Sache», sagt Daniel Ott. Doch der Gemeindeschreiber von Thunstetten-Bützberg gibt zu bedenken: «Wir sind dafür zu klein.» Die Gemeinde habe keine Ressourcen für die Planungsarbeiten. Und erst recht nicht für die spätere Umsetzung von Massnahmen.

In dieselbe Kerbe schlägt Aarwangen: «Der Gemeinderat ist der Meinung, dass wir zuerst ein Energiekonzept brauchen, bevor wir uns hinter einen Richtplan machen», sagt Gemeindepräsident Kurt Bläuenstein. «Danach können wir uns eine punktuelle Zusammenarbeit mit Langenthal allenfalls vorstellen, wenn die Stadt dann noch interessiert ist.»

Auch Roggwil will nicht für alle Zeiten die Türe zuschlagen. Doch gibt Gemeindepräsident Erhard Grütter zu bedenken: «Mit dem Wärmeverbund, einem Kleinwasserkraftwerk und der Strassenbeleuchtung stehen wir gut da.» Darum habe der Gemeinderat auch bereits im März abgesagt. Hoffnungsvoller tönts für Langenthal einzig aus Bleienbach: «Wir brauchen zwar nicht zwingend einen Energierichtplan, sprechen aber sicher nochmals mit der Stadt», sagt Gemeindepräsident Daniel Benevento.

Als erste und bisher einzige Gemeinde im Oberaargau hat Herzogenbuchsee seit 2009 einen Richtplan Energie und trägt seit sechs Jahren zudem das Label Energiestadt. Wie sich Gemeindeverwalter Rolf Habegger erinnert, stellte sich aufgrund der Gesetzeslage damals gar nicht die Frage, ob man die Nachbarn in die Planung einbeziehen sollte. Wenn schon, hätte man den westlichen oder gleich den ganzen Oberaargau gemeinsam anschauen müssen. «Zudem war zu diesem Zeitpunkt auch noch kein Fukushima-Effekt vorhanden, der das Bewusstsein für Energiefragen veränderte.»

In Niederbipp dagegen wurde bereits einmal versucht, über die Gemeindegrenzen hinweg die Energiepolitik zu koordinieren, erzählt Gemeindeschreiber Thomas Reber-Kohler. Das war allerdings vor rund zehn Jahren, als man mit Oensingen und Balsthal zusammen im Rahmen der «Virtuellen Stadt» eine engere Zusammenarbeit über die Kantonsgrenzen hinweg prüfte. Doch das Projekt scheiterte und damit auch der Versuch einer koordinierten Energiepolitik mit den zwei Solothurner Gemeinden.

Dass ein gemeindeübergreifender Energierichtplan – wie er in Langenthal eben gescheitert ist – definitiv keine Hexerei ist, beweisen im angrenzenden Emmental Bätterkinden, Utzenstorf und Wiler. Erst im vergangenen Frühling hat der Kanton Bern den überkommunalen Richtplan Energie Untere Emme genehmigt. Dessen Herzstück sind 15 Massnahmenblätter. Werden alle darin aufgelisteten Projekte in den drei Gemeinden wie geplant umgesetzt, steigt der Anteil erneuerbarer Energien für den Wärmebedarf in den drei Gemeinden bis in 20 Jahren von heute 20 auf 70 Prozent. Zudem könne die Abwärme dannzumal zu 7 statt heute 4 Prozent genutzt werden.