Doppel-Europameisterin
«In Rio ist für Giulia eine Medaille möglich», meint der Nationaltrainer

Die Europameisterschaften in Bern gehen mit zweimal Gold für Giulia Steingruber zu Ende. An der neuen Bodenübung will sie für die Olympischen Spiele noch feilen. «In Rio ist eine Medaille möglich», meint der Nationaltrainer.

Michael Forster
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Giulia Steingruber stösst sich ab...
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... und ab in die Luft.
Sie zeigte einen Tschussowitina und einen Jurtschenko
Steingruber freut sich riesig. Sie erhält 14,983 Punkte und gewinnt damit ganz knapp
Giulia mit ihrer Goldmedaille für den Sprung
Giulia Steingruber mit der 2.Platzierten Britin Elissa Downie (links) und Bronzegewinnerin Kseniia Afanaseva aus Russland.
Die Ostschweizerin hat sich neben dem Sprung noch für den Boden-Final qualifiziert.
Auch dort zeigt sie eine super Leistung – wie im Teamfinal am Samstag.
Für ihre Darbietung am Boden bekommt sie 15,200 Punkte.
Steingruber gewinnt Gold vor der Britin Elissa Downie 14,566 und Catalina Ponor aus Rumänien (14,466 Punkte)
Giulia Steingruber holt an den Europameisterschaften in Bern Doppel-Gol

Giulia Steingruber stösst sich ab...

KEYSTONE/PETER SCHNEIDER

Am Ende war in der Postfinance-Arena alles genau so herausgekommen, wie es sich die Mehrheit der 6000 Fans vorgestellt, ja erhofft hatte. War nach dem ersten Wochenende noch eine leise Enttäuschung darüber herauszuspüren, dass die Männer trotz sieben Gerätefinals «nur» die Bronze-Medaille von Christian Baumann am Pauschenpferd davongetragen hatten, ging am letzten Tag der Europameisterschaften beinahe alles auf – dank Giulia Steingruber. Sie war dank ihrer zwei Goldmedaillen nicht nur die grosse Figur des Finaltags, sondern der gesamten Heim-EM in Bern.

Es war ihr allerletzter Auftritt dieser Titelkämpfe, mit welchem sie für einen richtigen Begeisterungssturm sorgte. Zum ersten Mal überhaupt zeigte sie in einem Wettkampf ihre neue Bodenübung, mit welcher sie auch in Rio antreten wird. So viel vorneweg: Wenn sie an den Olympischen Spielen einen ähnlichen, vielleicht gar noch leicht verfeinerten Auftritt hinlegt, wie im Gerätefinal, dann muss die Konkurrenz aus China oder den USA um ihre Vormachtstellung fürchten.

Unglaubliche 15,200 Punkte resultierten nämlich für die 22-jährige Ostschweizerin in der Königsdisziplin des Frauenturnens, ein Wert, welcher ihr beispielsweise in London 2012 die Silbermedaille eingebracht hätte. «In Rio ist eine Medaille möglich», musste auch Zoltan Jordanov, der eher zurückhaltende Nationaltrainer, einräumen. «Allerdings müssen wir noch ein wenig an den Landungen arbeiten.»

Herzschlagfinal am Sprung

Auch die Turnerin selber sprach im Nachhinein davon, dass die Übung noch nicht ganz ausgereift sei, sie mit der Premiere aber durchaus zufrieden sei. «Im Training ist sie mir bedeutend weniger gut gelungen, als heute», so die neue Europameisterin, was auch am Adrenalin gelegen habe.

Vor allem bei den ersten beiden Diagonalen müsse sie «recht Power reingeben», meinte sie zur grössten Schwierigkeit der neuen Übung. Power, welche ihr zu Beginn des Finaltags ein wenig abzugehen schien. Im Sprung wäre ihr nämlich das sichergeglaubte Gold beinahe vor der Nase weggeschnappt worden.

Nach einem ersten starken Versuch, welcher ihr 15,500 Punkte eingetragen hatte, gelang ihr zweiter Sprung, der Jurchenko, gar nicht nach Wunsch. Anders als an der WM 2015 in Glasgow, als sie im Gerätefinal stürzte und eine Knieverletzung davontrug, war sie diesmal beim Anlauf eher zu langsam und patzte prompt bei der Landung: «Ich war froh, überhaupt auf den Füssen gelandet zu sein.»

Die für ihre Verhältnisse tiefe Gesamtnote von 14,983 liess sie bis zur letzten Kontrahentin um Gold zittern, doch es reichte schliesslich um fünf Hundertstel. Nicht nur das ganze Stadion hielt vor der finalen Bewertung der Britin Elissa Downie den Atem an, auch Steingruber selber konnte kaum mehr hinschauen. «Ich war fast nervöser, als wenn ich selber gesprungen wäre.»

Ob sie den Jurchenko tatsächlich schon bald durch ihren bedeutend schwierigeren neuen Sprung ersetzen wird, das konnten weder sie noch ihr Trainer abschliessend beurteilen. Jordanov bestätigte einzig die bereits im Vorfeld der EM getätigte Aussage, dass «Giulia den Sprung mindestens einmal vor Rio wettkampfmässig zeigen muss.»

Ansonsten werde es nichts mit der Performance an Olympia und gleichzeitig der Möglichkeit, dem bislang bei den Frauen noch nicht gezeigten Sprung den eigenen Namen zu geben. Steingruber bleiben dazu genau zwei Möglichkeiten: Entweder die Schweizer Meisterschaften in drei Wochen oder aber ein Länderkampf in Deutschland, welcher der letzte Formtest vor den Olympischen Spielen sein wird.

Gerätefinals

Sprung: 1. Giulia Steingruber (SUI) 14,983 (15,500/14,466). 2. Elissa Downie (GBR) 14,933. 3. Xenia Afanasjewa (RUS) 14,699 (14,866/14,533). 4. Sofia Busato (ITA) 14,599 (14,866/14,333). 5. Claudia Fragapane (GBR) 14,549 (14,933/14,166). 6. Teja Belak (SLO) 14,483 (14,666/14,300). 7. Zsofia Kovacs (HUN) 14,216 (14,933/13,500). 8. Katarzyna Jurkowska-Kowalska (POL) 13,700 (14,400/13,700).

Stufenbarren: 1. Rebecca Downie (GBR) 15,500. 2. Daria Spiridonowa (RUS) 15,466. 3. Aliya Mustafina (RUS) 15,100. 4. Kim Bui (GER) 14,533. 5. Kovacs 14,400. 6. Steingruber 14,166. 7. Gabrielle Jupp (GBR) 13,400. 8. Martina Rizzelli (ITA) 13,366.

Schwebebalken: 1. Mustafina 15,100. 2. Marine Boyer (FRA) 14,600. 3. Catalina Ponor (ROU) 14,266. 4. Ilaria Käslin (SUI) 14,233. 5. Angelina Melnikowa (RUS) 14,166. 6. Marine Brevet (FRA), Rebecca Downie und Gaëlle Mys (BEL) je 14,066.

Boden: 1. Steingruber 15,200. 2. Elissa Downie 14,566. 3. Ponor 14,466. 4. Fragapane 14,300. 5. Mara Titarsolej (NED) 13,933. 6. Brevet 13,900. 7. Mys 13,666. 8. Amélie Föllinger (GER) 13,466.