Am Freitag, 15. Juni, findet ein Offizier der italienischen Luftwaffe 19 Tausendernoten in Schweizer Franken im Sand verbuddelt am Strand von Rimini. Er bringt das Geld schnurstracks der Polizei, was der Lokalzeitung einen grossen Bericht mit Bild wert ist. Der Offizier wird zum ehrlichen Helden in einer Welt hochstilisiert, die von wirtschaftlichen Krisen und dem Verlust der wahren Werte geprägt ist.

Die ehemalige Postangestellte Marlies Walther aus Biberist ist überzeugt, dass genau diese 19 Tausendernoten ein Teil ihres Pensionskassengeldes sind, das ihr in Rimini geklaut wurde.

Eine Café-Bar, das war ihr Traum

Auch eineinhalb Monate nach dem Diebstahl ist Marlies Walther kaum fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Wie ein Häufchen Elend sitzt sie in der kaum möblierten Wohnung, auf dem Tisch ausgebreitet die Dokumente zu ihrer Geschichte. Sommer, Rimini, Strand und Meer, dazu eine kleine Café-Bar an der Promenade. Dies war ihr Traum, den sie mit ihrem 24 Jahre jüngeren Partner A.B.* aus Ex-Jugoslawien träumte.

Ende Mai kündete sie ihre Stelle und liess sich das Pensionskassengeld auszahlen. «Ich wollte schon lange selbstständig arbeiten.» Ein grosser Teil des Geldes ging weg für Rechnungen und den Occasions-Audi A4 für ihren Freund. Übrig blieben 48000 Franken und eben dieser Traum, den sie gemeinsam verwirklichen wollten. Die Wohnung in Biberist kündeten sie nicht. Falls ihr Vorhaben nicht von Erfolg gekrönt sein sollte, hätten sie zumindest ein Bein noch in der Schweiz.

Mit dem Messer bedroht

A.B. rekognoszierte im Februar in Rimini und wirklich, eine Café-Bar war zu kaufen. «Zwei Monate, bevor wir nach Rimini ausreisen wollten, quartierte mein Partner seinen Schwager Z.T.* in unserer Wohnung in Biberist ein. Dieser hatte Streit mit seiner Frau und mein Freund wollte helfen», berichtet Marlies Walther. Dieser Kollege habe dann ihren Partner gedrängt, endlich nach Rimini zu fahren, sagt Marlies Walther.

Bei einem weiteren Telefonat ergänzt Walther, der Kollege habe sie gar mit dem Messer bedroht. Also fuhren ihr Partner und sein Kollege nach Rimini – alleine. Marlies Walther sollte nachkommen. Sie händigte ihrem Partner die 48000 Schweizer Franken für den Kauf der Café-Bar aus. «Das war wohl ein Fehler.»

Tausendernoten im Sand verbuddelt

Am Freitag 8. Juni, fand der Traum von Marlies Walther und ihrem Partner A. B. ein jähes Ende. Er telefonierte ihr aus Rimini, dass sein Kollege
Z. T. ihm Geld und Auto abgenommen habe und damit nach Bosnien geflohen sei. Ihm habe er 3000 Franken zurückgelassen. Am folgenden Freitag fand der Offizier die 19 Tausender, worüber die Lokalzeitung fünf Tage später berichtete. Als Marlies Walther durch ihren Partner vom Bericht erfuhr, habe sie sofort gewusst: «Das ist mein Geld. Zumindest ein Teil davon.»

Marlies Walther reiste schnurstracks nach Rimini und fand dort ihren betrübten Partner. «Er berichtete, dass sein Kollege ihn mit dem Messer bedroht und ihm Geld und Auto abgenommen hatte.»

Die Polizei glaubte ihr nicht

Es sei unvorstellbar, dass ihr Partner mit seinem Schwager unter einer Decke stecke. «Er ist ebenso betroffen wie ich», sagt sie. «Er täuscht mich nicht, das hat er mir am Telefon gesagt. Und ich glaube ihm. Er ist viel zu stark von mir abhängig und ich von ihm», erklärt sie.

Sie ging zur örtlichen Polizei und erzählte ihre Geschichte. «Ich wurde aufs Übelste verhört und musste weinen.» Mit dem Resultat, dass die Polizei ihr ihre Geschichte nicht abnahm und die 19 Tausender nicht herausrückte, obwohl sie die entsprechenden Pensionskassenabrechnungen und Auszahlungsbelege vorgelegt habe. Seither versuche ihr Partner, ihr wenigstens wieder zu diesem Teil des geraubten Geldes zu verhelfen und darum sei er in Rimini geblieben.

Marlies Walther hofft auf Hilfe

Auch eineinhalb Monate nach dem Diebstahl hat sich Marlies Walther noch nicht durchgerungen, bei der Polizei Strafanzeige zu machen. «Doch, das will ich jetzt tun, auf jeden Fall gegen diesen Kollegen Z.T., der Geld und Auto gestohlen hat.» Ihr Partner könne die Reise zurück nicht bezahlen. «Er ist noch in Rimini.»

Sie will nun mit allen Mitteln wenigstens die 19 Tausender zurückbekommen. Diese Mittel sind äusserst beschränkt. Sie hat null Vermögen und null Einkommen. Das Sozialamt bezahle ihre Wohnung. Einen Anwalt könne sie sich nicht leisten. Wie sie zu den 19 Tausender kommen kann, die im Tresor der lokalen Polizei von Rimini lagern, weiss sie noch weniger. Via Auskunftsdienst habe sie Kontakt zu einem Anwalt in Zürich gefunden. «Er will zuerst 5000 Franken, bevor er sich dieses Falls annimmt», so Walther. Sie will sich nun ans Aussenministerium wenden und hofft auf Hilfe. Sie habe Kontakt zur Schweizer Botschaft. «Aber die sagen, ich brauche einen Anwalt, der sich italienisch verständigen kann.»

Gelassen zuschauen kann der Tragödie der Finder der Tausendernoten. Sollte innerhalb eines Jahres der Besitzer des Geldes nicht ausgemacht werden können, gehört es ihm.

*Namen sind der Redaktion bekannt.