Papiermarkt
Ist Rohstoff Altpapier bald Mangelware?

Die Papierfabrik Utzenstorf hat vorgesorgt und sich mit einem fünfjährigen Rahmenvertrag Nachschub gesichert. Zu den Lieferanten von Utzenstorf gehören über 800 Gemeinden.

Franz Schaible
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Blick in die Papierfabrik Utzenstorf
7 Bilder
Altpapieraufbereitung: Er hat alles im Blick
Ein Blick auf die zwei Papiermaschinen «Mona» und «Lisa»
Aus dem Altpapier wurde neues Papier. Aufgezogen auf grossen Rollen.
Die grossen Rollen müssen noch unterteilt werden.
Diese Rolle ist bereit, ausgeliefert zu werden.
Gestapelte Papierrollen

Blick in die Papierfabrik Utzenstorf

Hansjörg Sahli

Schweizerinnen und Schweizer sind Weltmeister im Recycling, so auch beim Sammeln von Altpapier. Rund 1,3 Millionen Tonnen wurden im vergangenen Jahr eingesammelt, was einer Sammelrate von 91 Prozent entspricht, wie dem Geschäftsbericht des Verbandes der Schweizerischen Zellstoff-, Papier- und Kartonindustrie zu entnehmen ist. Das wäre eigentlich genug, um die Nachfrage nach dem Rohstoff in der Schweiz abzudecken, erklärt Stefan Endras, Geschäftsleiter der Papierfabrik Utzenstorf AG, nach Perlen Papier der zweitgrösste Verwerter von Altpapier in der Schweiz. Aber Altpapier ist inzwischen zu einem global gehandelten Rohstoff für die Herstellung von Zeitungs- und Beilagenpapier geworden. So wurden im vergangenen Jahr 43 Prozent des eingesammelten Papiers und Karton aus der Schweiz exportiert, gleichzeitig importierten die Schweizer Verarbeiter 258 000 Tonnen.

Sog aus Asien

Ist das nicht widersinnig? Endras lässt die Antwort offen, liefert aber Erklärungen für den lebhaften Handel. Bei den Ausfuhren handle es sich primär um Karton und die Sorte Mischpapier, also Altpapier und Karton gemischt. Es sei aber schon so, dass die Nachfrage, global betrachtet, steige, vor allem aus dem asiatischen und südamerikanischen Raum. Beispielsweise seien 2011 rund 8 Millionen Tonnen Altpapier von Europa nach China verschifft worden. «Das führt auch im Schweizer Markt zu einer gewissen Sogwirkung», sagt Endras.

Und die im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelte Importmenge sei grösstenteils auf die Papierfabrik Perlen zurückzuführen. Die 2010 erfolgte Inbetriebnahme ihrer neuen Papiermaschine verdreifache bei Vollauslastung deren Papierproduktion. Ergo brauche Perlen mehr Altpapier, was sie über Importe abdecke, wie die Aussenhandelsstatistik zeige.

Inlandgeschäft leidet unter der Frankenstärke

Rund um die Uhr während 361 Tagen laufen die Papiermaschinen in der Papierfabrik Utzenstorf AG. Im vergangenen Jahr «sammelte» der Recyclingbetrieb mit 250 Angestellten 258 000 Tonnen Altpapier ein. Davon wurden 20 000 Tonnen als Karton aussortiert und an Kartonfabriken verkauft. Aus dem «reinen» Altpapier produzierten die Maschinen 203 000 Tonnen neues Papier, davon zwei Drittel Zeitungspapier und ein Drittel für Werbebeilagen. Das entspricht in etwa der Produktion im Vorjahr. «Rund die Hälfte exportieren wir», erklärt Geschäftsleiter Stefan Endras. Das Volumen könne im laufenden Jahr voraussichtlich gehalten werden. «Wir sind gut ausgelastet, obwohl sich der Papier- und Kartonmarkt europaweit rückläufig entwickelt.» Grosse Sorgen bereitet der Wechselkurs Euro/Franken. Nicht nur das Auslandgeschäft leide darunter, sondern auch das Inlandgeschäft. «Unsere Schweizer Kunden können das Papier günstiger im Euroraum einkaufen, was sich auch negativ auf unsere Preise auswirkt», sagt Endras. Operativ arbeite man mit knapp schwarzen Zahlen. «Falls der Wechselkurs unter 1.20 Franken fallen würde, dann würde es brenzlig.». Weniger fürchtet Utzenstorf die Konkurrenz durch den Kapazitätsausbau der Papierfabrik Perlen (siehe Haupttext). «Die Kundenstruktur ist unterschiedlich. Wir sind auf kleinere und mittlere Druckereien ausgerichtet, Perlen dagegen stark auf Grosskunden», erläutert Endras. (FS)

Utzenstorf sichert sich Nachschub

Deshalb habe der Zusatzbedarf des Konkurrenten bisher wenig Auswirkungen auf die Beschaffung in Utzenstorf. «Wir haben im vergangenen Jahr nur drei Prozent unserer verarbeiteten Menge importiert», erklärt Endras weiter (siehe Kasten). Falls sich aber der Frankenkurs abschwächen, die Einfuhren dadurch verteuern und Perlen den Bedarf vermehrt in der Schweiz abdecken sollte, «dann wird die Beschaffung des Rohstoffes sicherlich schwieriger». Mittelfristig hat sich die Papierfabrik Utzenstorf den Nachschub an Altpapier gesichert. «Seit Ende Mai können sich Gemeinden am neuen fünfjährigen Rahmenvertrag orientieren», erläutert Alain Probst, Geschäftsleitungsmitglied und Leiter des Altpapierwerkes. Dieser sei von der Wettbewerbskommission gutgeheissen worden.

Mindestpreise festgelegt

Zu den Lieferanten von Utzenstorf gehören über 800 Gemeinden, die den Grossteil anliefern sowie Druckereien und Entsorgerbetriebe. Im Rahmenvertrag seien die Preise festgelegt: 45 Franken pro Tonne für getrennte Ware bei einer Menge von unter 1000 Jahrestonnen und 55 Franken bei höheren Tonnagen. Es handle sich dabei um Mindestpreise, hält Probst fest. Grosslieferanten erhielten deutlich mehr. Das Prinzip, je höher die Menge, desto höher der Preis, erhellt Probst mit den Logistikdienstleistungen. So gelten die erwähnten Preise ab Sammelplatz in den jeweiligen Gemeinden.

Alle Aufwendungen für die Logistik, sprich Transport ins Werk nach Utzenstorf, übernimmt die Papierfabrik. Je höher die Menge, desto tiefer fallen die Logistikkosten pro Tonne aus. «Die Preise sind also nach oben flexibel und werden in Einzelverträgen mit dem Gemeinden abgeschlossen.» Der Altpapier-Experte betont zudem, dass die Preise auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie beispielsweise 2009 Gültigkeit hätten; damals war Altpapier wegen geringer Nachfrage praktisch wertlos.

Preis ist nicht Preis

Dass der Preis für den Rohstoff auch Einfluss auf die Exporte hat und einzelne Gemeinden und Entsorgerbetriebe ihr Altpapier deshalb auch an Meistbietende in Europa verkaufen, streitet Alain Probst nicht ab. Allerdings warnt er vor vorschnellen Preisvergleichen. In Europa orientieren sich die Marktpreise für Altpapier in der Regel nach dem Preisindex des deutschen Recycling-Branchendienstes Euwid.

Aktuell liegt der Preis pro Tonne sortiertes Altpapier bei rund 90 Euro oder umgerechnet 108 Franken, also deutlich höher als im erwähnten Rahmenvertrag mit den Schweizer Gemeinden. «Aber», so Probst, «dieser Preis versteht sich franko Werk. Das heisst, der Verkäufer muss sämtliche Kosten für Logistik und Transport selbst übernehmen.» Unter dem Strich sei die Differenz also gering. «Zudem bieten wir den Gemeinden eine vertraglich festgelegte Abnahmegarantie, also auch in Phasen, in denen Altpapier kaum gefragt ist.»